Rezension zu Psychoanalyse in der Slowakei

brücken – Germanistisches Jahrbuch Tschechien-Slowakei 21/1–2 (2013)

Rezension von Roman Mikulás

Adam Bzoch: Psychoanalyse in der Slowakei. Eine Geschichte von Enthusiasmus und Widerstand. Gießen (Psychosozial) 2013, 208 S.

Vor knapp einem Jahr erschien im Gießener Psychosozial-Verlag eine umfassende historisch-kritische Arbeit zur Rezeption der Psychoanalyse in der Slowakei. Der Autor, Adam Boch, Germanist, Nederlandist und Vorstand des Instituts für Weltliteratur der Slowakischen Akademie der Wissenschaften, hat sich eine schwere Last aufgebürdet und zugleich eine Aufgabe geschultert, die darin besteht, jene Bereiche zu untersuchen, auf welche die Psychoanalyse in irgendeiner Weise Einfluss ausübte.

Aus der ›allgemeinen‹ Rezeptionsgeschichte der Psychoanalyse wissen wir, dass sie von Anfang an sowohl wohlwollende Befürworter wie auch entschiedene Gegner hatte. In diesem Punkt hebt sich die slowakische Rezeption von der /'allgemeinen/' nicht wesentlich ab, von der wir jedoch auch wissen, dass die Ja- bzw. Neinsager in ihrer Grundhaltung zur Psychoanalyse höchst unterschiedlich motiviert waren. Und jetzt wird das Bild der Rezeptionsgeschichte der Psychoanalyse erst recht kompliziert. Dass darin sowohl nationale wie auch internationale Entwicklungen verschiedenster Provenienz (wissenschaftsgeschichtlich, sozialgeschichtlich, politisch, konfessionell etc.) eine entscheidende Rolle spielen, braucht nicht extra hervorgehoben zu werden.

Das besprochene Buch von Adam Bäoch ist konzeptionell eine (es sei mir erlaubt, eine womöglich negativ konnotierte Vokabel zu benutzen, die ich jedoch bewusst nicht negativ verstanden wissen will) ›vernünftige‹ Arbeit. Zwar wird im Impressum darauf hingewiesen, dass es sich um eine Übersetzung seines im Jahr 2007 erschienen, im Original mit »Psychológia na periférii« [Psychologie an der Peripherie] überschriebenen Buches handelt, dennoch geht es nicht um eine mechanische Übersetzung, sondern eine modifizierte Fassung, die darauf abzielt, das deutschsprachige Fachpublikum dort abzuholen, wo es im Fachdiskurs steht. Allerdings ist dieser Aspekt auf ein vernünftiges Maß reduziert, so dass wir von zähen schulbuchartigen Gemeinplätzen verschont bleiben.

Es ist mir nicht darum zu tun, auf etwaige Verschiebungen, Ergänzungen oder Weglassungen, die im Zuge der Übersetzung »passiert« sind, einzugehen. Da müsste ich bereits beim Titel des Buches anfangen, in dem das Wort »Peripherie« durch »Slowakei« ersetzt wurde. Das Vorhaben des Autors wird nach den ersten Seiten der Lektüre ohnehin ganz deutlich erklärt: "Eine Geschichte der Psychoanalyse in der Slowakei" zu schreiben, in einem Land, wo »die Psychoanalyse nie als eine autonome Bewegung [existierte]«. (S. 7 u. 9)

Der Autor klopft verschiedene gesellschaftliche Bereiche ab, namentlich Psychologie, Theologie, Wissenschaftstheorie, Philosophie, Poesie, Literaturwissenschaft, Kulturkritik etc., sichtet und kontextualisiert eine Fülle von schriftlichen Dokumenten von wichtigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und unternimmt eine historische Bestandsaufnahme an verschiedenen Institutionen quer übers Land, u. zw. unter der Leitfrage, wo Psychoanalyse ihre Spuren hinterlassen hat und wie diese Spuren ihr Bild geprägt haben.

