Rezension zu Verwaltung des Krankenmordes

Fachismus in Italien und Deutschland Hg. von Sven Reichhardt/Nolzen

Rezension von Carl-Wilhelm Reibel

Mit Sandners Arbeit über die regionale Anstalts- und Fürsorgeverwaltung des Bezirksverbandes Nassau liegt eine Studie vor, die in Qualität und Umfang den Rahmen vergleichbarer Publikationen sprengt und nicht weniger als »fundamental« genannt werden muß. Der Autor untersucht den Bezirksverband Nassau, um »dessen Verantwortung [...] als Institution bei der Entschlußbildung, der Vorbereitung und der organisatorischen Durchführung der Krankenmorde in seinem Gebiet« zu erforschen. (S. 13) Was zunächst wie eine für die NS- und spezieller die »Euthanasie«-Forschung nur regionalen Erkenntnisgewinn bringende Studie anmutet, entpuppt sich rasch als eine Analyse, die auch wichtige, übergreifende Fragestellungen mit einbezieht.

Der Autor bettet seine Untersuchung in vier Analysestränge ein, die ohne den Vergleich der Arbeit des Bezirksverbandes mit der anderer Regionalinstitutionen und dem Zusammenwirken desselben mit der Reichsverwaltung nicht tragfähig wären. Zunächst fragt Sandner nach der Bedeutung des Bezirksverbandes als »kommunale Körperschaft« nach der NS-»Gleichschaltung« im Rahmen der Staatsverwaltung. Dies führt zur zweiten Fragestellung, in der die Verantwortung des Bezirksverbandes bei der Durchführung der Kranken- und Behindertenmorde in den Mittelpunkt gerückt wird. War man in Wiesbaden »nur« der verlängerte Arm der mit den »Euthanasie«-Morden beauftragten Reichsstellen oder entwickelte die Verwaltung vor Ort eigene Initiativen, um die »T4«-Aktionen voranzubringen? Drittens gilt das Augenmerk der Entscheidungsebene in der Verwaltung des Bezirksverbandes. Was lag der Mitwirkung an der »Euthanasie« zugrunde: waren es ideologische oder pragmatische Motive? Schließlich, und das ist bislang von der Forschung zu den Krankenmorden vernachlässigt worden, stellt Sandner die Verwaltungsbeamten den Ärzten in den Anstalten gegenüber und beleuchtet die Verantwortlichkeit der »Schreibtischtäter« bei den Mordaktionen.

Um dem selbst formulierten Anspruch zu genügen, fertigt Sandner nicht nur eine Verwaltungsgeschichte im klassischen Sinne an. Vielmehr verschränkt er die Analyse der bürokratischen Abläufe des institutionalisierten Krankenmordes mit biographischen Einzelstudien zu den Haupttätern sowie mit kollektivbiographischen Erläuterungen zur Beamten- und Anstaltsbelegschaft. Dieser Ansatz erlaubt, ein gewisses Täter-Milieu zu entwerfen, und verhindert zudem, daß die Arbeit in trockenen Beschreibungen der bürokratischen Abläufe steckenbleibt. Ein Ergebnis der Analyse des Personals hebt den Bezirksverband Nassau von vergleichbaren preußischen Verwaltungsinstituten ab: Die Beamten, die Schlüsselstellungen in der Administration einnahmen, aber auch Ärzte und Juristen, die in die »Euthanasie«-Aktionen eingebunden waren, kamen überdurchschnittlich oft aus den Reihen der SS.

Sandner kann nachweisen, daß die Bedeutung des Bezirksverbandes Nassau bei der Ermordung von über 10.000 Menschen in der Mordanstalt Hadamar im Jahre 1941 wesentlich stärker war als bislang angenommen. Obwohl die Verwaltung in Wiesbaden mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten nur einen geringen Personalwechsel zu verzeichnen hatte, erfolgte die Mitwirkung an den Verbrechen nicht alleine aus der Gehorsamspflicht gegenüber den von übergeordneter Stelle erlassenen Anordnungen, sondern weil »die politischen Beamten an der Verbandsspitze die Ideologie der so genannten ›Vernichtung lebensunwerten Lebens‹ überzeugt verfochten« (S. 691).

Wie einsatzfreudig die Beamten des Bezirksverbandes an der »erbbiologischen Säuberung des deutschen Volkes« selbst nach dem 1941 von Hitler verfügten »Euthanasie-Stop« mitwirkten, zeigt auch die Tatsache, daß die Mordanstalt Hadamar, in der weiterhin Kranke und Behinderte ermordet wurden, ab 1942 nicht mehr von einem Arzt, sondern einem Verwaltungsbeamten geführt wurde. Dies war kein Einzelfall, sondern Ergebnis einer Entwicklung, in der immer mehr die Vertreter des Bezirksverbandes und immer weniger die Ärzte den Verlauf des Krankenmordes bestimmten.

Wie perfide schließlich die Verantwortlichen im bürokratischen Apparat ihre ideologische Überzeugung mit finanziellem Pragmatismus verbanden, arbeitet Sandner eindringlich am Beispiel der wirtschaftlichen Kalkulationen heraus, die bei der Weiterführung der Krankenmorde angestellt wurden: Weil die weitere Beteiligung an den Mordaktionen die wirtschaftliche Basis der Anstalten, die sich zum Hauptteil aus den erstatteten Pflegekosten finanzierten, entzogen hätte, entschied man, die Menschen so lange am Leben zu lassen, bis man die Pflegekosten durch die Kostenträger eingenommen hatte. Erst dann wurden die Kranken ermordet.

Neben der akribischen Detailforschung leistet der Autor einen wichtigen Beitrag für die über sein Thema hinausführende Diskussion zum Charakter des NS-Herrschaftssystems. Sandner plädiert für eine Versöhnung des intentionalistischen mit dem strukturalistischen Ansatz. Er schließt sich damit Dieter Rebentischs Hypothese an, wonach sich das Phänomen der Zentralgewalt des »Führerstaates« und der polykratischen Tendenzen der partikularen Mittelinstanzen nicht gegenseitig ausschlossen. Die Untersuchung des Bezirksverbandes Nassau zeigt, daß der Regionalverband mit der Berliner Zentrale bei den Krankenmorden reibungslos zusammenarbeitete und die Funktionalität des Krankenmordes in der Provinz vor allem durch die Verbindung von ideologischer Motivation und instrumentalisierter Verwaltung gewährleistet wurde.

Kann man inhaltlich den Autor wenig kritisieren, muß doch bemängelt werden, daß seine Studie zu umfangreich geworden ist und eine Kürzung – etwa um die Darstellung der Entwicklung des Bezirksverbandes vor 1933 – der Arbeit gut bekommen wäre. Auch muß sich der Verlag den Vorwurf gefallen lassen, die zu keinem Zeitpunkt langweiligen 788 Seiten nur im Taschenbuchformat und nicht fest gebunden auf den Markt gebracht zu haben. Das unhandliche Buch stört so den Lesekomfort erheblich. Trotzdem wäre es zu wünschen, daß Sandners Studie Schule macht und die Erforschung der regionalen Verwaltungsinstitute im »Dritten Reich« weiter voran getrieben wird.

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