Rezension zu Der ferne Vater

Analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie Heft 164, XLV. Jg., 4/2014

Josef Christian Aigner: Der ferne Vater. Zur Psychoanalyse von Vatererfahrung, männlicher Entwicklung und negativem Ödipuskomplex

Bücher, die sich fokussiert mit dem Vater als historischer Person und als Objekt auseinandersetzen, haben im Literaturkorpus der Psychoanalyse keine große Konjunktur. Leider – möchte man hier sagen. Das über 400 Seiten starke Werk von Josef Christian Aigner stellt in diesem Zusammenhang eine bedeutsame Ausnahme dar. Mittlerweile in der dritten Ausgabe aufgelegt, findet sich hier eine ausführliche, theoretisch fundierte Geschichte über den Vater in der Psychoanalyse, die Entwicklung von Männlichkeit und den negativen Ödipuskomplex als spezielle Variante des bekannten Konflikts. Aigner gelingt es dabei, historische und aktuelle Blickpunkte aus Politik, Literatur, Geschichte und Soziologie mit gut recherchierter Literatur und empirischen Daten zu verknüpfen und bei alledem die Psychoanalyse bzw. die psychodynamischen Hintergründe doch immer im Blick zu behalten, an Beispielen zu veranschaulichen und interessant für den Leser zu bleiben. Das Buch schafft dabei den Spagat, sowohl ein psychoanalytisch vorgebildetes Publikum mit neuen Erkenntnissen und Überlegungen zu konfrontieren als auch für jene Leser anregend zu bleiben, die ihren Interessensbereich sonst eher in einem sozialwissenschaftlichen Spektrum anordnen. Diese breite Aufstellung ist wohl auch Aigners Hintergrund als Professor für Psychosoziale Arbeit und Psychoanalytische Pädagogik an der Universität Innsbruck geschuldet. Heraus kommt nun ein nahezu epochales Lehrbuch, das dem interessierten und geduldigen Leser eine schier unerschöpfliche Fülle an Informationen und Blickpunkten zum Thema des Vaters, seiner gesellschaftsstrukturellen Verortung und der Veränderung des Ödipuskonflikts bietet. Nicht zuletzt thematisiert Aigner auch seine eigene, ambivalente Vaterbeziehung im Rahmen des Werks. Allein das nahezu 20 Seiten starke Literaturverzeichnis spricht für ein beeindruckendes Grundlagenwerk, welches jedoch beileibe keine leichte Bettlektüre ist. Es ist vielmehr ein Buch, das zur geduldigen Auseinandersetzung einlädt und den Leser in diesem Zug dann mit der Entstehung von eigenen Gedanken und Assoziationen belohnt. Und was kann es Befriedigenderes geben? Im dritten und vierten Kapitel entfaltet Aigner auf den Spuren von Alexander Mitscherlich dialektisch den Bedeutungsverlust des Vaters bzw. die Krise der Väterlichkeit, welche er unter anderem in einer Entsouveränisierung durch den technisch-industriellen und ökonomischen Fortschritt sieht, die den Vaterfiguren ihre Notwendigkeit und ihren Stand als Ernährer durch Lohnarbeit entzieht. Dies resultiert darin, dass die väterliche Autorität ihre Grundlage nach und nach verloren hat und nirgendwo mehr überzeugend repräsentiert ist. Als Folge mangelt es den Kindern und insbesondere den Söhnen an Identifikationsmöglichkeiten. So ist es in diesem Zusammenhang kaum mehr möglich, dass die Kinder ihren Vätern in deren Berufe folgen und dieser ihnen Fähigkeiten und Wissen weitervermitteln kann. Dies führt wiederum dazu, dass diese Fähigkeiten immer stärker aus anderen Bereichen bzw. aus der Identifikation mit diesen stammen müssen, was zu einem weiteren Bedeutungsverlust des Vaters und der Eltern im Allgemeinen führt. So kommt es allmählich zu einer Erosion der personalen Beziehung und zu einem Verblassen der leibhaftig anwesenden, liebenden und strafenden Eltern und den Möglichkeiten, diese als Repräsentanzen zu verinnerlichen. Dies ist insofern tragisch, als dass nach der am Ödipus orientierten psychoanalytischen Auffassung diese Verinnerlichung der Elternimagos notwendig für die Bildung des Gewissens und die psychische Strukturierung im weitesten Sinne ist.

Nun ist Aigner im fünften Kapitel bei der psychoanalytischen Bedeutung des Vaters angelangt. Eingangs werden Fallgeschichten bzw. Vatergeschichten referiert, welche Standpunkte aus Entwicklungspsychologie und Psychoanalyse nochmals ins Gedächtnis rufen und präzisieren. So beispielsweise, dass die entwicklungspsychologische Relevanz des Vaters darin gesehen wird, dass er das Kind bei der Ablösung von der Mutter unterstützt, fast wie eine »Retterfigur«, ein mächtiges und trennendes »drittes Objekt«, welches die Grundlage für trianguläre Beziehungserfahrungen darstellt. So bezieht er sich auch auf S. Freuds Vaterverhältnis und dessen eher ambivalente Identifikation mit dem eigenen Vater. Erst nach dessen Tod kann Freud die Bedeutung erkennen und beschreibt diesen Verlust als das bedeutsamste Ereignis im Leben eines Mannes.

