Rezension zu Marilyn Monroe - Wer?

ÖAGG FEEDBACK Zeitschrift ffü Gruppentherapie und Beratung 1&2/2015

Rezension von Günter Dietrich

Marilyn Monroe – Wer?

»Marilyn Monroe – Wer?« ist die Frage, mit der die Wiener Psychoanalytikerin und Lehrtherapeutin Irene Bogyi das von ihr herausgegebene Buch betitelt. Für diese Frage formuliert sie das Ziel einer psychoanalytischen und kunstwissenschaftlichen Annäherung, die sie gemeinsam mit einer interdisziplinären AutorInnengruppe unternimmt. Das Thema ist Leben und Sterben, Traum und Albtraum, legendenumwobener Mythos und biographische Realität der 1962 verstorbenen amerikanischen Schauspielerin und Sängerin Norma Jeane Mortenson. Als Filmikone und archetypisches Sexsymbol ist sie bis heute fest in der Medienwelt verankert – was der Analyse des unter ihrem Künstlerinnennamen Marilyn Monroe bekannten Phänomens auch mehr als 50 Jahre nach ihrem Tod weiterhin Aktualität verleiht.

Im einleitenden psychoanalytischen Beitrag »Marilyn Monroe und Ralph Greenson. Eine Analyse zum Tode« fokussiert Irene Bogyi auf die langjährige, die berufliche Karriere der Monroe begleitende Psychoanalyse der Schauspielerin bei Ralph Greenson. Diese Analyse war eine Psychotherapie, die zwei Stars verbunden hat. Monroe war als Filmstar die meistfotografierte Frau ihrer Zeit. Der »Analytikerstar« Greenson war als Psychotherapeut der »Reichen und Schönen« ebenso wie als Wissenschafter, Fachautor und charismatischer Redner international profiliert. In Bogyis vorzüglich recherchiertem Beitrag finden wir mehrere Blickwinkel auf diese Psychoanalyse – am eindrücklichsten erscheint mir die Betrachtung der ethischen Aspekte, die die Autorin unter anderem auch mit Lehrbuchaussagen Greensons belegt und wirkungsvoll mit Texten der Monroe und von ihrem Ehegatten Arthur Miller kontrastiert. So tritt eine Fülle an Behandlungsfehlern zutage, die die Analyse der Monroe wirklich zu einer »Analyse zu Tode« erscheinen lässt, als ein Arrangement mit vielen Grenzverletzungen, die – ohne dass die Autorin dies ausdrücklich so bezeichnet – das Bild einer missbräuchlichen psychotherapeutischen Beziehung vermuten lassen.

Die Psychoanalytikerin und Medienwissenschafterin Beate Hofstadler schafft eine die LeserInnen faszinierende Verbindung ihrer beiden Professionen. Ihr Beitrag »›Na ja, ich glaube ich bin Marilyn Monroe‹ – Die Frau, die die Kamera liebte« ist an der Biographie wie an der Filmographie Monroes im Wechselspiel mit ihrer zeitgebunden kulturellen Dimension in den USA der 1950er Jahre orientiert. Dies führt uns zu einer Analyse ihrer besonderen Medienwirksamkeit. Der Zugang Hofstadlers erscheint mir zugleich feministisch wie psychoanalytisch-triebtheoretisch geprägt. Dadurch wird ein vertieftes Verständnis von Monroes Starruhm ermöglicht, der stets konsequent an der Linie der gerade noch gesellschaftlich tolerierten sexuellen Provokation angelegt war. Auch mit ihrer detaillierten filmwissenschaftlichen Recherche macht Hofstadler den Lesenden Lust, mehr Filmmaterial der Monroe durch ihre Gedanken neu sensibilisiert anzusehen.

Da der Sammelband insgesamt Beiträge von 10 AutorInnen enthält, können die Texte hier nur ausschnittweise vorgestellt werden. Der anerkannte Toxikologe Rainer Schmidt lädt etwa zu »einer pharmakologischen Annäherung« ein, sein Beitrag heißt »Marilyn Monroe – künstliche Träume«. Schmidt legt dar, wie stark das Leben der Monroe durch eine polytoxikomanische Suchterkrankung überschattet war, die die Fragilität einer Persönlichkeit erahnbar macht, die nach außen zumeist durch eine traumbildhafte Starfassade überlagert blieb. Sein Artikel endet mit der pharmakologischen Analyse von Monroes Tod, was im Buch einen Bogen zurück zur psychoanalytischen Betrachtung von Irene Bogyi spannt, da Ralph Greenson für seine Patientin nicht nur Psychotherapeut, sondern auch Medikamente verschreibender Psychiater war. Weniger geglückt wirkt der Beitrag von Hans Pettermann »Von der Kunst, spielen zu können«. Dieser Eindruck entsteht zum einen dadurch, weil er in der Darstellung – etwa in der psychoanalytischen Entwicklungstheorie – nur unzureichend auf aktuelle Literatur gestützt ist und zum anderen, weil er ohne hinreichende Beantwortung der eingangs vom Autor selbstgestellten Fragen abbricht.

Weitere Beiträge in diesem Band wurden von August Ruhs, Ruth Cerha, Elisabeth Bronfen, Sebastian Leikert, Andreas Jacke und Tamara Sudimac gestaltet. Insgesamt entsteht eine vielschichtige interdisziplinäre Perspektive zu Leben und Mythos von Marilyn Monroe, die spannend zu lesen ist. In gewisser Weise liegt diesem Buch durch die psychoanalytische Methodik ein Dualismus zugrunde. Das Traumbild einer »Sexgöttin« sagt sowohl etwas über die Person aus, die dieses Bild – sei es lustvoll aber auch mit hohem persönlichen Aufwand – darstellt und symbolisiert, wie ebenso ein deutender Bezug zu denjenigen Personen möglich wird, die in voyeuristischer Begeisterung diesem Traumbild fasziniert nachhängen. Als lesende Person kann man leicht von diesem Voyeurismus angesteckt werden, aber das ist wahrscheinlich auch ein Teil des »Mythos Marilyn«. Als weiterer Aspekt einer Leseempfehlung sei noch die bereits kurz angerissene Ethikfrage der Psychotherapie angesprochen, die das Buch besonders für PsychotherapeutInnen empfehlenswert macht, weil es auf dem Weg einer Einzelfallstudie die besondere Problematik der Psychotherapie eines Stars verdeutlicht.

Günter Dietrich

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