Rezension zu Nachkriegskino

der Freitag. Das Meinungsmedium Nr. 40, 2. Oktober 2014

Rezension von Erhard Schütz

Sachlich richtig Literaturprofessor Erhard Schütz über erhellende Bücher zum Thema Kino

Ich hab den Farbfilm vergessen und den Nachkriegsfilm auch

Gerhard Bliersbach ist einer noch aus der Generation der wirklichen Kinogeher, auch wenn er jetzt DVDs benutzt. Vor fast 30 Jahren hat er das erste ernstzunehmende Buch über den Heimatfilm geschrieben, von dem danach viele, eingestandenermaßen oder klandestin, profitiert haben. Jetzt hat er, aus »psychosozialem« Engagement, nämlich beim Gießener Psychosozial-Verlag, den Blick auf die Nachkriegsjahre und ihre Filme noch einmal erweitert. Von den frühesten Trümmer- bis zu den Edgar-Wallace- und Winnetoufilmen reicht das Spektrum. Das Buch wirkt fast wie aus der Zeit gefallen, denn sein verzweigter, ausgreifender Argumentationsgang – leider in kleiner, wenig leserfreundlicher Schrift – setzt auf einen Typus lesender Kinoversteher, den es eigentlich nur noch unter seinesgleichen geben dürfte. Dabei ist das Buch, auch wenn es in der zweiten Hälfte etwas inkonsistenter und sprunghafter wird, ein geradezu unschätzbarer Hort an Revokationen bekannterer und Präsentationen unbekannterer Filme, darin insbesondere aber ein rundum überzeugender Beitrag, zur Frage nach der wundersamen Wiedererziehung der (West-)Deutschen durch ursprünglich abgrundtief verdorbene Filmlehrer. Dabei immer wieder pointierte Formulierungen, wie: »Unser Kino der Verlust-Reparaturen frönte den robusten, aufgekratzten Vergnügen und heftigen Sehnsüchten. Es gab den Trost, die Umarmung und die deftige Kost – Essen wie bei Großmutter.«

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