Rezension zu Depersonalisation und Kreativität

Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie Nr. 6/2015 (August)

Rezension von Michael Döhmann

Michel de M’Uzan ist im deutschsprachigen Raum in erster Linie dem an der Psychosomatik interessierten Leser bekannt. Das gemeinsam mit Pierre Marty und Christian David zusammen verfasste Buch: »L’investigation psychosomatique« gilt als ein Standardwerk für das Verständnis der psychosomatischen Erkrankungen. De M’Uzans Hauptinteresse gilt jedoch zunächst und vor allem der psychoanalytischen Behandlung. Seine in den letzten 50 Jahren entstandenen Arbeiten zu Theorie und Praxis der Psychoanalyse reflektieren seine in der Arbeit mit Patienten gemachten Beobachtungen und Schlussfolgerungen. Sowohl die »investigation psychosomatique« als auch ein grosser Teil seiner Beiträge zur Psychoanalyse waren bisher nicht ins Deutsche übersetzt worden.

Die Herausgeber haben zusammen mit dem Autor eine repräsentative Auswahl unter seinen Arbeiten getroffen. Diese sind in zwei Bänden zusammengefasst, um sie dem deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen. Die Titel der beiden Bände nehmen Bezug auf Schlüsselbegriffe, mit denen sich de M’Uzan in seiner psychotherapeutischen Arbeit den Zugang zum Patienten, aber auch zu sich selber erschlossen hat. Die beiden Bände setzen den Schwerpunkt entsprechend. Wird in den Arbeiten im Band »Depersonalisation und Kreativität« die Grenzerfahrung in den Mittelpunkt gerückt, so handeln die Arbeiten des anderen Bandes von der Fragilität der eigenen Identität. Diese wird im Leben immer wieder und ganz besonders im Verlauf einer psychoanalytischen Behandlung in Frage gestellt. Und nicht zuletzt hat de M’Uzan durch seine Arbeit mit Sterbenden dem Tod und der Sterbearbeit als Teil des Lebens einen Platz im psychoanalytischen Verständnis der Seele verschafft.

De M’Uzan – und das ist wohl auch die wichtigste Botschaft an den behandelnden Psychiater und Psychologen – geht es in allen seinen Arbeiten um die Grenzerfahrung: In der Verrücktheit, im kreativen Akt, im Auflösen der Grenzen zur Umgebung, im Verlust und Wiedergewinn seiner selbst und in der Konfrontation mit dem Ende des Lebens sind das Scheitern und der Verlust seiner selbst, aber auch der Neubeginn enthalten. Jede Krise ist für de M’Uzan deshalb eine Chance, und er geht so weit zu behaupten, dass eine psychotherapeutische Arbeit zu solchen Krisen führen muss, um wirklich verändern zu können.

Der Leser wird bei der Lektüre der einzelnen Arbeiten mit diesem Grundgedanken solcherart vertraut gemacht, dass er ihn in sein tägliches Handeln in der ärztlichen oder psychotherapeutischen Praxis integrieren kann. Die Konsequenz ist ein anderer Umgang mit dem Patienten, aber auch mit sich selbst. Grenzerfahrungen können nur einem Kranken ermöglicht werden, wenn sich beide Beteiligten in ihren bisherigen Vorstellungen erschüttern lassen. Damit wird nicht nur der Patient, sondern auch der, der ihn behandelt, davor bewahrt, in alten Klischees zu verharren, die dem psychotherapeutischen Alltag tödliche Gleichförmigkeit und Langeweile bescheren würden.

In den in beiden Bänden versammelten Arbeiten werden eine Anzahl theoretischer, in erster Linie aber klinischer Konzepte vorgestellt, in der diese Grenzerfahrungen Ausdruck und Anwendung finden: »Gleiches und Identisches«, »Sklaven der Quantität«, »Der Mund des Unbewussten«, »Die Person meiner Selbst« – um nur einige Titel zu nennen. Was die Lektüre erleichtert, ist nicht nur der Verzicht auf eine trockene Fachsprache zugunsten »sprechender« Begriffe. Von Hans-Dieter Gondek meisterhaft ins Deutsche übertragen, entfalten sich vor dem Leser Fallgeschichten, die zur Illustration dienen. Ob man nun erschrickt, gerührt ist oder trauert – man wird in eine zwischenmenschliche Begegnung hineingezogen, wie der Autor selber durch und mit seinen Patienten.

Es ist das Verdienst des Übersetzers, die Fussnoten mit ausserordentlicher Sorgfalt mit den entsprechenden (deutschsprachigen) Literaturhinweisen versehen zu haben. Dr. Murielle Gagnebin hat die beiden Bände mit einem Glossar versehen, dass dem Leser über die Lektüre hinaus einen Zugang zu den Konzepten de M’Uzans erleichtert. Eine ausführliche Bibliographie rundet die zweibändige Sammlung der Schriften de M’Uzans ab.

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