Rezension zu Leitlinie psychosomatisch orientierte Diagnostik und Therapie bei Fertilitätsstörungen

Sexuologie. Zeitschrift für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft Band 21 Nr. 3–4/2014

Rezension von Florian Mildenberger

Leitlinie psychosomatisch orientierte Diagnostik und Therapie bei Fertilitätsstörungen

Die Koordination von Aufsätzen in Fachzeitschriften mit der Publikation von Leitlinien für das Vorgehen in klinischen Fragen funktioniert meistens nicht. Gemeinhin erscheinen Exzerpte von Büchern in Journalen oder Lehrbücher beziehen sich mit einigen Jahren Verspätung auf Aufsätze in Zeitschriften. Doch der Inhalt des vorliegenden Werkes korrespondiert in vorzüglicher Weise mit dem Themenschwerpunkt in Heft 1-2 der Sexuologie des Jahres 2014. Interessanterweise gibt es zwischen Inhalten, aber nicht Autorennamen in Journal und Leitlinie Überschneidungen. So können sowohl die Autoren als auch die Leser von beiden Veröffentlichungen profitieren.

Die in Buchform veröffentlichte Leitlinie steht ganz im Zeichen der psychosomatischen Annäherung an die Patienten und ihre entsprechende Versorgung. Auf Basis dieses Empathie befördernden ärztlichen Verhaltens gelingt es den Autoren herauszuarbeiten, dass manche in Forschung und Praxis unhinterfragte Daten wahrscheinlich falsch sind. So ist die allgemein akzeptierte Quote von 15–20% ungewollt kinderloser Partnerschaften wohl überzogen – 9% sind realistisch. Auch die eher an Vorurteile denn wissenschaftliche Arbeitsweise erinnernden Pathologisierungen infertiler Paare werden bereits im ersten Teil des Buches kritisch hinterfragt und aufgearbeitet. Die Rolle psychischer Belastungsmomente in der Ätiologie der Kinderlosigkeit wird allgemein verständlich und wissenschaftlich unterfüttert herausgearbeitet. In Kenntnis dieser Aspekte unterscheidet sich die heutige Behandlung erheblich von der, die noch vor einigen Jahren üblich gewesen war. Meist genügt schon das dauerhafte Absetzen der Kontrazeptiva, verbunden mit einer veränderten Lebensweise beider Partner, um eine Schwangerschaft herbeizuführen. Die Ängste konservativer Akteure, zusätzliche Maßnahmen (In-Vitro-Fertilisation, IVF) würden zur Regel werden, erscheinen so geradezu lächerlich. Wird dann tatsächlich zu IVF-Maßnahmen gegriffen, so lässt sich klar feststellen, dass über den Erfolg und Mißerfolg psychische und somatische Faktoren gleichermaßen entscheiden. Der Verlauf der Schwangerschaft und ihre Risiken ähneln denjenigen, die auf natürlichem Wege zustande kommen (z.B. bei Mehrlingsgeburten). Frauen, die IVF in Anspruch nehmen, scheinen – die Studienlage ist hier unklar – besonders vorsichtig zu agieren. Dies setzt sich in der Eltern-Kind-Beziehung fort. Hier zeigt sich, dass Einlinge signifikant weniger anfällig für Krankheiten sind als Mehrlinge. Daher halten es die Autoren für geboten, bei der IVF-Behandlung die Erzielung von Mehrlingsschwangerschaften zu vermeiden. Der Erfolg der IVF jedoch erscheint notwendig angesichts der klar herausgearbeiteten psychischen Folgen ungewollter Kinderlosigkeit für Frauen und Paare. Dies führt zwangs- läufig zu dem Schluss, eine erfolgreiche IVF-Schwangerschaft verhelfe Frauen und Männern gleichermaßen zu einer verbesserten psychischen Gesundheit und schade auch nicht dem Nachwuchs, der besonders behütet auf- wächst. Gleichwohl verlangt dies von den Ärzten eine besonders empathische Vorgehensweise, wenn sich im Laufe der Untersuchungen herausstellt, dass auch eine IVF-induzierte Schwangerschaft schwierig oder aus gesundheitlichen Gründen nicht empfehlenswert ist.

