Rezension zu Empirische Forschung in der Psychoanalyse

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Rezension von Harald Weilnböck

Man will es kaum wahrhaben: Die Psychoanalyse hatte doch Recht!
Empirische Psychotherapie- und Psychoanalyse-Forschung als Provokation von Geistes- und Sozialwissenschaften

Gerald Poscheschniks Band macht einen Forschungsbereich zugänglich, von dem man – insbesondere in den Geisteswissenschaften – kaum weiß, dass es ihn überhaupt gibt: die empirische Psychotherapie- und Psychoanalyseforschung. Und was man dort noch viel weniger weiß und auch ganz und gar nicht zu ahnen geneigt wäre, ist deren übergreifende Schlussfolgerung. Denn im Blick auf eine zunehmend große Zahl ganz unterschiedlich vorgehender empirischer Studien zu Wirkung und Prozessverlauf von psychodynamischen Therapien kann heute gesichert resümiert werden, dass die Wirksamkeit gerade der psychoanalytisch orientierten Therapien unbestreitbar und vergleichsweise hoch ist.

Man wünscht dem Band also schon deshalb viele Leser gerade auch aus den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern, weil dieses Ergebnis, das ja eigentlich schon seit geraumer Zeit vorliegt, so eigentümlich überraschend und beinahe unwirklich anmutet – wie ein Befund, der doch nicht sein kann, weil er nicht sein darf. Denn allgemein wird in den Philologien mit eigentümlich gleichzeitiger Ungleichzeitigkeit gerade heute mehr denn je davon ausgegangen, dass die Psychoanalyse sozusagen ausgespielt hat. So musste der Psychotraumatologe Gottfried Fischer noch letztes Jahr in seinem Buch über Kunstpsychologie und dialektische Psychoanalyse ernüchtert den Schluss ziehen, dass die »Wucht und Hartnäckigkeit« der alten Vorurteile, die auch heute noch und selbst der neueren Psychoanalyse gegenüber vorgebracht werden, nicht nachgelassen hat. Immer noch verbittet man sich, dass »das Wesen der Kunst« durch Psychologie verletzt würde, dass Kunst »zergliedert«, »reduziert« sowie »pathologisiert« und »der Künstler auf die Couch« gelegt würde. Dabei ließe, so Fischer, dergleichen Kritik nicht selten einen Impetus spüren, der im Grunde auf die »Abschaffung« des Ansatzes als solchem zielt.

Der vorliegende Band rückt demgegenüber die unfragliche Wirksamkeit und hohe wissenschaftliche Relevanz der Psychoanalyse ins rechte Licht. In ähnlicher Weise tun dies auch Michael Buchholz 2004 erschienene »Psycho-News«, die sich als »Briefe zur empirischen Verteidigung der Psychoanalyse« verstehen. Dabei hat Poscheschnik gar nicht den in jüngster Zeit so häufig – und manchmal vielleicht zu häufig – ins Feld geführten Bereich der neurophysiologischen Gehirnforschung mit einbezogen. Konnte man doch in den letzten Jahren sogar in Wochenzeitungen und Nachrichtenmagazinen mit einiger Regelmäßigkeit die – mit den so genannten bildgebenden Verfahren visualisierten – Gehirnareale orange aufleuchten sehen, in denen das Verdrängte – oder besser: das Abgespaltene – neuronal und körperlich virulent ist, ohne dass sich die Person dessen irgend bewusst wäre.

