Rezension zu Zufrieden älterwerden

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Rezension von Bettina Wichers

Thema

Das Alter hat sich als eigenständige Lebensphase herausgebildet, die nicht mehr nur Verluste und Abschied zum Inhalt hat, sondern für ältere und alte Menschen neue Entwicklungsaufgaben und damit verbundene Entwicklungschancen bietet. Hildegard und Hartmut Radebold zeigen aus der eigenen Erfahrung als älter werdendes Paar wie auch aus der theoretischen Perspektive diese Entwicklungsaufgaben und bieten mit dem Buch einen Leitfaden zur Selbstreflexion – als Einzelperson wie als Paar – über das eigene Altern und die Ziele, die man damit verfolgt.

Autor und Autorin

Hartmut Radebold, geb. 1935 in Berlin, ist Psychoanalytiker, Arzt und emeritierter Professor an der Universität Kassel. Er ist bekannt unter anderem für seine Forschung zu »Kriegskindern«, die maßgeblichen Einfluss darauf hatte, dass die Folgen der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit auf die damaligen Kinder heute in der Öffentlichkeit zunehmend bewusst sind.

Hildegard Radebold, geb. 1941 in Jena, ist Diplom-Bibliothekarin und war nach einer Kinderpause in verschiedenen Bibliotheken leitend tätig, zudem über viele Jahre als Rezensentin von Kinder- und Jugendbüchern. Daneben war sie zudem über einen Zeitraum von 21 Jahren maßgeblich in die Pflege der alternden Eltern und Schwiegereltern eingebunden.

Entstehungshintergrund

Hartmut und Hildegard Radebold stehen mit ihren Lebensgeschichten stellvertretend für die Generation der Kriegskinder. Sie haben dieses Buch vor dem Hintergrund ihrer eigenen Kriegskindheiten geschrieben, vor dem Hintergrund ihres Lebens mit den biografischen Folgen der Kriegserlebnisse, außerdem aufbauend auf den Erfahrungen aus der Pflege der eigenen Eltern und dem Erleben von vielen Jahren als – jetzt älteres – Ehepaar.

Aufbau und Inhalt

In den ersten zwei Kapiteln – »Warum dieses Buch? Was es heißt, älter zu werden« – führen die Autor/in die Leser/in an die grundlegenden Herausforderungen heran, die das verlängerte Alter mit sich bringt. Ergänzt wird diese Einführung durch die Beschreibung der bisherigen typischen Denk- und Umgangsweisen von älter werdenden Menschen mit ihrem eigenen Alter.

Unter der Fragestellung »Woher kommen unsere Vorurteile über das Älterwerden?« regen die Autor/in die Auseinandersetzung an mit dem eigenen verinnerlichten Wissen über das, was wir unter »alt« und »älter« verstehen. Sie zeigen auf, wie das »Verständnis vom Altsein« unter anderem durch die Märchen und Geschichten der eigenen Kindheit geprägt wurde, aber auch durch das, was man anhand der Lebensgeschichten der eigenen Eltern und Großeltern erlebt und erfahren hat über Älterwerden und Altsein. Letzteres wird unter anderem unter dem Aspekt betrachtet, dass die jetzige Generation der 60-70 jährigen oftmals stark durch die beiden Weltkriege und die damit verbundenen Erfahrungen geprägt wurde.

Von der Theorie zur Praxis leiten die folgenden zwei Kapitel über: Unter der Überschrift »Das Altern: Chancen für weitere Entwicklungen«, wird anhand der Entwicklungstheorie Erik H. Ericksons und einiger Fallbeispiele aufgezeigt, wie Entwicklungsaufgaben im Alter ignoriert oder erfolgreich bewältigt werden können. Kurz und knapp folgt dann die Aufforderung »Bestimmen Sie Ihre eigenen Ziele für das Altern«, dargelegt an verschiedenen Alternstheorien, wobei der Schwerpunkt auf der »Theorie der Selektiven Optimierung mit Kompensation«, kurz SOK genannt, liegt.