Die Begründung und Entwicklung der Psychoanalyse ist ein äußerst komplexes Thema, welches unter verschiedenen Prämissen kontextualisiert werden kann, auch wenn es sich im Falle der besprochenen Arbeit um eine radikale Fokussierung auf das Territorium der heutigen Slowakei handelt. Die Frage, wo Sigmund Freud mit seiner Lehre Spuren hinterlassen hat und wie tief und prägend diese Spuren, wofür und in welchem gesellschaftlichen und historischen Umfeld waren, das alles gehört zum Aufgabenkatalog dieser Arbeit.

Den Anfang soll ein Dreigestirn von international bekannten Psychoanalytikern machen, die einen direkten Bezug zu Oberungarn hatten. Leopold Szondi, gebürtig im oberungarischen Neutra (Nitra), Melanie Klein, die zwar in Wien geboren wurde, deren Mutter Libussa jedoch aus Oberungarn stammte (Melanie Klein heiratete später nach Rosenberg (Ruomberok), einer Provinzstadt in der heutigen Nordslowakei). Und schließlich Zoltán E. Erdely, der in der nordslowakischen Kleinstadt Deutschendorf (Poprad) gebürtig war und in den 1960er Jahren am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main seine Wirkungsstätte fand.

Es gibt sie also doch, die Psychoanalyse in der Slowakei, in der Provinz, deren Hauptstadt Bratislava keine 60 km östlich von der Wiege der Psychoanalyse liegt. Und es gibt sie an verschiedenen Orten, wie bspw. an der neuropsychologischen Abteilung der Staatsklinik im ostslowakischen Kaschau um Jaroslav Stuchlik, der in der Zeit seines Medizinstudiums in Paris und in der Schweiz Kontakte zu C. G. Jung und Ernst Bleuler pflegte.

Die Psychoanalyse fand bekanntlich in viele Diskurse Eingang, vor allem in jene, bei denen sich auffallend große Schnittmengen an ›Gemeinsamkeiten‹ zeigen, was jedoch nur bedingt mit Zustimmung rechnen lässt. Die Theologie wäre ein solcher Bereich. Der theologische und der psychoanalytische Diskurs begegnen einander in der Slowakei in einer spezifischen Art. Die Slowakei, wie Österreich schließlich auch, war und ist konfessionell ein mehrheitlich katholisch geprägtes Gebiet. Eine breitere Öffentlichkeit erreichte die bereits erwähnte Kaschauer Gruppe um Jaroslav Stuchlik kaum. Es wurden anderweitig Versuche unternommen, in dieser Hinsicht wirksam zu werden, um auch katholische Leserschaft auf Psychoanalyse einzustimmen – erfahren wir aus dem Buch. In diesem Sinne weist der Autor auf die Bedeutung der katholischen Monatszeitschrift Kultúra und der gesellschaftliche Kritischen Zeitschrift Prúdy hin, in denen in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre Artikel zur Psychoanalyse publiziert wurden. In diesem Kapitel wird vor allem auf die Bedeutung von Alexander Spesz eingegangen, einem katholischen Priester, der vor allem mit seinem Buch »Die Psychoanalyse und das Christentum« aus dem Jahr 1934 als Kritiker der Psychoanalyse in katholischen theologischen Kreisen deutliche Akzente setzte, u. zw. in vielfacher Hinsicht. Adam Bzoch beleuchtet seine Bedeutung aus mehreren Blickwinkeln. Trotz einiger positiven Aspekte (z. B. Etablierung einer psychoanalytischen Terminologie) werden hier, so der Autor, fast reflexartig, »religiöse und gesellschaftliche Vorurteile gegenüber der Psychoanalyse« (S. 44) gefestigt.