Dieser in Deutschland z.B. von Joachim Bauer vertretenen Forschungsrichtung ist per Kernspintomografie der experimentelle Nachweis von so genannten Spiegelneuronen gelungen, die bewirken, dass eine Person, die ihr Gegenüber in seiner Situation wahrnimmt und mit ihm in Kontakt steht, dessen Gefühle und Widerfahrnisse beinahe genauso nachzuerleben vermag, als beträfen sie sie selbst; jedenfalls treten ähnliche neuronale Innervationen wie beim direkten Eigenerleben der gesehenen Situation auf. Mehr noch: Es kann gezeigt werden, dass sogar die latenten oder abgespaltenen Affekte des Gegenübers wahrgenommen werden, denn die Spiegelneuronen sind offensichtlich in der Lage, eine Handlungs- und Empfindungssequenz auch aus deren unvollständigen Bestandteilen heraus zu komplettieren. Hatten PsychoanalytikerInnen also bis vor Kurzem stets große Mühe überzeugend darzulegen, dass Gegenübertragungsreaktionen und empathische Prozesse weder okkulte Phänomene noch Nonsens sind, sondern einen Grundmechanismus von menschlicher Kommunikation schlechthin darstellen, kann man nun auf den neurobiologischen Nachweis pochen. Und dies ist bei den seit Jahrzehnten stark verfestigten anti-psychologischen Argumentationsmustern von erheblichem strategischen Wert.

Wenn Poscheschnik dies nicht ausdrücklich mit anführt, so bezieht er doch eine vermeintlich noch härtere Bastion des anti-psychologischen Biologismus mit ein: die Molekulargenetik – und hier zeichnet sich eine weitere Überraschung ab. Die sich scheinbar so unvermittelbar gegenüberstehenden Betrachtungsebenen der genetischen Disposition und der psychosozialen Entwicklung des Individuums können nämlich dann in Einklang gebracht werden, wenn man beachtet, dass Gene keineswegs automatisch zum Tragen kommen. Denn ein genetischer Kontrollmechanismus regelt, ob und wann es überhaupt zur so genannten Genexpression kommt. Die PsychoanalytikerInnen Peter Fonagy und Mary Target nahmen Einblick in diese Forschungen und wissen sich eins mit Eric Kandel, einem Nobelpreisträger für Neurologie, wenn sie die Annahme formulieren, dass gewohnte Arten, die Welt zu interpretieren, die Chemie des Gehirns beeinflussen, was wiederum die Genexpression verhindern oder befördern kann. Wirksame Psychotherapie vermag somit, sozusagen den ›Ausbruch‹ eines krankmachenden Gens zu unterbinden.

Ansonsten jedoch konzentriert sich Poscheschniks Band auf die verschiedenen empirisch-psychologischen Forschungsmethoden: Falk Leichsenring gibt einen atemberaubenden Überblick über die immense Zahl von Untersuchungen zu psychodynamischen Kurz- und Landzeittherapien, die über alle Störungsbilder hinweg zweierlei deutlich machen: Dass Psychotherapie an Wirksamkeit den psychiatrischen und medikamentösen Standardbehandlungen weit überlegen ist und dass die psychoanalytischen Verfahren gegenüber den ebenfalls durchaus wirksamen verhaltenstherapeutischen Ansätzen noch ein gutes Stückweit besser abschneiden.

Die Bandbreite der Forschungsmethoden ist groß: Quantitative Befragungen und statistische Erhebungen zur Therapiewirkung, die anhand spezifischer Parameter das relative Befinden vor und nach der Therapie erfassen; ferner aufwendig ausgearbeitete narrationsanalytische Fallgeschichten, die nicht nur quantifizierbare Resultate, sondern den Änderungsprozess selbst aus dem Gesprächsmaterial der Sitzungen rekonstruieren; und letztlich Anordnungen der beobachtenden und messenden Experimentalforschung, die hauptsächlich in der video-basierten Kleinkindforschung über die frühen Bindungsformen zwischen Kind und Betreuungsperson entwickelt wurden. Andere experimentelle Verfahren wenden ergänzend die Messung der Durchblutung per Magnetresonanz oder der elektrischen Hautleitfähigkeiten z. B. bei Tests zur Erinnerung von emotional gefärbten Assoziationen an. Thomas Köhler gelingt so der Nachweis von Phänomenen, die den psychoanalytischen Begriffen von Widerstand und Verdrängung entsprechen, denn er kann zeigen, dass Stimuluswörter mit hoher affektiver Besetzung schwerer behalten bzw. nachhaltiger vergessen – mithin verdrängt – werden.