Doch auch wenn ein Paar aus ärztlicher Sicht und aus eigenem Interesse heraus für eine künstliche Befruchtung geeignet scheint, ist ein umfänglicher psychosomatischer Maßnahmenkatalog sinnvoll. Damit ist zugleich der große Schwachpunkt des vorliegenden Werkes angesprochen: die Autoren kennen ausschließlich Paare, die sich für IVF entscheiden. Die sich bewusst für eine Schwangerschaft entscheidende Single-Frau scheint unbekannt zu sein. Erst im letzten Teil des Buches werden diese Frauen kurz erwähnt. Es ist jedoch unklar, inwieweit Forschungserkenntnisse, die an heterosexuellen Paaren gewonnen wurden, auf alleinstehende Hetera oder lesbische Singles/Paare anwendbar sein sollen. Darüber hinaus scheinen die Autoren anzunehmen, es gebe so etwas wie eine »westliche Normkultur«, in die sich sämtliche Patienten/Patientinnen halbwegs einpassen ließen. Allein schon die Unterschiede zwischen Stadt/Land und verschiedener religiöser Prägung hätten ein wenig Beachtung verdient. Lobenswert erscheint der Versuch, Migranten mit islamischem Hintergrund gesondert aufzuführen. Aber gibt es »den Islam«? Hier scheint die Selbstorganisierung der Interessierten relevant zu sein, das Inhaltsverzeichnis verspricht ein Kapitel zu »Selbsthilfegruppen«. Es ist genau eine Seite lang. Auch die Bedeutung alternativmedizinischer Ansätze wird nur kurz berührt.

So ist das vorliegende Buch die ideale Handreichung für den ärztlichen Leser, der sich in den Grenzen des Standesrechts und eigener Ausbildung gut aufgehoben fühlt und in Psychosomatik eine derartig gewaltige neuartige Herausforderung sieht, dass er sich mit weiteren Aspekten nicht mehr befassen kann oder will. Man könnte formulieren, dass das vorliegende Buch nicht nur viele Empfehlungen für den Umgang mit Patienten enthält, sondern zwischen den Zeilen auch einiges über die deutschen Ärzte und ihr Weltbild verrät.

In der Sexuologie stellten Autoren die Frage, ob eventuell IVF zu exzessiv im Rahmen der eng umrissenen Patientengruppen angewandt werde, wobei hier vor allem der Blick auf den angloamerikanischen Raum gerichtet war. Eventuell werden diese Debatten hierzulande bald an Bedeutung gewinnen. In diesem Zusammenhang wäre außerdem zu fragen, ob das ärztliche Personal durch seinen Wissensvorsprung nicht eventuell Patientinnen zu einer bestimmten Form der Schwangerschaftsherbeiführung drängt und das Selbstbestimmungsrecht verloren geht. Dieser Aspekt hätte in einer psychosomatisch befeuerten Leitlinie sicherlich auch Platz finden können. Ein anderes Gebiet wäre die Frage, bis zu welchem Alter der möglichen Mütter die Schwangerschaften herbeigeführt werden sollten. Die Frage, ob der Schutz der Embryonen noch gewährleistet ist, wenn zielsicher eine Mehrlingsschwangerschaft vermieden werden soll, hatte Bettina Bock v. Wülfingen in dem Sexuologie-Heft angeschnitten. Hier scheint sich ein breites Feld für ethische Debatten aufzutun. Die Diskussionen sind im Fluß, eine Leitlinie kann hier hilfreich sein, ist jedoch selbst stets möglichen Veränderungen und Modifikationen unterworfen.

Florian Mildenberger (Stuttgart)

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