Eine interessante Rezeption erfuhr die Psychoanalyse in der Slowakei der 1930er und 1940er Jahre durch die Avantgardebewegung Avantgarde 38. In diesem Kontext spielte der Verein für wissenschaftliche Synthese eine zentrale Rolle. Für die Etablierung dieses Vereins waren der Prager linguistische Kreis wie auch der Wiener Kreis wichtige Vorbilder. Die Integrationsfigur dieses Vereins war der Philosoph Igor Hrusovski mit seinem am Wiener Neopositivismus orientierten Projekt der wissenschaftlichen Metasprache. In seiner Schrift Die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens aus dem Jahr 1942 äußerte er sich, und das mag etwas überraschen, auch zur Psychologie des Unbewussten. Adam Bzoch gibt auf entsprechend zwangsläufige Fragen auch hier präzise Antworten und bleibt hart am Text.

Eine wichtige Rolle spielten auch die surrealistischen Dichter und Künstler des sog. Überrealismus (Nadrealismus), die sich, was das Verständnis von Freuds Lehre angeht, von den französischen Surrealisten entscheidende Anregungen holten. Im Zusammenhang der künstlerischen und literarischen Avantgarden wird in diesem Buch mehrfach auf die Bedeutung der Kulturzeitschrift Elán eingegangen. Unter den Akteuren aus dem Umfeld der Avantgarde 38 richtet sich Bzochs Aufmerksamkeit u. a. auf Karol Terebessy, der mit Igor Hrusovski im regen Austausch stand und der die Psychoanalyse schlechthin als »Schlüssel zum Verständnis der Poesie« auffasste, den aber auch sonst einiges von seinen Zeitgenossen und Mitstreitern unterschied, in erster Linie seine Herkunft und seine Sozialisation.

Der besagte Verein für wissenschaftliche Synthese veranstaltete im Zeitraum zwischen 1939 bis 1948 sieben öffentliche Vorlesungen und Diskussionen von und mit Psychologen, von denen sich vor allem Ernest Guensberger und Tomás Pardel mit der Psychoanalyse eingehender befassten. Vor allem die Wege des Letzteren nehmen in diesem Buch verhältnismäßig viel Raum ein, war er es doch, der sich 1946 bereits mit der Idee beschäftigte, eine umfangreichere Arbeit mit dem bezeichnenden Titel »Probleme der Tiefenpsychologie« zu verfassen, der zwei eigens publizierte Studien vorausgeschickt wurden (1946 und 1947). Aus dem ursprünglichen Vorhaben und den damit verbundenen Ideen wurde nach seinem »offiziellen Abschied von der Psychoanalyse« im Jahr 1953 im Zuge des »stalinistischen Kahlschlags« was ganz anderes, u. zw. eine erst 1972 publizierte Arbeit mit geändertem Titel »Probleme der psychoanalytischen Bewegung«. Auch hier lässt Bzoch keine Wünsche offen und analysiert diese Abhandlung detailliert und aus vielen Perspektiven.

Aus dem Umfeld des Vereins für wissenschaftliche Synthese ist auch der aus Prag stammende Philosoph Stanislav Felber hervorgegangen, auf dessen Bedeutung für die Etablierung der Psychoanalyse in der Tschechoslowakei im letzten Kapitel des Buches analytisch eingegangen wird.

Mit dem Verbot des Vereins 1948 wurde es für zwei Jahrzehnte still um die Psychoanalyse. Erst 1966 durfte eine slowakische Übersetzung von Freuds »Totem und Tabu« erscheinen, und zwar unter der Mitarbeit des oben erwähnten Philosophen Igor Hrusovski als wissenschaftlicher Redakteur. Theodor Münz, der Übersetzer, selber namhafter Philosoph, versieht die Ausgabe mit einem Vorwort, das für Bzoch, wie es aussieht, eine ganze Palette von »Symptomen« birgt, die er detailliert erläutert und mit jener mehr als widersprüchlichen Aufnahme dieser Übersetzung in den Fachkreisen koppelt.