Faszinierenderweise vermag dergleichen empirische Forschung zum Teil auch einzelne Faktoren der Wirkungsweise von Therapien zu erhellen, die mit bloßem Auge kaum erkennbar sind und dennoch für eine nachhaltige Linderung von psychoaffektiven Beschwerden von essenzieller Bedeutung sind. Rainer Krause stellt ein empirisch messendes Beobachtungsverfahren vor, das das affektive Beziehungsverhalten, das subliminal zwischen Therapeut und Klient abläuft, genau dokumentiert, indem es die »ultrakurzen affektiven Reaktionen des Gesichts und der Stimme« registriert. Krause zielt dabei auf die Ebene der »unbewussten Affektanpassung«, die in allen Interaktionen unwillkürlich stattfindet und die gerade bei psychisch belasteten Personen dazu führt, dass sich ihre negativ gefärbten Affekte sehr stark auf die umgebenden Personen übertragen, während sie selbst kaum für positive Affekt-Übertragungen anderer empfänglich sind. Dieser grundlegende Mechanismus des affektiven Beziehungsverhaltens, in den sich »durchschnittsempathische Mitmenschen«, aber auch Therapeuten nachhaltig verstricken lassen, steht im Dienste einer generellen Wiederholungsdynamik, in der sich biografisch bedingtes Leiden wie selbsttätig zu perpetuieren sucht, indem es aktiv, jedoch weitgehend unbewusst die immergleichen Muster der interaktiven Affekterzeugung hervorbringt.

In Krauses Versuchsanordnung werden über 15 Einzelstunden hinweg im Einminutentakt die mimischen Ausdrücke des Lachens und Lächelns erfasst und dem mimischen Affektverhalten des Therapeuten gegenübergestellt. Die visuelle Darstellung in Form zweier Diagrammkurven macht das Ausmaß der »unbewussten Affektanpassung« sowie deren Entwicklung im Verlauf der Therapie erkennbar. Dabei lässt sich präzise nachweisen: Je mehr es dem Therapeuten gelingt, sich der mikroaffektiven Verstrickung letztendlich zu entziehen, desto erfolgreicher ist die Therapie.

Nicht dass gerade die erfahrenen und erfolgreichen TherapeutInnen den Übertragungsdruck der PatientInnen und dessen Widerholungszwang nicht immer schon gekannt hätten; in unzähligen Beispielvignetten ist jenes Verstricken und Sich-Lösen z. B. aus dem Zwang, dem Lächeln eines depressiven Patienten zu folgen, beschrieben worden. Trotzdem ist der genaue empirische Nachweis wissenschaftlich unentbehrlich – schon deshalb, weil eben nicht alle TherapeutInnen erfahren und erfolgreich sind, ohne dass sich dies im Einzelfall sehr schnell erkennen ließe. Krauses Verfahren gibt hier zumindest eine erste empirische Hilfestellung, die wohl schon manche Folgeuntersuchung inspiriert hat, denn Krause legt eine Taxonomie des »Scheiterns von Therapeuten« vor, die vier Typen unterscheidet und auf einer Skala der Therapiegüte notiert: Auf der untersten Ebene wird ein Typus des Psychotherapeuten angesetzt, der die »affektiven unbewussten Beziehungsangebote« des Klienten gar nicht wahrnehmen kann, nicht aus Abwehrgründen, sondern »aus habitueller affektiver Blindheit«. Dies trifft man, so Krause, bei weitem häufiger an als man denkt. Auf der nächst höheren Ebene finden sich TherapeutInnen, die die Beziehungsangebote wahrnehmen, sich dazu aber genau reziprok verhalten und somit dem – retraumatisierenden – Widerholungszwang voll und ganz stattgeben; dies ist in etwa dem Verhalten eines empathischen Laien vergleichbar. Auf dieser Ebene findet sich auch der Typus des Gurus, der z. B. eine sexuelle Beziehung zu einer Patientin nicht als Missbrauch, sondern als heilsam ansieht und dies in mitunter in sehr aufwändiger Form zu begründen weiß. In Krauses – sehr kleiner – Stichprobe hatten von zehn Frauen immerhin zwei sexuelle Erfahrungen im psychotherapeutischen Kontext. Auf nächster Ebene handelt der Therapeut immer noch reziprok, spürt aber, dass dies irgendwie nicht angemessen oder weiterführend ist; nur weiß er sich nicht zu helfen. Ein Therapeut von diesem Typus würde dem depressiven Patienten seinen Mangel an Aggression vorwerfen, aber – per »unbewusster Affektanpassung« – dessen lächelnde Abwehr stets aktiv mit herbeiführen. Erst der letzte Typus vermag es, sich im affektiven und inhaltlichen Dialog von der Steuerung des Patienten zu befreien, neue Wege einzuschlagen und dem Patienten zu helfen, die durch sein Beziehungsverhalten abgewehrten Erfahrungsanteile in abgestimmten Dosierungen zunehmend umfassend zu erschließen.

