Rezension zu Einführung in die analytische Körperpsychotherapie

Beratung aktuell. Zeitschrift für Theorie und Praxis in der Beratung, Heft 4/2016

Rezension von Rudolf Sanders

Peter Geißler & Günter Heisterkamp
Einführung in die analytische Körperpsychotherapie

Die institutionelle Beratungsszene ist über viele Jahrzehnte von Psychoanalytikern geprägt worden. Damit ist sie sehr offen für eine tiefenpsychologische Sichtweise der Interaktionsdynamiken der um Rat suchenden Menschen. Das vorliegende Buch macht auf die Weiterentwicklung der Psychoanalyse aufmerksam, in der zunehmend die relationale bzw. intersubjektive Auffassung von der Patient-Therapeut-Beziehung in den Blick kommt. Es gilt nämlich, diese unmittelbaren Wirkungszusammenhänge zwischen Ratsuchenden und Berater zu erfassen und auch angemessene Behandlungsmethoden zu erschließen. Dabei wird bezogen auf das herkömmliche Setting, in dem der psychische Raum sich weitgehend aus Übertragung und Gegenübertragung erschließt, in seiner bisher weitgehend unbeachtet gebliebenen leiblichen Dimension erschlossen. In diesem Prozess lernt der Berater, auf seine eigenen körperlichen und leiblichen Selbstbewegungen sowie auf die des Ratsuchenden zu achten und er übt sich darin, den körpersprachlichen Dialog zu führen, ohne den Prozess durch das Ansprechen dessen, was sich leiblich andeutet, gleich wieder zu blockieren. Denn das verbale Ansprechen oder Deuten des Geschehens ist nicht immer das Mittel der Wahl. Die Arbeit geschieht in einer Grundhaltung der Begegnung im Hier und Jetzt, ist nicht speziell theoriegeleitet, aber hat den Hintergrund einer soliden Ausbildung sowie einer fundierten psychoanalytischen körperpsychotherapeutischen Selbsterfahrung.

Theoretische Voreingenommenheiten im Kontakt mit Ratsuchenden werden weggelassen, ausgehend von dem Faktum, dass sich Lebensbewegung ohnehin nie exakt in theoretische Kategorien einpressen lassen. Denn Leben bedeutet Fließen und ständige Veränderung sowie hohe Kontextabhängigkeit. Dies wird besonders auch in der Paarberatung deutlich. Die Worte, die die Paare austauschen, sind das eine, aber viel wichtiger ist, das Wie des Miteinanders zu verstehen. Sich zu fragen: Welche Szene aktualisiert sich hier auf leiblicher Ebene, ohne dass die Ratsuchenden eine Bewusstheit dafür haben? An diesem Beispiel wird die intersubjektive Wende, die zunehmend an Einfluss in der analytischen Psychotherapie gewonnen hat, deutlich. Hier generiert sich ein neuer Übertragungsbegriff, der Übertragungsvorgänge nicht mehr nur als Folge der Projektionen der Ratsuchenden definiert, sondern auch die Person des Beraters / der Beraterin und ihren Beitrag zur Übertragung wirklich ernst nimmt. Übertragung und die Antworten der Gegenübertragung sind somit keine reine Schöpfung der Klienten mehr, sondern eine gemeinsam gestaltete, quasi co-kreierte Beziehung, in der letztlich nicht nur die inneren Schemata und Organisationsprozesse der Ratsuchenden gestaltend wirken, sondern auch die Persönlichkeit, Konflikte und Abwehrmuster des Therapeuten und die jeweilige Ausgestaltung der Beziehung beeinflussen.

Ein Buch, das mich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt hat, weil hier mein Tun in der Beziehungsberatung zum Teil Erklärung und Bestätigung gefunden, zum Teil aber auch wichtige Impulse bekommen hat.

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