Rezension zu Leben und Tod in der Psychoanalyse

Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie, Nr. 04/2105 (Juni)

Rezension von Ruth Waldvogel

Das vorliegende Buch ist der zweite Band einer geplanten deutschen Ausgabe des Werkes von Jean Laplanche im Psychosozial-Verlag. Die französische Ausgabe erschien erstmals 1970 und ging aus einer Vortragsreihe hervor. Der entsprechend lebendige, rhetorische Stil ist, wie die Herausgeber schreiben, in der französischen Version sehr gut spürbar. Doch auch die deutsche Übersetzung ist, trotz der Schwierigkeit, die Leichtigkeit der gesprochenen Vorlage zu übersetzen, sehr flüssig zu lesen. Er steht im Kontext verschiedener französischer Freud-Rezeptionen der 1960er und 1970er Jahre, die sich alle der Auseinandersetzung der Originaltexte von Freud widmeten, um so neue Erkenntnisse zu gewinnen.

»Leben und Tod« wurde erstmals 1974 im Walter Verlag in deutscher Übersetzung von Peter Stehlin publiziert. Diese wurde für die vorliegende Neuauflage im Psychosozial-Verlag in überarbeiteter Form übernommen. Laplanche war vor allem auf Grund seines »Vokabular der Psychoanalyse«, das er wenige Jahre vorher zusammen mit Jean-Bertrand Pontalis verfasste, bekannt geworden, und das vorliegende Buch wurde im deutschen Sprachraum nur wenig zur Kenntnis genommen.

Wie Laplanche sagt, geht es ihm darum »im Wesentlichen ein buchstäbliches, kritisches und deutendes Studium des Freud’schen Textes« (S. 22) zu machen. Das Ergebnis ist eine sehr anregende Lektüre. Mit grosser Leichtigkeit benutzt Laplanche seine profunden Kenntnisse der Schriften von Freud, um Begriffe und deren Veränderung und Ergänzungen im Verlaufe des Gesamtwerks zu verfolgen und sie miteinander in Verbindung zu bringen. Die Texte werden entsprechend den Grundregeln der psychoanalytischen Kur mit »gleichschwebender« Aufmerksamkeit gelesen und interpretiert. Laplanche geht es dabei darum, seinen eigenen Zugang zu Freud zu finden. So zitiert er ausgewählte Textstellen wörtlich und fügt teilweise seine eigenen Kommentare direkt in die Passagen ein.

Die Frage von Leben und Tod wird sowohl von der medizinisch-biologischen Ebene als auch von der psychischen Ebene betrachtet, um einen Bezug zwischen den beiden Ebenen herzustellen. In den ersten zwei Kapiteln geht es um Sexualität und Sexualtheorie, Kapitel drei und vier widmen sich dem Ich und dem Narzissmus, um daraus folgernd in den letzten zwei Kapiteln Aggression und Todestrieb zu hinterfragen. Er schlägt vor, nicht-sexuelle Aggression, die gegen ein äusseres Objekt gerichtet ist, von Sadismus und Masochismus zu unterscheiden. Letztere ist auf die eigene Person gerichtet und damit autoerotisch.

Es ist eine anregende Lektüre zur Frage, wie aus der Sicht des Autors Lebenstriebe und Todestriebe im Werke Freuds entwickelt werden und wie sie sich im Laufe der Zeit verändern und vertiefen. Für Laplanche ist der Todestrieb ein sexueller Trieb und ebenfalls Ausdruck der Libido. Diese Interpretation kann irritieren, doch ist es genau dies, was das Buch anregend macht. Es fordert den Leser auf, sich auf seine eigene, neue und vertiefte Auseinandersetzung mit dem Werk von Freud einzulassen.

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