Ähnliche Zugänge von Eva Bänninger-Huber unterscheiden genauer zwischen verschiedenen »Prototypischen Affektiven Mikroprozessen« (PAM), in denen z.B. ein gemeinsames Lächeln oder Schmunzeln den positiven Resonanzfaden der Therapiebeziehung sichert, während jedoch der Mikroprozess des so genannten »trap« der Therapeutin Verstrickung auferlegt und ihn dazu verführt, z. B. den Schuldkonflikt einer Patientin mit einem ›Ist-doch-nicht-so-schlimm‹ zu beschwichtigen. In vergleichbarer Absicht konzentriert sich die Züricher »Arbeitsgruppe klinische Narrativik« um Brigitte Boothe auf den verbalen Bereich und dort vor allem auf die narrativen Episoden im präzisen Sinn, also auf die in der Sitzung erzählten Geschichten. Sie werden als Angebote der PatientInnen verstanden, an ihrem Erleben in all seinen Wünschen und Ängsten Anteil zu nehmen. Ulrich Streeck betrachtet darüber hinaus den gesamten Austauschprozess, inklusive des körperlichen und gestischen Verhaltens, und visiert mittels begleitender Video- und Transkriptauswertung eine Mikroethnografie von psychotherapeutischen »Mikrowelten« an, in denen auch die nonverbale Narrativik des »Handlungsdialogs« zwischen TherapeutIn und KlientIn mit einbezogen ist.

Anna Buchheim berichtet von einem aparten Vergleich zwischen der Leistungsfähigkeit des psychoanalytischen Erstgesprächs einerseits und des in der klinischen Forschung entwickelten Bindungsinterviews, dem »Adult Attachment Interview«, andererseits, in dem beobachtet wird, auf welche Weise eine KlientIn über zentrale Bindungspersonen spricht, inwiefern pauschale Idealisierungen oder Entwertungen, nachtragender Ärger, Erinnerungsverlust, andere Abwehrmechanismen sowie Inkohärenzen des Erzählens das Profil der Äußerung prägen.

Dies ist freilich ein Wettstreit zwischen Hase und Igel mit wechselnden Rollen. Denn wenn der Psychoanalytiker die Wirkungen einer traumatischen Erfahrung nicht auf den ersten Blick erfasste, dann spiegelt dies zwar die Geschichte seiner Profession wieder, die lange Zeit vor lauter innerem Konflikt die tiefgreifende Wirkung von traumatischen Außeneinwirkungen unterschätzte. Das trifft jedoch analog auch die Bindungsforschung selbst, die nicht zufällig den vierten Typus, das desorganisierte Bindungsverhalten, erst später entwickelt hat, als man bei schwer traumatisierten und von Persönlichkeitsstörungen betroffenen KlientInnen mit den drei Basisklassifikationen (sicher gebunden, unsicher-distanziert, unsicher-verstrickt) nicht mehr auskam.

