Rezension zu Gruppenanalytische Pädagogik

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Rezension von Cornelia Krause-Girth

Thema

Entwicklungs- und Bildungsprozesse können erst dann in der Gruppe gut zur Entfaltung kommen, wenn das Denken, Fühlen und Handeln der Einzelnen im Netzwerk der Gruppe beachtet und verstanden wird. Dafür bietet die Gruppenanalyse – so Naumann – das geeignete Rüstzeug. Das Nicht-Verstehen der affektiven Dimensionen wie der institutionellen und gesellschaftlichen Aspekte des jeweiligen Gruppenprozesses kann dagegen zum Hindernis in der pädagogischen Gruppenarbeit werden.

Der Autor – Politologe, psychoanalytisch orientierter Pädagoge, Gruppenanalytiker und als Hochschullehrer für Pädagogik in der Ausbildung von Sozialarbeiterinnen selbst häufig in Gruppen tätig – entwickelt ausgehend von (s)einer kreativen und praktisch erprobten Verbindung von Gruppenanalyse und Pädagogik das Konzept einer Gruppenanalytischen Pädagogik. Er sieht in der Anwendung der Gruppenanalyse als einem »tief gehenden und emanzipatorischen Konzept« (Naumann 2014, S.17) »…Chancen für glücklichere und emanzipatorische Empfindungs- und Handlungsformen in psychosozialen Praxisfeldern.« »Gruppenanalytische Pädagogik. will die individualisierende Vereinzelung überwinden, die Effektivität und sinnliche Qualität der pädagogischen Gruppe in den Mittelpunkt rücken und damit einen Raum für Selbstbildungsprozesse in wechselseitiger Verständigung schaffen.« (S. 17)

Aufbau und Inhalt

Die »Einführung in Theorie und Praxis« (Untertitel) umfasst fünf Kapitel auf 170 Seiten. Schon das Einführungskapitel verweist auf den Hintergrund des Autors, die intensive Auseinandersetzung mit Subjektwerdung und Emanzipation in Kritischer Theorie und psychoanalytischer Sozialforschung (Naumann 2000). In der aktuellen gesellschaftlichen Situation der Vereinzelung, Entgrenzung, Ökonomisierung, Flexibilisierung und Gefühlsabwehr sieht Naumann zwei Möglichkeiten für die Gestaltung pädagogischer Gruppen: der Vereinzelung Vorschub zu leisten, z.B. durch individualisierendes Kompetenztraining und Abwehr von Affektivität oder Halt und Geborgenheit zu vermitteln und damit entwicklungsfördernde Bildungsprozesse vor allem aber Selbstbildung zu ermöglichen. Dass die Gruppenanalyse dafür die Grundlage biete, zeige schon Ihre Entstehungsgeschichte. Auf der Basis von Gestalttheorie, Psychoanalyse und Kritischer Theorie im britischen Exil von Foulkes  [1] in Auseinandersetzung mit der faschistischen Destruktivität entwickelt (S.29) kann Gruppenanalyse »als demokratisches Gegenmodell zu den gewaltvollen Verhältnissen verstanden werden, die den autoritären Charakter hervorgebracht haben« (ebd., S.25f., vgl. Köhnke 2011, S.11). Für den Autor ist die Bedingung gelingender Entwicklungs- und Bildungsprozesse in Gruppen anknüpfend an Adorno »ohne Angst verschieden« und zugleich »ohne Angst verbunden sein zu können« (Naumann 2014, S.29). Zweifellos ist für ihn Gruppenanalyse die beste Grundlage pädagogischer Gruppenarbeit.

Die primär interdisziplinär entstandene gruppenanalytische Theorie von Foulkes (Kapitel II), aktualisiert durch neuere Erkenntnisse aus Psychoanalyse, kritischer Sozialforschung und Neurowissenschaften wird unter drei Oberthemen dargestellt: Intersubjektivität und Affektregulierung, Gruppenmatrix und Gruppenprozess und die gruppenanalytische Haltung am Beispiel der Gruppenleitung. Der aktuelle intersubjektive Ansatz in der Psychoanalyse wird entsprechend seiner frühen deutschen Wurzeln in der gesellschaftskritischen Frankfurter Schule der siebziger Jahre im wesentlichen durch Lorenzers Konzept der Interaktionsformen und (später) des szenischen Verstehens beschrieben. Daneben stützt sich der Autor auf eine spezifische persönliche Auswahl von soziologisch-psychoanalytischen Theorien und Ansätzen, Bordieuxs Habitus Konzept, Mentzos Modell der Abwehrmechanismen, den Mentalisierungsbegriff der Bindungsforscher Fonagy und Target und Winnicots Übergangsraum.

Das zentrale Kapitel III, Die gruppenanalytische Pädagogik beschreibt er zunächst im Unterschied zur pädagogischen Gruppenarbeit, über das szenische Verstehen als zentraler Methode und die gruppenanalytische Supervision in pädagogischen Praxisfeldern. Beginnend mit der fast hundertjährigen Geschichte der pädagogischen Gruppenarbeit insbesondere der Reformpädagogik im Vergleich zur psychoanalytischen Pädagogik wie der Gruppenanalyse zeigt Naumann erstaunliche Parallelen auf, die eine Integration nahelegen.