Interessanterweise bemerkt Aigner in einem Unterkapital, dass sich bei verdienstvollen Autoren wie K. Horney, R. Spitz und D. W. Winnicott überraschenderweise sehr wenige Bezüge zum Vater finden. Winnicott etwa proklamiert die Mutterbeziehung als das alles Entscheidende und die Bedeutsamkeit ödipaler Auseinandersetzungen verschwindet angesichts eines »good enough mothering«, welches als Voraussetzung für seelische Gesundheit zu gelten habe bzw. bei einem Versagen in seelische Krankheit mündet.

Hingegen ist etwa der Vater bei Melanie Klein schon in früher Kindheit von Bedeutung, wenn auch die Beziehung des Kindes zu ihm stark von der Qualität der Beziehung zur Mutter abhängt. Der Säugling wird aber schon qua Geburt als in einer Dreiersituation lebend betrachtet, aus welcher auch unbewusste, archaische Phantasien über beide Elternteile und über die Differenzierung der Geschlechter entspringen. Es besteht nach Klein eine phantasierte Grundbeziehung sowohl zur Mutterbrust als auch zum väterlichen Penis, welche so zu einer Art von Ursymbolen für die Geschlechterdifferenzierung werden.

Das sechste Kapitel schließt mit der Feststellung, dass die langdauernde Ausblendung der Bedeutung des Vaters für die Entwicklungen in früher Kindheit in den verschiedensten akademischen Disziplinen heute dazu beiträgt, dass kein theoretischer Fortschritt mehr geschieht und dass die Bedeutung des Vaters für die Subjektwerdung längst nicht aufgeklärt ist.

Das achte Kapitel handelt von den Veränderungen des Ödipuskonflikts, in denen Aigner einen durch die Abwesenheit bzw. das Verblassen des Vaters entstehenden Mangel an Rivalitätsverhältnissen – insbesondere bei Jungen – konstatiert. So geschehe nicht nur kein Sich-Einlassen auf den Ödipuskonflikt mehr, sondern dieser wird gewissermaßen systematisch umgangen und die Jungen lehnen das Erbe des Vaters ab. Die hieraus entstehende prekäre Konstellation eines schwachen Vaters und einer übermächtigen Mutter-Imago führt letztlich wieder zur Regression und zur Verkindlichung, zu einer Suche nach fragwürdigen Vorbildern und zur Zuwendung zu Gruppierungen, die einen vermeintlichen Ersatz darstellen. Die Möglichkeit der Unabhängigkeit vom Primärobjekt, welche maßgeblich durch die Identifikation mit dem Vater erreicht werden kann, bleibt ungenutzt. Herauszuheben ist auch das dreizehnte Kapitel, in dem die »Dialektik des Vaters« beschrieben wird. So ist die versorgende und beschützende Rolle der Mutter eine biologische Notwendigkeit, während Kinder in prähistorischen Zeiten oder auch noch in der frühen Antike oft ohne einen Vater aufwuchsen. Dieser war in jenen Zeiten nur der Erzeuger, selten aber auch ein präsenter Vater. Erst im römischen Reich entwickelte der Mann langsam einen Bezug zur Möglichkeit einer Vaterrolle. Den Beginn markierte hier die Anerkennung der Vaterschaft durch das Hochheben des Säuglings vor einem öffentlichen Publikum. Es wird deutlich, dass es einen Unterschied zwischen dem Mannsein und dem Vatersein gibt. Den Schluss des umfangreichen Werks bildet ein empirischer Anhang. Hier legt Aigner eine qualitativ-interpretative Recherche zur Vaterbeziehung gewaltorientierter Jugendlicher vor. Anhand des Interviewmaterials erfolgt eine Typisierung der Jugendlichen und ihrer Deutungsmuster. Spannenderweise wird hier auch der Versuch gewagt, bei der Untersuchung die jeweilige Übertragungssituation zu erfassen und diese in die Rekonstruktion der Familienbeziehungen einfließen zu lassen. Dieses Kapitel veranschaulicht auf bildhafte Weise die Folgen einer Kindheit ohne einen verlässlichen und stabilisierenden Vater, nicht nur in Bezug auf die väterlichen Charakteristiken des Versorgens, des Beschützens und seiner Rolle als Vorbild, sondern auch auf der Ebene der durch einen mangelnden Dritten unvollständig ausgestalteten Triangulationsfähigkeit.

Am Ende der Lektüre bleibt eine gewisse Unsicherheit bezüglich der heutigen Stellung des Vaters in den Sozialwissenschaften und in der Psychoanalyse. Der schiere Umfang des Buches droht auch den geduldigen Leser an mancher Stelle zu überfordern. Andererseits führt dieses Gefühl auch zu der Überlegung, ob der Zustand des Lesers an dieser Stelle nicht auch die ambivalente und manchmal verwirrende Position des Vaters in der Moderne nicht recht trefflich widerspiegelt.

Das Buch bietet keine direkten behandlungstechnischen Implikationen für den Praktiker, für den Neugierigen aber stellt es meines Erachtens nach einen wichtigen Schritt in die Richtung einer ausführlichen Rekonstruktion des Vaters und seiner Positionen in den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, die Psychoanalyse eingeschlossen, dar. Mit dem Ziel, die Bedeutung der väterlichen Rolle für die Entwicklung des Kindes – und die Entwicklung des Mannes – in Zukunft noch genauer reflektieren und untersuchen zu können.

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