Als »Notwendige Kenntnisse für ein zufriedenstellendes Altern« werden z.B. die Unterschiede im Altern zwischen Männern und Frauen und die Veränderungspotentiale älterer Menschen beschrieben. Ausführlicher werden zeitgeschichtliche Erfahrungen der heute alten Menschen thematisiert, insbesondere die der Kriegskinder und die durch verschiedene Kriegsfolgen erlittenen Psychotraumata einer großen Gruppe heute älterer und alter Menschen.

Der Abschnitt »Wie bin ich auf mein eigenes Altern vorbereitet?« bietet Reflexionsfragen u.a. zur finanziellen Situation und zur medizinischen Versorgung.

Das mit Abstand größte Kapitel des Buches widmet sich konkret den »Entwicklungsaufgaben im Alter«, u.a. »Bisherige Berufstätigkeit beenden! Und dann?«, »Sich Veränderungen und unbekannten Gefühlen stellen« (hier geht es unter anderem auch um Trauer, Neid und Scham), »Befriedigungsmöglichkeiten suchen« (Nähe und Sexualität) bis zu »Sich immer wieder auf das Älterwerden einstellen«. Neben Informationen werden wieder zahlreiche Reflexionsfragen gestellt.

Abschließend folgen die »Perspektiven für eine befriedigende Zukunft« und »Wir über uns«, wo sich Autor und Autorin abschließend vorstellen. »Literatur«, nach Kapiteln strukturiert, und »Danksagung« schließen das Buch ab.

Diskussion

Das Buch, das in der hier vorliegenden Ausgabe die erweiterte und überarbeitete Auflage von »Älterwerden will gelernt sein« darstellt, ist eine gute Mischung aus theoretischen Informationen über »das Altern« und praktischem Arbeitsbuch für eine Reflexion der Wünsche und Ziele für das eigene Alter. Dabei führt das Buch den/die Leser/in nicht in unrealistische Träumereien über das, was alles immer noch möglich ist, sondern stellt die Reflexion über die eigenen Ziele immer wieder auch in den Kontext der unausweichlichen Verluste, die das Älterwerden mit sich bringt. Es sind eben »Entwicklungsaufgaben«, von denen manche nicht immer angenehm sind, und manche auch nicht immer erfolgreich bewältigt werden können.

Wer die Forschungsarbeiten Hartmut Radebolds kennt, wird sich nicht wundern, dass auch das Thema Kriegskindheit (zu Recht) nicht zu kurz kommt – es ist die Generation der Kriegskinder, die sich jetzt mit dem Älterwerden auseinandersetzen muss (oder aber sich der Auseinandersetzung entziehen kann). Viele Entwicklungsaufgaben und Themen des Alterns werden so dargestellt, dass auch eine potentielle Reflexion der eigenen kindlichen Kriegserfahrungen und der Auswirkungen, die diese möglicherweise auf das eigene Leben hatten, möglich ist.

An dieser Stelle – wie auch an vielen anderen – bleibt das Buch erfreulicherweise nicht beim Anstoßen einer Reflexion stehen, sondern gibt Tipps, Anregungen und konkrete Empfehlungen (z.B. bis hin zu Adressen für Nachforschungen über im Krieg verschollene Angehörige), wie man Hilfe und Unterstützung bei der Bewältigung der eigenen Entwicklungsaufgabe zu erhalten kann.

Fazit

Ein gut lesbares Buch, fast schon ein »Ratgeber«, mit einer Fülle an Informationen und Anregungen zur Selbstreflexion, das zudem die theoretischen Aspekte des Älterwerdens verständlich integriert. Trotz der ausdrücklichen Thematisierung der mit Alter(n) verbundenen Verluste wird zugleich ein positiver Blick auf den Prozess des Älterwerdens ermöglicht.

Empfehlenswert für alle, die sich mit dem Älterwerden persönlich auseinandersetzen wollen, aber auch als Nachschlagewerk für in der Beratung älterer Menschen tätige Fachleute. Außerdem hat das Buch einen Platz sowohl in den Patientenbibliotheken geriatrischer Kliniken als auch in Seniorenberatungsstellen verdient.

Zitiervorschlag
Bettina Wichers. Rezension vom 21.10.2015 zu: Hartmut Radebold, Hildegard Radebold: Zufrieden älterwerden. Entwicklungsaufgaben für das Alter. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2015. ISBN 978-3-8379-2461-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/19052.php, Datum des Zugriffs 01.12.2016.

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