Die Psychoanalyse hat aber auch die Literaturwissenschaft in ihrer Selbstwahrnehmung nachhaltig geprägt. Dies gilt jedoch vielleicht und auch nicht ohne Einschränkung nur für die ›westliche‹ Literaturwissenschaft. In Deutschland erfährt sie zwar eine ungewöhnlich zwiespältige, nicht aber pauschal ablehnende oder distanziert oberflächliche Integration in das Repertoire dieser multiperspektivischen und methodisch wie theoretisch pluralistischen Disziplin. Ein großer Teil der vorliegenden Arbeit befasst sich mit der literaturwissenschaftlichen Rezeption psychoanalytischer Theoreme in der Slowakei, zumal die Affiliation des Autors gerade auf diesem Gebiet liegt. Seine fachkompetenten Reflexionen ergeben insgesamt eine Art wissenschaftsgeschichtliches Portrait dieser Disziplin aus der Sicht der Psychoanalyse, mit allen ihren Befindlichkeiten, Vorurteilen und Bedenken, die man ihr entgegengebracht hatte. Aber auch Beispiele positiver und fruchtbarer Aufnahme werden vorgestellt. Als Beispiel kann der Artikel »Psychoanalyse und Literaturkritik« aus dem Jahr 1967 von Dusan Slobodnik erwähnt werden, der Freuds Psychoanalyse allerdings nicht als Instrument für literarische Interpretation verstanden haben wollte, sondern der sie vielmehr als Element der literarischen Moderne wahrnahm.

Besondere Berücksichtigung findet in diesem Buch die Aufnahme der Psychoanalyse im Umfeld des Instituts für Literarische Kommunikation, der sog. Schule von Nitra. Vor allem deren beiden Hauptakteure, Anton Popovic und Frantisek Miko, in je spezifischer Weise, haben den Weg des psychoanalytischen Gedankenguts in den literaturwissenschaftlichen Fachdiskurs wenn nicht gerade geebnet, so doch in gewisser Weise begünstigt. Insgesamt aber gilt, dass die slowakische Literaturwissenschaft der späten 1960er und der 1970 Jahre noch »einen hartnäckigen Widerstand gegen die psychologische bzw. psychoanalytische Problematisierung der Literatur« (135f.) leistete.

Neben den Literaturwissenschaftlern Popovic und Miko, die an der Aufdeckung und Beschreibung von Prozessen der literarischen Kommunikation interessiert waren, haben sich auch weitere Persönlichkeiten der slowakischen Literaturwissenschaft durch die Psychoanalyse inspirieren lassen, so etwa Oskar Cepan, Valér Mikula, oder später Stanislav Rakús, aber wiederum unter jeweils verschiedenen Vorzeichen.

Wir könnten, wenn wir unbedingt und bewusst über das Ziel hinaus schießen wollten, mit dem reflektierenden ›Befühlen‹ des reichhaltigen Materials, aus dem die besprochene Arbeit gemacht ist, fortsetzen – oder wir lassen es. Es sei hingegen noch ein, womöglich nebensächlicher Aspekt erwähnt. Da mir das slowakische Original der Arbeit weitestgehend noch gegenwärtig ist, ist es mir ein Anliegen zu bemerken, in welchen Punkten sich die deutschsprachige Ausgabe, ohne dabei erklärtermaßen auf Details einzugehen, vom Original abhebt. Neben der eingangs erwähnten inhaltlichen Modifikation ist die Diktion eindeutig weniger ›angriffslustig‹ ausgefallen und die Argumentation ist insgesamt weniger polemisch und suggestiv. Beide angeführten Gesichtspunkte will ich entschieden nicht wertend verstanden wissen. Es geht hauptsächlich darum, wie etwas in einem kommunikativen Kontext aufgeht. Das mag mit dem Profil des intendierten Lesers zusammenhängen. Andererseits aber würde man annehmen können, dass dem potentiellen Leser auch sprachlich (stilistisch und begrifflich) entgegenkommt. Die auch sonst schon recht anspruchsvolle, wenn nicht streckenweise mühsame Lektüre erschweren oft ungelenk verschachtelte Formulierungen, die im Original so nicht vorhanden sind. Ein letzter redaktioneller Feinschliff hätte die eine oder andere stilistische Kante glätten und mithin auch den ›ersten‹ Eindruck steigern können.

Roman Mikulás

www.jahrbuch-bruecken.com

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