Rezension zu Die Wahrheit über die lila Latzhosen

Stichwort Newsletter 20/2005

Rezension von Margit Hauser

Stichwort: Neu eingelangt

Die Latzhose und ihr Verhältnis zur Wahrheit

Die lila Latzhose ist mehr ein Zitat, als dass sie wirklich getragen wurde, hörten wir von Marie Sichtermann, und: Büstenhalter wurde vermutlich kein einziger je verbrannt, sagte uns Robin Morgan. Beides sind hochwirksame Mythen aus der Außensicht der Neuen Frauenbewegung. Diese hat die Macht der Medien auf ihrer Seite, die Stimme der Innensicht ist hingegen schwach geworden – ausgenommen in den Archiven.

Die Wahrheit über die lila Latzhosen möchte die Soziologin Ursula C. T. Müller deshalb in ihrer gleichnamigen Bewegungsbiographie erzählen, und sie erzählt sie spannend und ausführlich. Was in der Frauenbewegung zu sein denn nun hieß, in einer deutschen Uni-Kleinstadt in den 70ern und 80ern: für eine, die gerade aus den USA zurückkam, dort feministisch aktiv war und dann – als erster Anknüpfungspunkt in deutscher Provinz – in einer sozialistischen Frauengruppe landete. Die Erzählung führt weiter zur Gründung der ersten Lesbengruppe innerhalb einer schwulen Organisation, handelt von autonomen Frauengruppen und der Diskussion um die Autonomie, von ersten Uni-Lehrveranstaltungen zur gerade aufkommenden Frauenforschung, von Aktionen gegen sexistische Professoren und für das Recht auf Abtreibung und der Arbeit an der ersten feministischen Zeitschrift (»Frauenzeitung«); von Frauenfesten und -WGs, von Lesben und Heteras und schließlich von der Gründung des ersten Frauenhauses und der Arbeit dort, all dies im Fokus der Stadt Gießen – immer als ein Puzzleteil der bundesdeutschen Frauenbewegung, der sie war – und sicher mit starkem Wiedererkennungswert auch für die österreichische Leserin.

Die Aus- und Einführungen zum zeitgeschichtlichen Kontext, zu denen sie immer wieder ausholt, machen das Buch auch für junge oder in den politischen Zusammenhängen nicht so gut orientierte Leserinnen zur anschaulichen Lektüre. Ursula G. T. Müller ist es ein Anliegen, den von Mainstream-Medien gepflegten und wie es heute scheint erfolgreich lancierten Gerüchten über die Neue Frauenbewegung, ihrer populären Verballhornung, ihre Erinnerungen an eine sehr lustvolle, aufregende, von spannenden Diskussionen und Experimenten geprägten Zeit entgegenzusetzen. Sehr gut gelingt der Autorin m. F. die Verknüpfung von persönlicher Perspektive und historischem Bericht, der durch die Zitate aus Flugblättern, Zeitschriften und Protokollen abgesichert wird. Stets bleibt die Subjektivität des Berichts klar und können dennoch die Fakten nachvollzogen werden und mit Gewinn für das Wissen über die Neue (westdeutsche) Frauenbewegung gelesen werden.


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