Die notwendigen wichtigsten Fähigkeiten des gruppenanalytischen Pädagogen betreffen das szenische Verstehen in der Gruppe und die veränderte Leitungsfunktion. Das szenische Verstehen als zentrales Konzept für die Einzelarbeit psychoanalytischer Pädagogen erfährt eine Spezifizierung in Gruppen, wo nicht in sondern mit der Übertragung im Hier und Jetzt der Gruppe gearbeitet wird. Die Leitungsfunktion der Pädagogin orientiert sich am Entwicklungsprozess der Gesamtgruppe und fördert über die Selbstentwicklung der Gruppe die eigenaktive Entwicklung und Bildung der Einzelnen. Je mehr Verbundenheit und Spielraum für Individualität in einer Gruppe vorhanden ist, desto besser können sich die Einzelnen dort selbst entwickeln und ihre aktuellen Themen bearbeiten. Hier geht es nicht um Anpassung an vorgegebene individualisierte Ziele sondern um die Integration von Heterogenität. Der Leitung kommt die Aufgabe zu, die Kommunikation und Verbundenheit durch ein »affektfreundliches« Klima (S. 111) zu fördern und so zu begleiten, dass individuelle Veränderung möglich ist. Zugleich gilt es im Sinne der Optimalstrukturierung des institutionellen Rahmens – das pädagogische setting – kontinuierlich darauf zu überprüfen, ob es gelingende Entwicklungs- und Bildungsprozesse in der Gruppe ermöglicht (S.117f.). Nur dann lassen sich ihm emanzipatorische Potentiale abtrotzen (vgl. S.119). Das szenische Verstehen in der Gruppe umfasst damit nicht nur die aktuellen Beziehungen und aktualisierten individuellen Beziehungserfahrungen in der Gruppe, sondern auch ihr Verhältnis zum Thema der Gruppe und zum institutionellen Rahmen, der mehr oder weniger entwicklungsfördernd aber auch retraumatisierend sein kann (S.130).

Kapitel IV ist dem Tätigkeitsfeld des Autors geschuldet und zeigt anschaulich die keineswegs verbreitete Anwendung der Gruppenanalyse in Studiengängen der Sozialen Arbeit. Als Beispiele wählt er die Seminararbeit mit einer gruppenanalytischen Haltung, die gruppenanalytische Praxisreflexion und die Selbsterfahrungsgruppen für Studierende.

Mit dem Buch – so hofft resümierend im V. Kapitel der Autor – werden die Potentiale einer gruppenanalytischen Haltung spürbar: durch die Verknüpfung von Fühlen, Denken und Handeln wird »die Gruppe zu einem wunderbaren Übergangs-, Entwicklungs- und Bildungsraum«, der »einen lebendigen, freudvollen und förderlichen Gruppenalltag« ermöglicht (2014, S.161). Zugleich helfe »die Gruppenanalyse die Wurzeln des Destruktiven in Bildungsinstitutionen zu entdecken und zu bekämpfen« (vgl. Hutz 2004, S.20; Naumann 2014, S.162).

Für alle Pädagoginnen und Leser, die nun motiviert sind, eine solche gruppenanalytische Haltung zu erwerben, nennt Naumann abschließend die konkreten Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Hier wird die überaus positive, vielleicht idealisierende Sichtweise des Autors deutlich.

Diskussion

Fraglos braucht eine auf Emanzipation, Selbstbildung und eigenaktive Entwicklungsförderung zielende (konstruktivistische) Pädagogik eine geeignete Methode für die Arbeit mit Gruppen. Naumann füllt hier eine methodische Lücke, die Brandes (1999) schon länger benannt und durch Anwendung der Gruppenanalyse in der Vorschulpädagogik mit der »Selbstbildung in Kindergruppen« (Brandes 2008) gefüllt hat. Die Vereinbarkeit von (sozial-)konstruktivistischer Pädagogik und gruppenanalytischem Ansatz wurde für Kindergruppen damit überzeugend belegt.

Naumann erweitert die pädagogischen Anwendungsfelder der Gruppenanalyse von Vorschulkindern bis zu Erwachsenen, von den eigentlich pädagogischen Gruppen zu Supervisions- und Selbsterfahrungsgruppen. Dabei werden die Unterschiede zu psychotherapeutischen Gruppen gut herausgearbeitet.

