Rezension zu Vom Leben danach

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Rezension von Dorothea Dohms

Markus Zöchmeister: Vom Leben danach

Autor
Markus Zöchmeister, Dr. Phil., Mag., studierte Psychologie in Salzburg und Klagenfurt. Er arbeitet als Psychoanalytiker in freier Praxis in Wien und Salzburg und ist Privatdozent an der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien. Als Mitglied im Neuen Lacan´schen Feld Österreich und in den österreichischen Arbeitskreisen für Psychoanalyse hat er zahlreiche Publikationen vor allem im Forschungsbereich der Kultur- und Medientheorie sowie des Nationalsozialismus veröffentlicht.

Inhalt
Die Porträts: Drei Generationen aus acht Familien stellten sich dem Autor für seine Befragung zur Verfügung. Ihre Geschichten zeigen jeweils einen ganz spezifischen Aspekt von Überlebensmöglichkeit. Doch so sehr auch das eigene »partikulare Schicksal« zunächst für sich zu stehen scheint: Es zeigt sich bei der ersten Nachbearbeitung der einzelnen Geschichten und in einem zweiten »Abstraktionsschritt«, dass »im Besonderen etwas Allgemeines« zu erkennen ist.

Von den acht Überlebenden wurden fünf zu Opfern des NS-Regimes wegen ihrer jüdischen Identität, drei aufgrund ihres politischen Widerstands. Zwei der Zeitzeugen konnten nach dem Anschluss Österreichs emigrieren, eine Familie überlebte im Versteck, und in einem weiteren Fall wurde die Zeitzeugin mehrfach, wenn auch mit Unterbrechungen, für viele Monate verhaftet.

Die Methode: Der Autor bedient sich des »narrativen Interviews«. Das bedeutet, dem Gegenüber einen möglichst breiten Raum für freies Sprechen einzuräumen und als Interviewer konsequent im Hintergrund zu bleiben. Das Aufnahmegerät als Bewahrer des Erzählten, der Erinnerung, ist dabei die Vorstufe der danach folgenden wörtlichen Transkription, bei der sich der Autor einer bestimmten Zeichensetzung als Kommentierung bedient, etwa um Sprechpausen, Räuspern, Lachen, das Ringen nach Worten, laut oder leise gesprochene Sätze oder auch Unverständliches »sichtbar« zu machen. In einem dritten Schritt folgt dann die erzählende Textinterpretation. Sie versteht sich vor allem als »logisches« und »szenisches« Verstehen des Vorangegangenen und als »empathisches Nacherleben«. Im letzten Schritt geht es sodann um die »kommunikative Validierung«: Dem Interviewten wird der vom Autor interpretierte Text seiner Geschichte »zur Korrektur« vorgelegt. Dabei ist die Frage, was diese Konfrontation in ihm auslösen, wie er sich und seine Geschichte in dem bearbeiteten Text wiederfinden und wie er mit ihr umgehen wird, von großer Bedeutung.

Die Schlussfolgerungen: Aus den Details lassen sich einige wesentliche Erkenntnisse herausgreifen, die auch schon andernorts in romanhafter oder biographischer Form behandelt worden sind. Die Nähe zum Tod (der anderen, nicht so sehr dem eigenen) hat in den Lagern einen Namen bekommen: der »Muselmann«, gebräuchlich für jene erloschenen, sprachlos gewordenen, dem Hungertod nahen Gestalten, die sich selbst aufgegeben haben, bevor man sie in die Vernichtung treiben wird, lebende Tote also, nur noch »physisch lebendig, aber symbolisch (und psychisch) gestorben«. Für die Überlebenden führt der Anblick jener, die sich aufgegeben haben, zu einem ständigen Beobachten des eigenen Körpers nach den Anzeichen des Muselmanns. »Der Kampf, Mensch zu bleiben, war ein Kampf um die eigene Geschichtlichkeit« und gegen den »Abschied ohne Abschied«, den Untergang als Grab- und Namenloser. Nach der Befreiung und dem Ende des Krieges entsteht daraus eine »Überlebensscham« (»der Tod traf die anderen«) gepaart mit einer »Überlebensschuld« (»wir haben es doch gesehen«). Im späteren Zeugnis der Davongekommenen wird immer wieder auch eine vermeintliche Schuld gegenüber den Ermordeten abgetragen.

