Rezension zu Normalisierter Wahnsinn?

Literaturkritik.de Nr. 3, März 2016

Bozena Anna Badura stellt die Frage, ob sich die Darstellung des Wahnsinns im Roman des frühen 19. Jahrhunderts in Richtung Normalisierung bewegt.

»Wahnsinn polarisiert« – so konstatiert Badura gleich zu Beginn ihrer Dissertation und bezieht sich damit auf die extremen Formen des Umgangs mit dem Phänomen: unerbittliche Zurückweisung einerseits und verständnisvolle Akzeptanz, gesteigert bis hin zur Feier einer Affektwelt, die sich gängigen Normen entzieht und sich paradoxerweise auf dieser Grundlage zur Normalität wandeln kann. Vor diesem Hintergrund skizziert Badura zunächst die sich im 19. Jahrhundert vollziehende kulturgeschichtliche Wandlung von der anfänglichen Ablehnung des Wahnsinns hin zu einem Enthusiasmus, der noch im 21. Jahrhundert zu dominieren scheint.

Am Anfang stehen drei wesentliche Thesen: 1. Ein zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach wie vor wirkendes geschichtsphilosophisches Modell der Progressivität und Perfektibilität konzipiert Wahnsinnige als Wanderer auf dem Weg zu einer höheren Einheit. 2. Der »Zustand des Andersseins« wird als bewusster Kontrast zur bürgerlichen Normalität gesetzt. 3. Wahnsinn entwickelt sich vom »Zustand des Andersseins« zu einem Zustand der Normalität. Außerdem nennt Badura das zur Analyse herangezogene Textkorpus (J. W. v. Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre; J. v. Eichendorff: Ahnung und Gegenwart; E.T.A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels; Eduard Mörike: Maler Nolten).

Nach einem diachron pointierten Schnelldurchgang (»Einführung in literarische, philosophische und naturwissenschaftliche Aspekte des Wahnsinns«) gelangt Badura zur Kategorisierung des Wahnsinns als »Schwellenphase«, als »Liminalität«, deren Wesenskern in der Unbestimmtheit liege. Doch genau dies sei eine Voraussetzung für die Verschiebung der Grenze zwischen Wahnsinn und Normalität.

Die folgenden Hauptteile der Arbeit beginnen mit Erläuterungen zu den »Gesichtern des Wahnsinns« (Kapitel 3), bewegen sich sodann von einer Analyse des »Wahnsinns auf der Handlungsebene« (Kapitel 4) zu der Positionierung des »Wahnsinns als Instrument der Kritik« (Kapitel 5), beleuchten den »Wahnsinn als Instrument zur Belehrung des Lesers« (Kapitel 6) und schließen mit einem Blick auf den »normalen Wahnsinn« (Kapitel 7). Am Ende jedes Kapitels befindet sich ein eigenes Fazit in Form einer resümierenden Vorstellung von »Zwischenergebnissen«.

A. A.-S.

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