Rezension zu Der 11. September

Außerschulische Bildung 1-2006

Rezension von Johannes Schillo

Eine mehrstimmig angelegte psychoanalytische Deutung der modernen Konstellation von Terror und Antiterrorismus bietet die Veröffentlichung aus dem Psychosozial-Verlag, zu der zwei Dutzend Therapeuten, Kultur- und Sozialwissenschaftler vor allem aus Deutschland, aber auch aus Frankreich, Israel und den USA beigetragen haben. Sie versteht sich, wie die Herausgeber betonen, als Sammelband »im klassischen Sinne«. Unterschiedliche Texte – Kommentare, Vorträge, Augenzeugenberichte, wissenschaftliche Aufsätze, Essays – wurden eingesammelt, so dass letztendlich eine Art Lesebuch entstanden ist, das die Tradition der tiefenpsychologischen Befassung mit den destruktiven menschlichen Tendenzen fortschreibt.

Erstellt wurde die Publikation Ende 2003, also nach dem offiziell verkündeten Kriegsende im Irak, wodurch sie eher »gefilterte« Rückblicke liefert: In das Erschrecken über die Rücksichtslosigkeit islamistischer Terroristen gegenüber fremdem und eigenem Leben mischt sich der Schrecken angesichts einer antiterroristischen US-Kriegsführung, die beim Überfall auf das weitgehend wehrlose Land unterm expliziten Titel »Shock and Awe« keine Rücksicht kennt und über die Leichen von Tausenden Zivilisten geht. Diese Toten werden im Unterschied zu den endlos betränten Opfern von Nine-Eleven (so zumindest die Praxis des Pentagon bis Ende 2005) noch nicht einmal der statistischen Erfassung für Wert befunden, handelt es sich hier doch nach US-Auffassung um unvermeidliche Kollateralschäden, die keine weltweite Trauerarbeit verdienen.

Auch ohne diesen aktuellen Bezugspunkt hat der psychoanalytische Zugang zur neuesten Weltlage, in der nach offizieller Lesart eine gottgefällige amerikanische Führung im Kampf mit der »Achse des Bösen« liegt, etwas Querdenkerisches an sich. Bei der Behauptung, dass im individuellen wie kollektiven Verhalten die Guten gegen die Bösen stehen, müsste einem eingefleischten Psychoanalytiker, der die wahren Triebkräfte im seelischen Untergrund kennt, eigentlich die Galle bzw. der Destruktionstrieb hoch kommen. So betonen die Herausgeber auch eingangs, dass »aufdeckender Journalismus und Psychoanalyse« heute »ein gemeinsames Schicksal« teilen, weil sie mit den »Machtinteressen« von Politikern kollidieren, indem sie »deren Verschleierungs- und Verleugnungsstrategien« aufdecken.

Ganz so kritisch oder aufdeckend – wie man es von den investigativen oder imperialismuskritischen Einwänden gegen die Instrumentalisierung der Massenmorde vom 11.09. kennt – wird es dann doch nicht, denn die verschiedenen Beiträge bewegen sich nicht auf einer gemeinsamen politischen Linie, sondern bringen die professionelle Betroffenheit der therapeutischen Szene zum Ausdruck. Gleich der Eröffnungsbeitrag von Martin Altmeyer, ein Kommentar aus der Zeitschrift »Kommune« vom Oktober 2001, macht dies deutlich. Die neue, verbindliche und vom US-Präsidenten mit allem fundamentalistischen Eifer durchgesetzte Rede vom »Bösen« als der alternativen Triebkraft im weltpolitischen Dualismus ist dem Autor zwar suspekt, doch regelrecht nach psycho-analytischer Manier destruieren will er sie nicht. Er äußert sein Unbehagen und bietet gewissermaßen die Psychoanalyse als Hilfswissenschaft an, die hinter der ungenauen moralischen Rede die tieferen Zusammenhänge aufdecken kann.

Dabei fällt eine ganze Reihe kritischer und abweichender Überlegungen an – bis hin zum letzten Beitrag, einem Vortrag von Hans-Eberhard Richter aus dem Juni 2003, der eine engagierte Stellungnahme in friedensbewegter Tradition gegen den US-Überfall auf den Irak präsentiert. Bei der politischen Beurteilung zeigt das Buch Bereitschaft, auf unterschiedliche Argumente einzugehen, dogmatisch ist es in seiner Bezugnahme auf das tiefenpsychologische Modell. Dessen Gültigkeit ist hier vorausgesetzt oder, wie die

Herausgeber anklingen lassen, an den Leser delegiert, dem nämlich »abverlangt wird, die Integration der Gedanken in ein Gesamtkonzept von Psychoanalyse und Terrorismus selbst zu versuchen.«

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