Rezension zu Camille Claudel (PDF-E-Book)

psychosozial 38. Jg. (2015), Heft III (Nr. 141)

Rezension von Matthias Oppermann

Das Buch beginnt romanesk. Der Autor versetzt sich als Psychoanalytiker in eine fiktive Praxis nach Paris und in das Jahr 1907. Der Leser, neugierig geworden, wie es wohl damals in einer psychoanalytischen Praxis zugegangen sein mag, lernt einen Psychoanalytiker kennen, der mit seiner Concierge auf eine verführerische Art scherzt, der sie sagen lässt: »Ein Mann, der nur zuhört, den gibt’s doch gar nicht!«, und sie erzählt, dass ihr Mann ihr, wenn sie auf dem Sofa liege, gleich an die Wäsche wolle. Sie fragt: »Sind Sie pervers?« Und er sagt ihr, dass die Psychoanalyse »ein unmöglicher Beruf« sei. Der Leser lernt hier einen sexualisierenden, etwas selbstgefälligen Psychoanalytiker kennen, bei dem Camille Claudel zu einem Erstgespräch angemeldet ist. »Ich war sehr gespannt, ob und wie der Hauch der Genialität durch meine Behandlungsstube wehen könnte.« Dieser etwas narzisstische Kollege, würde man mehr als 100 Jahre später sagen, empfängt die Patientin, die, wie schnell deutlich wird, an einer schweren narzisstischen Problematik leidet. Drei Stunden werden beschrieben, zwischen denen sich der Analytiker über seine Patientin ausführliche theoretische Notizen macht, wohlgemerkt ganz in Identifikation mit der Bildhauerin, als »Formversuche« in »feuchtgehaltenen [psychoanalytischem, Anm. des Verf.] Gips«. In den Stunden ist die Beschreibung von Camille Claudels Augen, in denen sich die angesprochen Themen und die dazugehörigen Affekte spiegeln, ein roter Faden. Bevor sich allerdings die Person des Analytikers darin spiegeln kann, bricht die Patientin die Behandlung ab und kommt nicht wieder.

Sie hat sich nicht helfen lassen, sie hatte vielleicht auch innerlich, tief enttäuscht von ihren Primärobjekten keine Möglichkeit dazu, und so nimmt wieder die Historie ihren Lauf. Sie wurde 1913 auf Betreiben ihrer Mutter und ihres Bruders in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, in der sie die letzten 30 Jahre ihres Lebens unter erbärmlichen Umständen verbrachte und 1943 starb.

Eigentlich ist es schade, dass die Behandlung in dem Buch einen solchen Abschluss findet. Es wäre spannend gewesen, in welche Verwicklungen der für das Narzisstische nicht unempfängliche Psychoanalytiker mit seiner leidenschaftlichen Patientin geraten wäre. Das wäre der Roman. Aber dies scheint nicht das Ansinnen des Autors zu sein. Das wird dem Leser auch bei den »Formversuchen« klar, wenn der Psychoanalytiker von 1907 bei Autoren Antworten sucht, die es damals noch gar nicht gab. Das irritiert, der fiktive Analytiker kippt aus seiner Zeit. Vor der zweiten Sitzung kommt es wieder zu einem Gespräch des fiktiven Analytikers mit seiner Concierge. Sie fragt ihn, ob seine Eltern noch leben würden, und er antwortet ihr, dass seine Eltern noch nicht geboren seien. Wie der Rezensent ist auch sie irritiert, und er erklärt ihr, dass er sich seine Eltern noch aussuchen könne und das Unbewusste zeitlos sei. So könnten »unterschiedliche Dinge in ihm problemlos nebeneinanderstehen«. Nimmt man hinzu, dass der Autor seine Quellen als Beiträge von Teilnehmern einer Intervisionsgruppe betrachtet, wie er an einer Stelle schreibt, dann geht es vielleicht um eine Art von tiefenhermeneutischer Analyse. Die fiktiven Analysestunden wären dann das AmuseGueule.

