Rezension zu Idealität als Krankheit? (PDF-E-Book)

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Rezension von Prof. Dr. Gertrud Hardtmann

Thema

Die These des Autors, dass unsere Gesellschaft verpflichtende, einseitige, rigide Ideale erzeugt habe, die ihre Verbindung zum »Gegenpol« verloren haben, wird belegt unter Hinweis auf Beobachtungen aus der psychotherapeutischen Praxis: krankhafte Symptome einer Dauermobilisierung, Erschöpfung (burn-out), Selbstoptimierungsstrategien, Depression und Persönlichkeitsstörungen. Nach seiner Meinung haben die geforderten Tugenden von übermäßiger Transparenz – über das Internet – und ständiger Erreichbarkeit inzwischen religionsähnliche Formen angenommen. Da auch Therapeuten sich dem Druck kollektiver Ideale nicht entziehen könnten, führe das Streben nach Idealität zu einem unerreichbaren Ideal-Ich.

Autor und Entstehungshintergrund

Der Verfasser ist psychologischer Therapeut und Psychoanalytiker, Gruppenanalytiker und Paartherapeut in eigener Praxis. Nach dem Studium der Philosophie, Theologie und Psychologie leitete er einen psychotherapeutischen Beratungsdienst für kirchliche Berufe und lehrte Pastoralpsychologie an der Universität Bonn. Inspiriert zu dem Buch wurde er nach zahlreichen Vorträgen und Diskussionen mit dem Kollegen Wolfgang Trauth, dessen Überlegungen er einen eigenen Abschnitt gewidmet hat.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung (S. 11-14) erwähnt er bereits seinen intersubjektiv-beziehungsorientierten methodischen Zugang zum Thema und setzt sich vor allem mit Chasseguet-Smirgel »Krankheit der Idealität« (1975) kritisch auseinander.

Im Kapitel »Die postreligiöse Gesellschaft und ihre Ideale« (S. 15-29) begründet er, warum er von postreligiöser und nicht postsäkularer oder säkularer Gesellschaft spricht, unter Hinweis auf profane Ritualisierungen, vor allem konsumorientierte, und gesellschaftlich propagierte Ersatz-Ideale von religiösem Charakter. Das zeige sich in erzwungenen, aber auch subjektiv geteilten ständigen Optimierungsstrategien, die das Eingeständnis von Schwächen und Fehlern schwierig machten oder auch, im Fall Christian Wulff, hämisch bei Fehlern anderer zur Demontage benutzt würden.

Das Kapitel »Psychogramm der Ideale« (S. 31-87) geht auf die Entstehung von Idealen und die Hypothesen von Freud (Abkömmlinge eines frühkindlichen Narzissmus), Chasseguet-Smirgel und Grunberger kritisch ein, die auf die destruktive Seite von Idealen hingewiesen haben. Er weist auf die Grenzen eines monopolaren, das heißt das Gegenteil verleugnenden Verständnisses des Narzissmus, Ideal-Ich, Ich-Ideal und Überich, hin und setzt dem ein bipolares, aus Gegensätzen gespeistes entgegen. Als Folge fehlender Bindung, Resonanz und Anerkennung entstehe aus Enttäuschung im Ergebnis ein narzisstisches Ideal-Ich als Spaltungsprodukt, das Ambivalenz verleugnet und zu Konflikten in den Beziehungen und zwischen den Generationen, am Beispiel der Interpretation des Ödipuskonfliktes, führe. Zum Beleg werden die Arbeiten von Bauriedl (2004) zu Beziehungskonflikten aufgrund von Spaltungen und von Trauth (1997) zur fehlenden »Gegenpoligkeit« herangezogen. Dieses umfangreiche Kapitel legt die theoretischen Grundlagen des Autors offen, die im weiteren Verlauf dann mit konkreten Beispielen exemplifiziert werden, z.B. im Exkurs »Spaltungsmechanismen in der Bewusstseinsgeschichte« (S. 81-87), in dem die Spaltung in Gott und Teufel anhand der Interpretation der biblischen Geschichte vom »goldenen Kalb« dargestellt wird.

Das Kapitel »Der sanfte Terror von Idealen in postreligiösen Optimierungsstrategien« (S. 89-143) beschreibt die Verknüpfung von kollektiven und individuellen Idealen am Beispiel der Beziehung zum Körper (Fitness-Kultur), zum Partner, zur Online-Kultur – digitale Abhängigkeit als Abschaffung der Autonomie –, der zunehmende Beschleunigung und der als »Tyrannei der Sichtbarkeit« bezeichneten Ausrichtung auf Äußerlichkeiten. Hinzu kommt eine Kritik an »destruktiven Reinheitsidealen«, im übertragenen Sinn auch bezogen auf religiösen Fundamentalismus, Terrorismus und sexuelle Gewalt verglichen mit einer anderen politischen (eher gesellschaftlichen?) Kultur der Ambivalenztoleranz.

