Rezension zu Marilyn Monroe - Wer?

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Rezension von Helmut A. Müller

Wer »Marilyn Monroe« googelt, trifft 53 Jahre nach ihrem in seinen genauen Umständen bis heute nicht geklärten Tod auf sagenhafte 39 500 000 Einträge. Die Zahl spricht für sich und die weiterhin ungebrochene Faszination der in ihrer Zeit meistfotografierten Frau der Welt. Die am 1. Juni 1926 in Los Angeles, Kalifornien als Norma Jeane Mortenson geborene spätere Filmschauspielerin, Sängerin und Filmproduzentin wurde 1944 als Fotomodell entdeckt, avancierte in den 1950er Jahren zum Weltstar und zählt zu den archetypischen Sexsymbolen des 20. Jahrhunderts. Nach Ruth Cerha gibt es »viele Gründe, warum Marilyn Monroe bis heute … viele Künstler, Schauspieler, Filmregisseure, Schriftsteller und Wissenschaftler … beschäftigt. Obwohl sich die Welt seit ihrem Tod so rasant gewandelt hat wie nie zuvor … , sind wir mit vielen Fragen, die ihre Person, ihr Leben, ihre Karriere und ihr Tod aufgeworfen haben, mehr denn je beschäftigt, zum Beispiel jene(r) nach dem Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit. Ein Star muss der Öffentlichkeit zu Verfügung stehen als das Wunschbild, das er verkörpert. Dafür erhält er ein Ausmaß an Verehrung, das religiöse Züge hat. Im Gegenzug dafür muss er in Kauf nehmen, dass seine persönliche Freiheit abseits seiner Rolle stark eingeschränkt ist … Seine gottgleiche Position ist also extrem angreifbar … Dazu kommt der verstärkte Druck durch das computergenerierte Traumbild des perfekten Körpers, des makellosen Gesichts.

Doch so sehr sich die Welt auch verändert hat – schon Marilyn hatte mit den beginnenden Phänomenen einer narzisstisch gestörten Gesellschaft zu tun. Auch damals gab es bereits die Sehnsucht nach dem perfekten Körper, nicht nur als Symbol für Sex, sondern auch für (körperliche und seelische) Unversehrtheit. Als Teil einer vom Krieg traumatisierten Generation, die ihre Traumata nicht aufarbeiten konnte, sondern sie verdrängen musste, um zu überleben, hat sie ein Idealbild geprägt, das heute noch immer seine Wirkung entfaltet …« (Ruth Cerha S.10 f.).

Der Sammelband wird mit Irene Bogyis Frage eröffnet, ob Marilyn Monroe nicht durch ihren letzten Analytiker Ralph Greenson hätte gerettet werden können. Bogyi räumt zwar ein, dass auch ihre Studie nicht ohne eigene projektive Anteile auskommt. Aber das hindert sie nicht daran, festzustellen, dass in der therapeutischen Beziehung zwischen Monroe und Greenson ein definierter Rahmen gefehlt hat, in dem das Übertragungs-Gegenübertragungsgeschehen angemessen therapeutisch bearbeitbar gewesen wäre. »Grenzübertretungen und eigene blinde Flecken sind in diesem Beruf aus meiner Erfahrung nicht vermeidbar. Doch es gibt Faktoren, die helfen können ein totales Kippen in die Gegenübertragung zu verhindern … Die Faktoren, die zu Greensons Kippen in die Gegenübertragung geführt haben, liegen so scheint es klar auf der Hand und ich könnte den Feind endlich dingfest machen. Doch muss ich mir … eingestehen, dass … ein offener beunruhigender Rest bleibt, denn Greensons technische Schriften sind mit seinem Handeln einfach nicht kompatibel« (Irene Bogyi S. 45).

Beate Hofstadler skizziert die Genese der öffentlich gefeierten Phantasiefigur Marilyn Monroe und vergleicht sie mit anderen Größen wie Madonna und Lady Gaga. Norma Jeane startete ihr Karriere »zunächst eher zufällig als Pin-up. Gleich zu Beginn ihrer Karriere wurde sie als Blickobjekt eingeführt. Weiter ging es als Fotomodell, drei Komparsenrollen, Starlet, Nebenrollen, Hauptrollen, Star, Superstar, Diva. Postmortem wurde sie zu einer Ikone der zeitgenössischen Kunst hochstilisiert, insbesondere in der Pop Art. Kiki Kogelnik malte Marilyn (1961) mit Öl und Acryl auf Leinwand … Andy Warhols Seidendrucke (1962) inspirierten Versace zum berühmten Seidenkleid von 1990, bedruckt mit Konterfeis von Marilyn Monroe und James Dean. 1973/74 schrieb der Nachrufsänger Elton John das herzzerreißende »Goodbye Norma Jean …« Von Marilyn Monroe ging ein Zauber aus, der alle erfasste, ein Charisma, eine Ausstrahlung …Marilyn Monroe: Ein Kunstwerk. Eine Verschwendung. Eine Vollzeitarbeitsstelle. Eine weiße Göttin. Eine Zauberin. Und doch bloß eine Frau, was bei all diesem Glanz und Glamour oft übersehen wurde. Etwas Unerklärbares bleibt, das dazu führt, dass wir uns am Bildkörper nicht sattsehen können« (Beate Hofstadler S. 60 und S. 95).

Rainer Schmid setzt sich mit dem Medikamentenmissbrauch Monroes und den durch sie induzierten künstlichen Träumen auseinander. Andreas Jacke fragt nach den demokratischen Interessen des Sex-Symbols und Elisabeth Bronfen widmet sich dem fragilen Charme der Lichtgestalt. Der Sammelband erschließt eine hoch ausdifferenzierte Seelenlandschaft und gibt darüber hinaus einen dramatischen Einblick in die Abgründe einer medialen Existenz.

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