Rezension zu Richard Wagner. Der Ring des Nibelungen

Musikerziehung Jahrgang 66 Heft 2 Juni 2013

Rezension von Gerta Steinringer

Bernd Oberhoff: Richard Wagner – Der Ring des Nibelungen – Eine musikpsychoanalytische Studie

Die vorliegende ausführliche Studie erscheint wissenschaftlich ebenso genial wie ihr erforschtes künstlerisches Objekt. Wenn R. Urbach im »Spectrum« der »Presse« vom 4.5.2013 R. Wagner als »Spürhund der Moderne« bezeichnet, so könnte man dieses Attribut auf wissenschaftlicher Ebene für B. Oberhoff insofern anwenden, als er mit seinem modernen psychoanalytischen Ansatz für die Musikwissenschaft und alle Wagner-Fans sowie -Gegner gleichermaßen Pionierarbeit geleistet hat!

»Der analysierende Gang durch die vier Ringopern« (Das Rheingold – Die Walküre – Siegfried – Götterdämmerung), welcher jeweils von einer fundierten Einleitung und Kurzzusammenfassung der psychologischen Sinnebene umrahmt wird, erweist sich als dermaßen spannendes, sowohl emotional als auch intellektuell herausforderndes wissenschaftliches Abenteuer, bei dem man sich auch noch am Ende des ersten Abschnittes mit dem Autor identifizieren kann, wenn er beschließt: »Was übrig bleibt: Eine Vielzahl an offenen Fragen.«

Beim zweiten großen Kapitel, welches den Leitmotiven gewidmet ist, erweist sich Oberhoffs Forschungsansatz in Gründlichkeit und Tiefgang erneut als äußerst erhellend und schlüssig. Der Grundgedanke, Leitmotive einerseits als primäre körpersinnliche Empfindungen, andererseits als mentale Denkelemente gegenüberzustellen, zu verbinden, sich entwickeln und verändern zu sehen, wird in vier Methoden einer Bedeutungsanalyse unterzogen mit frappierenden und überzeugenden Ergebnissen.

R. Wagners unvergleichliche Persönlichkeit (das »uncontainte« Kind) steht im dritten Teil unter liebevoll-scharfer Betrachtung des Psychoanalytikers. Viele verschiedene Aspekte der Biographie des leidenden genialen Dichterkomponisten werden ausgeleuchtet und verständlich gemacht; Wagner kann als Patient und (Selbst-)Therapeut gesehen werden.

Die besondere Rolle des Orchesters wird in mehrerer Hinsicht unter die Lupe genommen: so fungiert es als Bewältiger der affektiven Fluten, beeindruckt in seiner Fähigkeit zur »Reverie« wird selbst zu bewältigten affektiven Fluten und damit Therapeut und minutiöser musikalischer Darsteller des Ichs des Komponisten. Nach der Analyse der unendlichen Orchestermelodie (als vielstimmiges Unbewusstes und Ausdruck des Unaussprechlichen) wird am Ende die Frage gestellt, wie erfolgreich Wagners Selbstheilungsversuch mit und in seinem »opus magnum« gewesen sein könnte. Das Schlusskapitel »Im Unendlichkeitsraum« überrascht und erweitert das Bewusstsein des interessierten Lesers durch die Verbindung eines mathematischen Systems (die Unterscheidung von symmetrischer und asymmetrischer Logik in der Mengenlehre) mit tiefenpsychologischen Erkenntnissen aus der klinischen Praxis. So verblüffen sowohl die Ausführungen über die symmetrische Logik in Wagners »Ring« als auch die Schlussgedanken zu Wagners Wahrheit und Unwahrheit.

Die Forschungsreise in die (Un-)Tiefen archaischer Zeiten und Räume, zuweilen Raum- und Zeitlosigkeit an der Hand eines renommierten Psychoanalytikers von Wagners Werk und Persönlichkeit ist eine wahrhaft aufregende und faszinierende!

Am Ende der einschlägigen Artikel in den diversen österreichischen Tageszeitungen und Zeitschriften zu Wagners Jubiläumsjahr ist bis jetzt bedauerlicherweise das vorliegende Werk unter den Neuerscheinungen nicht erwähnt worden.

Gerta Steinringer

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