Das Kapitel »Heilsame Bewegungen« (S. 165-179) beschreibt die Entwicklung vom Ideal-Ich zum Ich-Ideal, als Verbindung der Gegensätze anstelle von Spaltung anhand des Modells der Ellipse mit zwei Zentren, die sich verschränken und damit seelische Ganzheit und einen konstruktiven Umgang mit Idealen ermöglichen. Die gegenpolige (oder auch gegen-polarisierende) Einstellung zu postreligiösen Idealen bildet auch den Rahmen für einen therapeutischen Umgang mit Patienten, die unter einer »entfesselten Idealität« leiden.

Ein kleiner Exkurs mit dem Thema »Psychoanalyse der Ideale – Ideale der Psychoanalyse« richtet einen selbstkritischen Blick auf die eigene Zunft (S. 181-188) und fasst noch einmal zusammen, dass die angestrebten Veränderungen des gesellschaftlichen und individuellen Menschenbildes auf die von den postreligiösen Idealen abgespaltenen Pole wie Leidensfähigkeit, Begrenztheitserfahrung, Anerkennung des Mangels, Schuldeingeständnis- und Verantwortungsbereitschaft zielen.

Ein ausführliches umfangreiches Literaturverzeichnis von (S. 189-196) gibt dem Leser viele Hinweise auf Belege und weiterführende Literatur.

Diskussion

Ich habe das Buch als Anregung zum eigenen Nachdenken, insbesondere die ersten zwei Abschnitte, mit Interesse gelesen, darunter vor allem die Überlegungen zum Ideal-Ich und Ich-Ideal und die Konflikte die daraus entstehen, dass ideale Selbst- und Fremdbilder, wenn sie durch Spaltungen aufrecht erhalten werden und auf Erfüllung drängen, einen ungeheuren inneren und äußeren Druck erzeugen. In diesem Zusammenhang waren auch die Hinweise auf andere Autoren, u.a. auch auf Lorenzers Konzept der Inszenierung, für mich spannend.

Das anfänglich geweckte Interesse nahm allerdings dann in den späteren Abschnitten bei der Aufzählung der Beispiele insofern ab, als diese zwar interessant waren, mich aber dennoch z.T. in der Interpretation des Autors, vor allem aber in ihren Verallgemeinerungen, nicht überzeugten. Es passierte, was sicher nicht bewusste Absicht des Autors war, dass mir Gegenbeispiele einfielen, die seine Thesen infrage stellten. So wurde auch die Frage der Resilienz nur am Rande gestreift. Die für mich ungewohnte Sprache, anstelle von Spaltungen, von »Verlust der Gegenpoligkeit« zu sprechen, ergibt zudem für mich keinen Mehrgewinn an Erkenntnis.

Der Anstoß zum Nachdenken kam für mich vor allem aus den ersten beiden Abschnitten und der ernst zu nehmenden Beobachtung des Autors, dass die starke Bezogenheit auf das Äußere und die Anpassung an entsprechende einseitige Ideale zu einem Verlust des inneren Gefühls für sich selbst und für die eigenen Bedürfnisse und Wünsche führen kann.

Völlig gefehlt hat mir, wenn schon von dem »religiösen« Charakter der gesellschaftlichen Ideale gesprochen wird, das für Religionen Typische: das Gemeinschaftliche und Verbindende, das in einer gewissen Kontingenz und Zugehörigkeit zu einer Gruppe zum Ausdruck kommt. Vielleicht gibt es doch ein bunteres Bild von sehr unterschiedlichen »säkularen Post-Religionen«, als der Verfasser aus der therapeutischen Perspektive beschreibt.

Fazit

Als Anregung zum kritischen Nachdenken über destruktive und Krankheiten erzeugende gesellschaftliche Ideale ist das Buch geeignet, auch und gerade da, wo es zum Widerspruch reizt. Die Theorie vom Wert eines relationalen, destruktive und konstruktive Anteile enthaltenden Ich-Ideals (m Gegensatz zum Ideal-Ich) knüpft m.E. inhaltlich an Theorien über Spaltungsprozesse und deren Überwindung (Melanie Klein 1935, Bion 1962 u.a.) an.

Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 19.07.2016 zu: Dieter Funke: Idealität als Krankheit? Über die Ambivalenz von Idealen in der postreligiösen Gesellschaft. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. ISBN 978-3-8379-2560-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/20894.php, Datum des Zugriffs 02.12.2016.

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