Rezension zu Das Lied des Grünen Löwen

Musikerziehung, Jahrgang. 67, Heft 2, Oktober 2014

Rezension von Gerta Steinringer

Jörg Rasche:
»Das Lied des Grünen Löwen« – Musik als Spiegel der Seele

Eine berührende Kindheitserinnerung des Psychoanalytikers (aus der Tradition von C.G. Jung) und Musikers (Klavier, Orgel) Jörg Rasche gab diesem starken Werk den Titel. Ausgehend von der These, dass zwar jeder Mensch naturgemäß auf ganz individuelle Weise mit Musik in Berührung kommt, wird hier äußerst beeindruckend dargelegt, welche für alle Menschen archetypischen psychologischen und soziologischen Phänomene in Musik gespiegelt erkennbar sind.

In zehn Kapiteln wurden (mit zahlreichen Bild- und Notenbeispielen) die vielschichtigen Bezüge im Laufe der Musikgeschichte zwischen Individuum und Gesellschaft, dem Künstler und seinem Werk, zwischen Innen und Außen, dem jeweiligen Status natur- und geisteswissenschaftlicher Forschung oder dem politischen Zeitgeist Rechnung getragen. Es wird ein weiter Bogen gespannt: Von »Variationen über Musik und Psyche« und Allgemeinem über Musik und psychische Struktur, um das Aufeinander-Hören, Musik und Psyche im Mittelalter. Die Alchemie als »Wissenschaft des Übergangs vom bildhaften mittelalterlichen zum abstrakten neuzeitlichen Denken« (S.125) erweist sich als nützliches analoges System zur Beschreibung von Phänomenen, die sich auch in der Musik ereignen, es gibt sogar »Alchemistische Musik«.

Johann Sebastian Bach, unübertroffener Großmeister in Passacaglia und Fuge, stilistisch zusammenfassend und richtungsweisend u.a. im Wohltemperierten Klavier, wird in Hinblick auf das psychologische Geschehen als »Bewegung des Selbst« exemplarisch analysiert.

Der bedeutende musikhistorische Schritt vom Hochbarock zur (Wiener) Klassik, die Entstehung der Sonatensatzform, das Drama der Sonate (anhand einer Klaviersonate) beschreibt der Autor am Genie Wolfgang Amadé Mozart als »Weg zum inneren Paar«, wobei die Liebe die entscheidende Rolle spielt …

Auf S. 243 formuliert Rasche: »Der Akzent dieser Arbeit liegt darauf, wie Einzelne die archetypischen Themen gestaltet haben, die zu ihrer Zeit wichtig wurden. Die Kompositionen sind Lösungen.« Der Archetypus des Helden wird anhand von Ludwig v. Beethoven (inmitten der Ereignisse der französischen Revolution) und seiner Ballettmusik »Die Geschöpfe des Prometheus« (dieser als Lichtbringer) und die Untrennbarkeit von Licht und Schatten abgehandelt. In seiner ,»Eroica« als Schlüsselwerk gehe es um »Sterben als Gott, Erwachen als Mensch« (S.252) und in »Fidelio«, einer Mischung aus Rettungsoper und bürgerlicher Komödie musikalisch gesehen um eine Auferstehung, um »eheliches Glück«.

Die späten Klaviersonaten Beethovens, speziell die Sonate op.110 in As-Dur stehen in einer minutiösen Analyse mit dem psychischen Prozess der Individuation in Zusammenhang. Nach einer kurzen Exploration der sogenannten »Komplexpsychologie« werden im 1.Satz musikalisch-thematische Komplexe aufgespürt, wird im 2. Satz der »Einbruch des Selbst« gesehen, der 3. als »Verstörung und Konsolidierung« interpretiert, um schließlich über die »Klage der Seele« (Arioso) zu einer Fuge zu kommen, (psychologisch als die Verbindung zum Selbst), welche an ihrem Höhepunkt abbricht. Die 2. Fuge bringt anstatt der Aufwärts- nun eine Abwärtsbewegung, das Thema löst sich auf, in der alchemistischen Bildsprache frisst sich die Schlange selbst, um neu aus sich hervorzugehen. Im Bild des Grünen Löwen bedeutet dies: Die Sonne wird gleichzeitig verschlungen und geboren. (S.291)

Bei Robert Schumanns 13 Kinderszenen zeigt der Autor eindrücklich das komplexe Beziehungsgeflecht und dessen Entwicklung zwischen dem Kind und seinen Eltern, gespiegelt im musikalischen Geschehen. In einer Variationenreihe zieht sich ein Thema wie eine Urmelodie als Bild der Mutter durch den gesamten Zyklus. Der Schluss »Der Dichter spricht« geht in der symbolischen Einbeziehung des Vaters mit der Musik bis an die Grenze zum gesprochenen Wort, der Vaterhunger des Kindes scheint nicht gestillt, es bleibt hingegen Musik als eigene Qualität, welche trösten und heilen kann; sie hat das letzte Wort.

Das letzte Kapitel ist Chopins Balladen gewidmet mit der Überschrift »Die Treue und die reale Frau«. Aus tiefer romantischer Geisteshaltung beleben Anima und Naturgeist die Szene, eine Neukonstellierung archetypischer Dominanten macht sich sowohl in der Psyche der Männer als auch bei Frauen breit. Eine wachsende Differenzierung der Beziehungsfähigkeit lässt sich auch in den musikalischen Produktionen nachweisen. Chopins vier Balladen erzählen zwar, vertonen aber keine Texte und wollen nicht als Programmmusik verstanden werden. Mit vielerlei Bezügen zur Belletristik und liebevoller Detailanalyse zeigt uns J. Rasche wie das Paar, eingebettet in Naturmystik, einander bewusst wird und sich als »Große Liebende« vereint. S. 377: »Chopin geht im Erkennen und Gestalten der Schönheit bis an die Grenze des Wahnsinns. Es ist die Frage, ob eine zwischenmenschliche Beziehung das Gefäß für die Inkarnation der Gottheit sein kann.«

Zum Schluss wird das Lied des Grünen Löwen nochmals aufgegriffen: Musik als Ordnungsfaktor, als Stimme der Natur, beziehungsstiftend, bedeutungsträchtig. »Als musikalisches Prinzip wirkt der Grüne Löwe in der Zurücknahme von Entwicklungen und der Zerlegung und Auflösung von Gestalten in kleinere Einheiten. Dadurch wird Wandlung ermöglicht.« (S. 385) Für uns ist Musik nahe am Gottesbild, über welches man ungerne spricht. Das Verhältnis von Musik und Sprache, ein unerschöpfliches Thema, führt weiter zum vielfach verwendeten psychologischen Terminus des partizipierenden Bewusstseins, »Musik ist nicht Ersatz, nicht Regression, nicht Pathologie, nicht Als-ob, sondern eine Art, partizipierend in der Welt zu sein und zu leben.« (S. 391)

Gerta Steinringer

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