Warum also wetteifern? Zumal beiden – dyadischen – Verfahren die Ausblendung der triagulären Interaktionsdimension nicht des Dia- sondern des »Trilogs« von Vater-Mutter-Kind gemeinsam ist, die Kai von Klitzing als eminent bedeutsamen Entwicklungsanreiz der mentalen Triangulierung oder Triadifikation des Kindes unterstreicht. Eigentümlicherweise schleicht sich jedoch einzig hier ganz ohne Not jener Freudianismus ein, der der Psychoanalyse stets so wenig hilfreich war – in wissenschaftlicher wie in öffentlichkeitspolitischer Hinsicht. Denn es ist von den »sexuellen Wünschen« eines kleinen Jungen, von dessen »Trieb« und »Phallizität« die Rede, obwohl doch von Klitzingen selbst das sehr viel aussagekräftigere empirische Material in longitudinaler Breite zur Verfügung stellt, mittels dessen die frühen und auch transgenerationalen Beziehungsbelastungen dieser jungen Familie erschöpfend rekonstruiert werden können.

Auch die intensiv geführte Debatte, ob die Psychoanalyse von der Bindungsforschung oder von den anderen Wissenschaften profitieren kann und ob sie dies überhaupt versuchen sollte, ist für den Laien erfreulich unerheblich. Denn dort geht es vor allem um institutionelle Betulichkeiten seitens der zu Sektiererei neigenden orthodoxen PsychoanalytikerInnen, denen es – polemisch gesagt – im von Krankenkassen nur so gepolsterten Nachkriegsdeutschland einfach zu gut ging, um sich die fachliche Weiterentwicklung und wissenschaftliche Verankerung der eigenen Disziplin angelegen sein zu lassen. Für den Laien interessant ist dieses Thema allenfalls als institutionspsychologisches, insofern dergleichen anti-empirische und anti-wissenschaftliche Impulse auch für andere Institutionen, etwa für einen großen Bereich der Geisteswissenschaften, bezeichnend sind.

Aus diesem Grund auch sollte man mit dem Verweis auf die in der Tat unbestreitbar großen methodologischen Herausforderungen der Psychoanalyseforschung nicht übertreiben, von der Siegfried Zepfs scharfsinniger epistemologischer Aufsatz handelt. Gerade die seit den 90er Jahren entwickelte »Operationalisierte psychodynamische Diagnostik«, die Gerhard Schüßler für die OPD-Arbeitsgruppe darstellt, macht deutlich, das immerhin im Feld der Diagnostik, die bis dahin rein deskriptiv, symptombeschreibend oder aber idiosynkratisch vorging, ein Verfahren vorliegt, das auch unbewusste Phänomene intersubjektiv nachvollziehbar erfassen und auf transparenten psychodynamischen Beobachtungsachsen wie z.B. Beziehungsschemata, Konfliktmuster und psychisches Strukturniveau verorten kann.

Postulate oder auch nur Suggestionen, die auf die Schwer- oder Unerforschbarkeit eines Gegenstandsbereiches abheben, sind häufig nur eine raffiniertere Form des Ausagierens von anti-aufklärerischen Affekten. Von den Geisteswissenschaften her kommend wird man bestens mit diesem Phänomen vertraut sein; einmal kulturhistorisch, aber dann auch institutionell, denn die Philologien, die ja weitgehend dezidierte Text- und keine Interaktionswissenschaften sind und sein wollen, haben sich im Grunde fest darin eingerichtet, den Bereich menschlicher Handlungen – im und durch ästhetischen Ausdruck – als der wissenschaftlichen Erklärung nicht zugänglich zu deklarieren, so mutmaßte die Linguistin Uta Quasthoff bereits 1980 – und sollte in bedauerlichem Umfang bis heute Recht behalten.

Umso ungünstiger, wenn man gegenüber etwaigen – menschlich begreiflichen – Anmutungen der Schwer-Zugänglichkeit oder gar Unerforschbarkeit des psychoanalytischen Prozesses auch nur die kleinste Schwäche zeigt. Dass es in der Psychoanalyse eine vielleicht nicht große, aber stattliche und jedenfalls lautstarke Gruppe von ForschungsgegnerInnen gibt, ist in erster Linie skandalös – wenngleich nicht überraschend: Jeder gesellschaftliche Bereich hat seine zornigen jungen und vor allem alten Männer, die den Verführungen des stets wohlfeilen anti-wissenschaftlichen Impulses nur allzu sehr zusprechen. Und warum sollte ausgerechnet der Bereich der Psychotherapie von jenem Stück eifersüchtigen Mittelalters, jener Lust an der antimodernen, esoterischen Selbstüberhöhung verschont sein?

