Rezension zu Psychoanalyse in der Slowakei

Luzifer-Amor. Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse. Nr. 55. 1/2015

Rezension von Elke Mühlleitner

Adam Bžoch: Psychoanalyse in der Slowakei. Eine Geschichte von Enthusiasmus und Widerstand

Über die Geschichte der Psychoanalyse in den osteuropäischen Ländern wird seit dem Mauerfall und dem Ende des Kalten Krieges intensiv geforscht. Der slowakische Literaturwissenschaftler Adam Bžoch versucht im vorliegenden Werk, »die Psychoanalyse in der Slowakei geschichtlich zu erfassen«, indem er der Geschichte ihrer Rezeption in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen nachgeht. »In der Slowakei existierte die Psychoanalyse nie als eine autonome Bewegung. Es gab hier keine charismatischen Protagonisten«, erklärt der Autor seine Herangehensweise.

Bžoch gliedert seine Untersuchung in verschiedene Kapitel (Peripherie, Katholische Kritik, Avantgarde 1938, Die Psychoanalyse und die slowakische Psychologie, Die Psychoanalyse und die slowakische Literaturwissenschaft, Von der Philosophie zur Kulturkritik) und erklärt detailliert anhand der Lektüre von Fachzeitschriften, Monographien, Rezensionen und Einzelartikeln in der Presse die Entwicklung von Urteilen und Vorurteilen in Bezug auf die Psychoanalyse im Kontext wissenschaftlicher und gesellschaftspolitischer Strömungen. Die Geschichte der Psychoanalyse in der Slowakei erscheint dabei wie eine Nicht-Geschichte bzw. als eine Geschichte, die im Schatten von Tschechien (und besonders dem Zentrum Prag) stattfindet. So erfahren wir, dass selbst in der Hauptstadt der Slowakei, in Bratislava, das nur 60 km von Wien entfernt liegt, ein durchaus begrenztes Interesse der Intellektuellen für die Lehre Freuds und seiner Nachfolger in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bestand. Nur marginal streifen manche Persönlichkeiten die psychoanalytische Bewegung in den slowakischen Regionen; der Autor zählt z. B. Leopold Szondi, Melanie Klein und v. a. Zoltán Erdély dazu. Eine größere Rolle spielte die 1938/39 zerschlagene Kaschauer Gruppe um Jaroslav Stuchlík mit seinen engen Mitarbeitern Emanuel Windholz und Jan Frank. Aus ihrem Umkreis besitzen wir auch »den ersten schriftlich festgehaltenen bzw. veröffentlichten ›psychoanalytischen‹ Fall aus der Slowakei«. Jedoch sei aus den »Falldebatten des engen Kreises der Kaschauer Gruppe die Psychoanalyse in das Bewusstsein der slowakischen Öffentlichkeit nicht vorgedrungen« (S. 35).

Die frühe Rezeption der Psychoanalyse erfolgte meinungsbildend v. a. durch die katholische Monatsschrift Kultúra, deren massive Kritik auf religiösen und gesellschaftlichen Vorurteilen beruhte.

Als Beispiel zitiert Bžoch den katholischen Priester Alexander Spesz und schreibt »Der Autor hielt die Psychoanalyse für die Rache des Judentums an der katholischen Kirche und fasste auch seine eigene Kritik der Psychoanalyse als den Kampf des Christentums gegen die zersetzenden jüdischen Kräfte auf« (S. 44).

Kurzzeitige Veränderungen und Aufbrüche, etwa Ende der 30er und Anfang der 40er Jahre, findet der Autor innerhalb des jüngeren avantgardistisch-künstlerischen Milieus. Mancher Vertreter sah in der Psychoanalyse eine »progressive Denktendenz«, die eine Opposition zum sozialen bzw. kulturellen Konservatismus und katholischen Antimodernismus bilden konnte (S. 75). Immer wieder gab es einzelne, aber meist kurze Versuche, der Psychoanalyse mehr Gehör zu verschaffen (etwa bei Tomas Pardel oder dem, wie mir scheint, bisher ziemlich unbekannten, von Jozef Hašto 2004 ausführlicher beschriebenen F[reud]-Kreis), die im Zusammenhang mit den politischen Entwicklungen in der Tschechoslowakei erklärt werden. 1966 kam in Bratislava »Totem und Tabu« heraus als »das erste auf Slowakisch veröffentlichte Buch von Freud« (S. 161). Freuds Werke erschienen erst »nach 1989 im Slowakischen dank der editorischen und übersetzerischen Initiative des Bratislavaer Pädagogikhistorikers Milan Krankus« (S. 118). »Mit zwanghafter Hartnäckigkeit wurden noch in den 1990er Jahren im slowakischen philosophischen Milieu die meisten Argumente wiederholt, die die vermeintlich mangelnde Originalität von Freuds Theorie des Unbewussten belegen sollten [...]. Die Auseinandersetzung mit der psychoanalytischen Theorie findet in der Slowakei bis heute meistens ohne Vorverständnis und Berücksichtigung der bisherigen Diskussionen statt, sie gibt sich oft mit Gemeinplätzen zufrieden und arbeitet meistens akzidentell« (S. 194). Der Autor erklärt dies nicht nur mit dem mangelhaften wissenschaftlichen Verständnis, sondern auch mit dem Status von Peripherie und Provinzialität.

Bžoch hat das Buch selbst ins Deutsche, das er gut beherrscht, übersetzt; dennoch hätte die Durchsicht eines Lektors dem Lesefluss nicht geschadet, und vielleicht wären so auch manch störende Fehler bei Namen und Quellen vermieden worden. Leider fehlt dem Band ein Namensregister.

Das Bild, das nach der Lektüre entsteht, ist ein Geflecht von vielen Informationen, Details und Namen (manchmal sieht man den Wald vor Bäumen nicht), das für diejenigen von Interesse sein wird, die sich mit den Details der Rezeptionsgeschichte der Psychoanalyse in Osteuropa befasst und darauf spezialisiert haben.

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