Rezension zu Psychoanalyse und Gymnastik

Psychotherapeutenjournal 3/2015

Rezension von Prof. Dr. Ulfried Geuter

Gymnastische Einwirkung auf das Seelenleben

Otto Fenichel ist einer der bekanntesten Psychoanalytiker des 20. Jahrhunderts. Und doch wirft dieses Buch noch einmal ein neues Licht auf seine Person und sein Werk. Aus seinen Schriften wissen wir, dass er sich in den 1920er-Jahren intensiv mit dem Zusammenhang zwischen Muskelspannungen, Motilität und Abwehr beschäftigt hat. Was wir aber bisher nicht wussten: Seinem 1928 erschienenen Aufsatz »Organlibidinöse Begleiterscheinungen der Triebabwehr« liegt ein Vortrag zugrunde, den Fenichel im Mai 1927 in der Berliner Psychoanalytischen Gesellschaft zum Thema »Psychoanalytische Untersuchungen über die Wirkungsweise der Gymnastik« gehalten hat. Das bisher unveröffentlichte handschriftliche Manuskript dieses Vortrags hat Elke Muhlleitner in den Fenichel Papers der University of California in Los Angeles gefunden. Johannes Reichmayr hat es transkribiert. Es bildet den Kern dieses Buches.

Der große Unterschied zwischen den beiden Texten besteht darin, dass Fenichel sich in dem Vortrag intensiv mit der Arbeit der Berliner Gymnastiklehrerin Elsa Gindler auseinandersetzt. In der späteren Veröffentlichung fehlen diese Bezüge. Doch sind sie in zweifacher Hinsicht interessant: zum einen in Bezug auf Fenichel selbst, zum anderen in Bezug auf die Geschichte der Begegnung von Psychoanalyse und Körperarbeit. Fenichel ging 1922 von Wien nach Berlin und lernte dort seine Frau Cläre, eine Gymnastiklehrerin kennen. Sie gehörte zum Kreis um Elsa Gindler, die unweit des Psychoanalytischen Instituts ein Gymnastikstudio betrieb. Wie Reichmayr in Fenichels Akten herausfand, ging dieser fünf Jahre lang regelmäßig einmal in der Woche zu Gindlers Kursen. Dort lernte man nicht zu turnen, sondern eine bewusste und aufmerksame Wahrnehmung von »Muskelzustand und Bewegungsausführung« sowie »zweckmäßige« Bewegungen, wie Fenichel in seinem Vortrag festhielt. Er war beeindruckt. Denn nach wenigen Stunden bei Gindler war seine Migräne verschwunden, gegen die eine Psychoanalyse nicht geholfen hatte. So hatte er auch ein persönliches Motiv für die zentrale Frage des Textes: die »Wirkungsweise der Gymnastik« daraufhin zu untersuchen, wie sie »psychische Veränderungen« herbeiführen kann.

Zunächst beschreibt Fenichel, wie »gymnastische Beschäftigung mit dem Körper in das Seelenleben eingreift«. Dabei greift er auf die Begriffe Autoerotik und Muskelerotik zurück. Im nächsten Abschnitt untersucht er den Zusammenhang zwischen muskulärem Dystonus und Triebabwehr. Verdrängung bestehe nämlich »in einer Abhaltung gewisser Regungen von der Motilität«. Der Dystonus ist für ihn ein Äquivalent chronischer Angst und diese eine Folge der Triebabwehr. Im folgenden Kapitel erörtert er die These, dass Gymnastik mit der Lockerung der Muskulatur den Verdrängungsdruck lockere und so dazu führe, dass die Libido wieder beweglicher und den Organen zugeführt werde. Weiterhin zeigt er, dass dies den Machtbereich des Ich erweitere. In den letzten beiden Abschnitten erörtert er schließlich die »Wirkungsweise der Gymnastik« unter dem Aspekt der Übertragung. Fenichel denkt, dass die »Mutterliebe« der Gymnastiklehrerin bei den Schülern dazu führe, den Muskelkrampf ihr zuliebe zu lösen. Die Gymnastik wirkt damit gleichsam durch eine Übertragungsheilung in einer Reinszenierung einer infantilen Situation.

Aus der gleichen triebtheoretischen Sicht heraus ist Fenichel dagegen, Körperarbeit und Psychoanalyse miteinander zu verbinden. Wenn ein Psychoanalytiker mit dem Patienten Atemübungen mache, käme das einer »realen Sexualbefriedigung« gleich. Fenichel plädiert daher für das Modell einer konsekutiven Behandlung. Weil die Psychoanalyse »die körperliche Gehemmtheit nur bis zu einem gewissen Grade beseitigen« könne, könne »eine nachfolgende gymnastische Betätigung real machen, was die Analyse ermöglicht hat«. Das komme Patienten »mit ganz besonderer Körperfremdheit« zugute. Bei verschüchterten Patienten mit Angst vor der Realität könne dagegen vielleicht eine vorgeschaltete Gymnastik dazu beitragen, »dass Reden überhaupt möglich« ist.

Fenichels triebtheoretische Interpretationen lesen sich heute ein wenig befremdlich, z. B. wenn er die Kastrationsangst für zentral hält oder den Krampfzustand der Muskulatur wie eine Erektion versteht oder wenn er die Freude der Gymnastiker an der Körperbeherrschung mit der infantilen Lust an der Kontrolle des Sphinkter vergleicht. Dass sein Text der frühen psychoanalytischen Ideologie verpflichtet ist, sollte aber nicht wundern. Denn Fenichel war noch vor Reich der erste, der »über die Relation von Körper, Triebtheorie und Psychoanalyse federführend publizierte«, schreibt Günter Hebenstreit als einer von sechs Fachleuten, die der Herausgeber um kurze Kommentare gebeten hat und die den Text aus ihrer jeweiligen Erfahrung heraus bewerten.

Wer sich für die Geschichte der Psychoanalyse und ihres Verhältnisses zum Körper interessiert, wird sich über dieses Buch freuen, auch über die editorische Sorgfalt des Herausgebers. Reichmayr fügt dem Transskript einen Vergleich mit dem eingangs genannten Text von 1928 hinzu, aus dem die Übernahmen von Passagen genau zu erkennen sind. Mit Michael Giefer zusammen hat er das Buch schließlich um eine »Fenichel Gesamtbibliografie« ergänzt. Auch sind einige Fotos und ein Text der Tochter von Otto und Cläre Fenichel hinzugefügt. Sie schreibt darin, dass es dem psychoanalysierenden Vater und der zeitlebens Gindlersche Gymnastik lehrenden Mutter im Grunde um dasselbe ging: vom Bewusstsein bislang ausgeschlossene Gefühle und Handlungen bewusst zu machen.

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