Mit diesem Erbe an verschlepptem Säkularisationsbedarf gut umgehen, heißt manchmal auch, nicht zuviel zu argumentieren, schon aus Selbstschutz; wer jemals ausgiebig mit politisch-religiösen Extremisten über individuelle Freiheitsrechte gestritten hat, weiß, was hiermit gemeint ist. Poscheschniks Band scheint dies jedenfalls beherzigt zu haben. Denn er bezieht keinen ausgesprochenen Forschungsgegner mit ein, setzt sich aber sehr aufwändig reflexiv mit diesem institutionellen Widerstand auseinander: Martin Dornes betrachtet mit großer Ausführlichkeit, wissenschaftstheoretischer Präzision und schier grenzenloser Gelassenheit die rhetorischen Figuren Andre Greens, des stets kampfeseifrigen Matadors der psychoanalytischen Forschungsgegner.

Dabei lässt Dornes beinahe zuviel Gerechtigkeit und Verständnis walten. Denn dass der Green-Diskurs simplerweise viel mit Ressentiment, quasi-religiösem Eifer, Manipulatorik und Populismus zu tun hat, erschließt sich eher zwischen den Zeilen der empistemologischen Überlegungen zur wechselseitigen Relevanz von Psychoanalyse und klinischer Forschung. Und wenn Dornes die Sorge um den »Relevanzverlust der Psychoanalyse« artikuliert, der aufgrund ihrer wissenschaftsfeindlichen, agnostisch-esoterischen Strömungen droht, dann lässt er daneben als gleichrangig und ebenso gut begründet eine Sorge um den »Spezifizitätsverlust« der Psychoanalyse gelten. Dies ist höflich ausgewogen, jedoch kaum einsehbar. Gewiss: Es mag vielfach fragwürdige »Projekte zur Überprüfung psychoanalytischer Hypothesen« gegeben haben, wie Dornes sagt. Wissenschaft ist eben schwieriger, als schöne Modelle zu bauen und zu bewachen. Ob jedoch von dergleichen Ungeschick wirklich zu fürchten ist, dass »das Psychoanalytische auf dem Wege der Operationalisierung bis zur Unkenntlichkeit entstellt« wird, und ob eine »Verwissenschaftlichung« wirklich den vollkommen »Substanz- oder Spezifizitätsverlust« der Psychoanalyse zur Folge haben kann, mag man füglich bezweifeln. Denn auch das Gegenteil könnte in Frage kommen. Man denke nur an Krauses obige Taxonomie des Scheiterns von Therapeuten, die diese »Spezifizität« überhaupt erst in einer einigermaßen präzisen Weise profiliert, wie sie allenfalls der Scharlatan fürchten muss. Und überhaupt: Wie »spezifisch« muss man eigentlich sein, um erfolgreich psychotherapeutisch lindern und heilen zu können?

Nein, die Forschungsgegner sind auch hier wie anderswo vor allem als neuerlicher Beleg des mindestens seit Georges Devereux viel zitierten Titels über »Angst und Methode« altbekannten Sachverhalts interessant, dass Wissenschaft eben auch Angst macht und nicht nur Neugierde erregt. Und spätestens wenn Dornes mit der dynamischen Systemtheorie feststellt, dass »geschlossene Systeme sterben« und dass die Quantensprünge in einer Disziplin häufig von solchen Personen angestoßen werden, »die enge Kontakte zu einer anderen Disziplin unterhalten«, dann wird hinlänglich deutlich, welcher Weg einzuschlagen ist.

Auch ist Poscheschniks Band der beste Beweis dafür, dass Psychoanalyseforschung nicht nur von eminenter sozial- und kulturwissenschaftlicher Bedeutsamkeit ist, sondern auch Spaß macht – und man weder Angst haben noch jene »robusten philologischen Vorurteile« ins Feld führen muss, von denen hier eingangs mit Gottfried Fischer die Rede war.

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