Gerade für Praktiker, die zumeist in Gruppen arbeiten und sich den aktuell verbreiteten Zielen einer sozial konstruktivistischen Pädagogik verpflichtet fühlen, bietet dieses Buch eine anregende Handlungsgrundlage. Denn die Förderung von Selbstbildung, eigenaktiver Entwicklung und Individualisierung in sozialer Interaktion wird in allgemeinen pädagogischen Ansätzen überwiegend auf Individuen bezogen. Die Umsetzung in Gruppen, die oft nicht einmal Kleingruppen (bis 12 Teilnehmer) sind, sondern oft Mittel- bis Großgruppen mit einer jeweils spezifischen Eigendynamik, erfordert gruppendynamische Kenntnisse und Kompetenzen, die in der Pädagogik in aller Regel nicht vermittelt werden. Hier verweist Naumanns historischer Rückblick auf ein historisch gewachsenes theoretisches Defizit, das in der Reformpädagogik der 20-er Jahre (S.90 f.) ebenso wie in der psychoanalytischen Pädagogik festzustellen ist und die Geschichte der pädagogischen Gruppenarbeit prägt. Das fehlende Gruppenverständnis auch in der psychoanalytischen Pädagogik haben wesentlich die gruppenanalytisch weiterqualifizierten Pädagogen, wie Büttner, Trescher, Brandes und Finger-Trescher erkannt und auszufüllen versucht, indem sie begannen, die Gruppenanalyse für die Pädagogik fruchtbar zu machen (vgl. S.102f.). In konsequenter Fortsetzung entwickelt Naumann diese Ansätze weiter zu einer gruppenanalytischen Pädagogik und grenzt diese von gruppenanalytischer Therapie und pädagogischer Gruppenarbeit ab (S.103f.).

Die gendersensible Schreibweise des Autors drückt sich im losen Wechsel der weiblichen und männlichen Form aus, was die Autorin der Rezension für diese übernommen hat.

Fazit

Das Buch öffnet engagierten sozial-konstruktivistischen Pädagoginnen den psychoanalytischen Blick auf Gruppen und Gruppenanalytikern den Blick auf pädagogische Gruppenarbeit.

Es wird deutlich, dass die Gruppenanalyse ein lebendiges, sich entwickelndes interdisziplinäres Theoriespektrum umfasst mit einer Vielzahl von Anwendungsfeldern außerhalb der Psychotherapie. Der Anwendungsbezug macht die nicht immer leicht verständliche theoretische Darstellung durch viele Beispiele aus der pädagogischen Praxis in Kindergarten, Schulsozialarbeit, Hochschul-, Selbsterfahrungs-, Therapie- und Supervisionsgruppen anschaulich.

Die übliche pädagogische Gruppenarbeit in Theorie und Praxis wird nur kurz und aus einer gruppenanalytischen Perspektive betrachtet. Eine ausführliche kritische Diskussion zur Begründung des gruppenanalytischen Konzeptes fehlt. Dies mag die Chance reduzieren Pädagoginnen, die dem analytischen Denken gegenüber primär nicht aufgeschlossen sind, für diesen Ansatz zu gewinnen. Es könnte diese Auseinandersetzung jedoch auch anregen!

Dem Buch ist eine weite Verbreitung und Diskussion zu wünschen, weil es eine außerordentlich konstruktive Perspektive für die pädagogische Arbeit in Gruppen öffnet und die fundierte Diskussion darüber anregt.

Literatur:
Adorno Theodor W. (1969): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main
Brandes Holger (1999): Individuum und Gemeinschaft in der sozialen Gruppenarbeit: der gruppenanalytische Ansatz. URL: http://www.gruppenanalyse-muenster.de/images/stories/individuum_und_gemeinschaft.pdf
Brandes Holger (2008): Selbstbildung in Kindergruppen. Die Konstruktion sozialer Beziehungen. München Basel
Hutz Pieter (2004): Gibt es Neues in der Gruppenanalyse. URL:www.hutz.org/d/ Gibt_es_Neues_in_der_Gruppenanalyse.pdf.
Köhnke Dietlind (2011): Vom Eigensinn der Gruppe. Gruppenanalyse 1 2011, 6-23
Naumann Thilo M. (2000): Das umkämpfte Subjekt. Subjektivität, Hegemonie und Emanzipation im Postfordismus. Tübingen

[1] Der jüdische Psychoanalytiker Sigmund Heinrich Fuchs war vor seiner Emigration 1933 nach England mehrere Jahre am neurologischen Institut der Universität bei Kurt Goldstein und wurde 1930 Leiter der Ambulanz am Frankfurter Psychoanalytischen Institut, das eng verbunden mit dem Institut für Sozialforschung unter Max Horkheimer arbeitete.

Rezensentin
Prof. Dr. med. Cornelia Krause-Girth
Hochschule Darmstadt, FB Gesellschaftswissenschaft und Soziale Arbeit. Lehrgebiete: Entwicklungspsychologie, Klinische Psychologie, Klinische Psychologie des Kindes- und Jugendalters, Psychodynamische Konzepte, Bindungstheorie, Selbsthilfe, Gruppenarbeit

Zitiervorschlag
Cornelia Krause-Girth. Rezension vom 05.05.2015 zu: Thilo Maria Naumann: Gruppenanalytische Pädagogik. Eine Einführung in Theorie und Praxis. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2014. ISBN 978-3-8379-2247-9. Reihe: Psychoanalytische Pädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16403.php, Datum des Zugriffs 30.01.2017.

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