Rezension zu Gefängnisaufzeichnungen

Junge Welt Nr. 41 am 18. Februar 2016

Rezension von Matthias Reichelt

Die schwarze Kladde
Die Gefängnisaufzeichnungen und -gedichte der Psychoanalytikerin Edith Jacobson sind ein berührendes Zeitdokument

Edith Jacobssohn, eine deutsche Psychoanalytikerin und enge Weggefährtin von Wilhelm und Anni Reich, wurde 1897 in Schlesien geboren und ist 1978 in New York gestorben. Als Mitglied der Widerstandsgruppe »Neu Beginnen« geriet sie in die Fänge der Gestapo und wurde inhaftiert. Vor dem von Reich begründeten und der KPD nahestehenden »Einheitsverband für proletarische Sexualreform und Mutterschutz« hielt sie Ende der 1920er-Jahre Vorträge. Als Wilhelm Reich in Ungnade fiel, ging sie auf Distanz zur KPD.

1929 eröffnete sie ihre eigene Praxis in Berlin. Zusammen mit Otto Fenichel, Erich Fromm, Georg Gerö und Wilhelm Reich gehörte sie zum Kreis der linken Psychoanalytiker der Weimarer Republik. Sie gehörte ab 1930 zur Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft und lehrte am renommierten Berliner Psychoanalytischen Institut. Sie nahm sich vor allem der Jugendarbeit an und plädierte für eine von Heuchelei freie Sexualaufklärung. Schon früh erkannte sie die Geführ, die von den Faschisten ausging. 1933 dachte sie darüber nach, in die USA zu emigrieren. Weshalb sie zunächst blieb, und in den Widerstand ging, lässt sich heute nicht mehr genau klären. Womöglich wollte sie in der Nähe ihrer Familie bleiben, deren Mitglieder nicht zur Auswanderung bereit waren.

Sie schloss sich der marxistisch orientierten Widerstandsbewegung »Neu Beginnen« an und behandelte emotional labile Mitglieder. Sie organisierte Lesekreise und sandte Berichte über die Situation in Deutschland an den im Prager Exil lebenden Otto Fenichel, der diese Informationen weiter verbreitete.

Am 24.10.1935 wurde sie in ihrer Wohnung in der Zähringerstraße in Wilmersdorf von der Gestapo verhaftet und anschließend 28 Monate lang inhaftiert, zuletzt in Moabit. Sie durchlitt schwere Depressionen, doch gelang es ihr, Aufzeichnungen zu machen und Lyrik zu verfassen. Ihre Beobachtungen veröffentlichte sie später unter dem Titel »Betrachtungen über physische und psychische Hafteinwirkungen«. Alle Aufzeichnungen, inklusive einer Reihe von Gedichten trug sie in eine kleine schwarze Kladde ein. 1938 wurde sie wegen einer schweren Erkrankung vorübergehend entlassen. Sie nutzte die Gelegenheit, um über Prag in die USA zu fliehen. Dort arbeitete sie unter dem Namen Edith Jacobson.

Judith Kessler und Roland Kaufhold haben die Aufzeichnungen transkribiert, Artikel hinzugefügt und unter dem Titel »Gefängnisaufzeichnungen« als Buch veröffentlicht. In einem berührenden Aufsatz erzählt Kessler, wie sie »ein Vierteljahrhundert auf Edith Jacobsons Gefängnisnotizen saß«. 2005 sprang ihr während eines beruflichen Termins in der Freiluftausstellung der »Topographie des Terrors« der Name Edith Jacobssohn ins Auge. Dunkel erinnerte sie sich an die schwarze Kladde aus dem Nachlass der Mutter. Kessler, die in den 1980er Jahren aus der DDR geflohen war, hatte ihre an Krebs erkrankte Mutter in Ostberlin nicht besucht und auch nicht zu ihrer Beerdigung 1988 reisen können. Von Freunden erhielt sie den Nachlass der Mutter, der besagte Kladde enthielt.

Sie legte die Aufzeichnungen noch zweimal beiseite, bevor sie 2014 zu recherchieren begann. Die Frage, wie das Heft in den Besitz von Judith Kesslers Mutter gelangte, konnte bislang nicht geklärt werden.

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