Rezension zu Unterwegs in der Fremde

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Rezension von Dr. Lisa Tomaschek-Habrina

Wie wird ein differenzierter Ansatz wie die Psychoanalyse den sehr facettenreichen Problemen der Migration gerecht? Das Buch soll zum einen psychoanalytisches Verständnis und Konzeption des Migrationsphänomens vermitteln, zum anderen zeichnet es die therapeutische Bearbeitung intrapsychischer Vorgänge von Menschen nach, die sich urplötzlich und leidvoll mit einer anderen Kultur und Mentalität konfrontiert sehen.

Man begegnet in diesem Buch Einwanderern aus verschiedenen Herkunftsländern und Altersgruppen mit vielen unterschiedlichen Auswanderungsmotiven und individuellen psychodynamischen Konstellationen. Dabei lässt sich erkennen, dass bei aller Ungleichartigkeit des kulturellen Hintergrunds ihre Erfahrungen doch vergleichbar sind. Der Therapieraum wird zum Übergangsraum zwischen den beiden Ländern und den beiden Selbstrepräsentanzen, unvoreingenommene Akzeptanz und empathische Resonanz des Therapeuten ist hierbei vonnöten.

Viele Migranten erleben durch ein Trauma eine psychologische Entwicklungshemmung; diese Hemmung ist einerseits verinnerlicht, andererseits auf ihre heimatliche Umgebung projiziert worden – dadurch ist es v.a. zur Emmigration gekommen. Doch Emmigration allein vermag ihre Wunden nicht zu heilen. Die Psychoanalyse ist in der Welt der globalen Migrationsbewegung selbst ein Migrant mit komplexen Migrationsschicksal. Sie wurde gezwungen das Ursprungsland zu verlassen, ihre Vorzugssprache zu wechseln und sich konflikthaft und innovativ neuen Sitten und Werten in einer anderen fremden Welt anzupassen.

Seit Urbeginn erforscht die Psychoanalyse das Unbewusste. Und diesem Unbewussten ist das bewegende »Urtrauma« der Vertreibung eingeschrieben, wie es in vielen Mythen vom Ursprung der Menschheit zum Ausdruck kommt, etwa im Alten Testament, wo Adam und Eva nach dem Sündenfall aus dem Paradies vertrieben werden.

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