Nehmen wir es so, dann entfaltet das Buch einen Sog, an dem man dranbleiben möchte. Der Text scheint sich immer mehr in die Geschichte und Seelenleben der Bildhauerin zu bohren und hineinzuwinden. Spannend zu lesen ist die Anwendung der Theorien von Grunberger und Rodulfo aus lacanianischer Sicht auf die narzisstische Problematik von Camille Claudel. Hier entfaltet der Autor mit allen Überdeterminierungen ein Feuerwerk, das in der atemlosen Verschränkung an Arbeiten von Judith le Soldat erinnert. Es ist mit Gewinn zu lesen, wie der Autor die Signifikanten in der Entwicklung Camille Claudels durchdekliniert. Der Leser, der mit der Geschichte der Protagonistin nicht so vertraut ist, findet dann auch manch überraschende Wendung, in der sich ein Signifikant immer wieder durchsetzt. So entsteht eine schlüssige psychodynamische Biografie mit ausführlicher Betrachtung ihrer Wahnentwicklung und der Genese ihrer narzisstischen Störung – wenn auch manchmal die etwas saloppe Sprache dem Thema nicht angemessen erscheint, denn wir befinden uns nicht mehr in dem Roman.

Nach dem Lesen des Buches ist es nicht mehr glaubhaft, dass Camille Claudel das Opfer von Rodin war, der sie ihrer künstlerischen Potenz beraubt und verhindert hat, dass sie zu einer eigenen künstlerischen Autonomie gelangte. Diese Sichtweise, die oft kolportiert wird, ist zu einfach und wird der komplizierten und schicksalhaften Verstrickung zwischen Leben und den zugrunde liegenden Signifikanten nicht gerecht. Gegen Ende ihres Lebens, als auch deutlich wurde, dass die Ärzte einem weiteren Verbleiben außerhalb der Klink aufgeschlossen gegenüber standen, wird noch einmal auf erschreckende Weise deutlich, welch Hass und Kälte in der Familie dazu geführt hatte, dass Camille Claudel zu der »Ursupatorin«, der »Ikonoklastin« und der »Verrückten« geworden ist, über die das Buch eine plastisches Bild vermittelt.

In einem sorgfältigen Index sind die Quellen der Texte angegeben, auf die der Autor seine Überlegungen gründet. Für die wissenschaftliche Übersichtlichkeit hätte man sich gewünscht, dass der Zitatcharakter der einzelnen Bezüge im Text deutlicher erkennbar würde.

Es ist nicht leicht als Rezensent eine Haltung zu einem Buch zu finden, das teilweise uneindeutig im literarischen Sujet wirkt. Mal wünscht man sich, dass es Roman werde, dann wünscht man sich mehr Wissenschaftlichkeit, Struktur in der Psychohistorie. Als tiefenhermeneutische Analyse mag es angelegt sein, aber zu leicht denkt man als Leser, dass diejenigen Eier versteckt werden, die dann schlussendlich gefunden werden sollen. Das Besondere an einem tiefenhermeneutischen Vorgehen einer Intervisionsgruppe zum Beispiel ist das Gespräch, in das unbewusstes Verstehen eingeht und sich formulieren kann. Dies ist ein Prozess und so nicht mit Quellentexten möglich.

Auch wenn das Buch flott daherkommt, ist es ein Text, der keine leichte Kost ist. Hält man sich nicht mit methodischen Fragen auf, lässt man sich nicht irritieren, sondern auf das Buch so ein, wie es geschrieben ist, dann kann es der psychoanalytisch interessierte Leser, der sich durch Überdeterminierungen nicht abschrecken lässt, mit Gewinn lesen. Es ist eine gut durchdeklinierte, spannende Psychohistorie, die am Ende ein sehr berührendes Bild einer großen Bildhauerin hinterlässt.

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