Was aber half den Häftlingen, in den Vernichtungslagern zu überleben? Da ist zunächst einmal die Erinnerung an Vergangenes, etwa an eine behütete, ja glückliche Kindheit, an Geborgenheit, gegenseitige Wertschätzung, an Menschlichkeit. Überleben bedeutete auch: einen eigenen, »signifikanten« Platz in der weitgehenden Anonymität des Lagers sich zu erobern, sei es als Hilfskraft in der Schreibstube, in der medizinischen Abteilung. Manchmal reichte sogar der Fixpunkt an einem Barackenfenster, der bessere Platz in einer Schlafkoje. Oft ist in den Interviews auch die Rede von »Überlebensbündnissen«, die halfen, »Solidarität, das Mitgefühl und die gegenseitige Fürsorge [zu] stabilisieren« und nicht zuletzt sich dem Vernichtungsgetriebe entgegen zu stellen. Auch jene, vor den Wachmannschaften geheim gehaltenen »Deckobjekte«, ob es nun Briefe waren, ein Paar Schuhe, ein Kleidungsstück, Essbares, alles, was »klein, unscheinbar und unbedeutend« war: All das bedeutete immer auch einen »geheimen Triumph« gegenüber der SS, barg für die Häftlinge die Möglichkeit, »ihr psychisches Leben zu bewahren« und es »vor dem totalen Zugriff der Täter zu schützen«. In diesen Zusammenhang gehören auch jene kleinen Widerstands- und Sabotageakte wie etwa die Manipulation von Transportlisten, die Identitätswechsel, vorgenommen in den Schreibstuben, in denen die Hilfe der Häftlinge unerlässlich wurde. Auch dies bedeutete, trotz Absurdität und Ausweglosigkeit, für die Überlebenden die Chance, Mensch zu bleiben. Einigen gelang es, dank ihrer Fantasie, ihrer Träume in die Zukunft hinein, sich »ein inneres Ausland, geschützt vor dem Zugriff der Nazis«, zu schaffen, einen »inneren Ort psychischer Widerständigkeit«.

Das Urteil Hitlers vor allem über die Juden bedeutete den »Tod als Zerstörung der Geschichtlichkeit der Opfer«. Gegen dieses Urteil richten sich später die Antworten der Überlebenden: Sie wollen wenigstens einen Teil ihrer »zerstörten Geschichtlichkeit« zurückgewinnen durch ihre Suche nach Namen, Daten und Fakten, wollen Zeugnis ablegen, um durch das Erinnern Hitlers Urteilsspruch aufzuheben. Doch zunächst bedeutet in der unmittelbaren Nachkriegszeit das Überleben, der tägliche Kampf um eine lebenswerte Zukunft, die Wiedervereinigung mit Teilen der Familie nicht mehr als ein erstes Ankommen. Oftmals sehr viel später kommt der verzweifelte Versuch hinzu, eine »Kontinuität des Bewusstseins« zu finden, die es den Überlebenden ermöglichen soll, »Geschichte und Geschichtlichkeit ihres Gewordenseins herzustellen«. Für manche ist auch das spätere Wiederfinden der Sprache, lange Zeit verhasst als Sprache der Täter, eine Verbindung zur Erinnerungswelt. Gesellschaftliche Institutionen und Vereine (KZ-Verbände), politische Parteien (hier vor allem die der Kommunisten) helfen bei der Rückkehr ins Alltagsleben ebenso, wie später Archive, Recherchen zu den NS-Verbrechen, externe Zeugnisse und nicht zuletzt Gedenkstätten und Ehrungen einzelner Überlebender. Auch Objekte können ihre Kraft entfalten als »Träger der Geschichte«, an denen allerdings oft so etwas wie ein »Tabu, ein Berührungsverbot« haftet (ein Foto, ein Brief, einzelne Aufzeichnungen, die gerettet wurden), »Symbolobjekte… als Metapher für das Reale des Traumas und für den erlittenen Verlust«. Reden und/oder Schweigen bestimmen in der existentiell oft schwierigen Nachkriegszeit das Leben der Opfergeneration, sind vor allem auch innerhalb der Familie von Verdrängung geprägt. Erst im Alter wird »der Alp aus der Vergangenheit« wieder lebendiger, was sicherlich auch damit zusammenhängt, dass eine neue, von der Nazizeit weitgehend unbelastete Gesellschaft bereit ist, sich den Erinnerungen der Überlebenden zu stellen. Aber ob ein früheres oder späteres Sprechen über das Grauen für das psychische Befinden der Opfer bedeutsam werden kann, bleibt eine offene Frage. Der niederländische Schriftsteller Leon de Winter spricht jüngst im Interview mit der »Süddeutschen Zeitung« (Nr. 91, April 2014) davon, wie seine Mutter nicht aufhören konnte zu erzählen (während sein späterer Schwiegervater im Schweigen erstarrt blieb) und er schon als Kind Zeuge eines riesigen Traumas wurde, vor dem er sich nur retten konnte, indem er später begann, nun seinerseits diese Geschichten zu erzählen. »Das Schreiben rettete mein Leben.«

Die erste Generation der Überlebenden bleibt eingeschlossen in das Trauma der Shoah. Sie hat gesehen, was sie niemals hätte überleben sollen, ist außerhalb der Gaskammer geblieben. Nach der Befreiung will sie vergessen, um leben zu können. Für die nachfolgende Generation bedeutet der »leere Platz als innere Abwesenheit von Vater oder Mutter«, diese »schreckliche Nachträglichkeit der Shoah«, diese »verbotenen Zonen« zumeist ein »atmosphärische Wissen… zeitlos und jenseits der Sprache«. Die Angst vor der Berührung mit dem Alptraum der Eltern verliert sich niemals und verfolgt sie in »Transpositionsphantasien«, Tod, Überleben, Täter und Opfer betreffend. Erst die dritte Generation wird in der Lage sein, den Schritt zu tun zu einem entspannteren Verhältnis zu den Großeltern. Ihr Dialog ist »weniger konfliktbeladen und angstbesetzt«, die Fragen unbedarft. Vor allem aber ist sie die Zukunft, mit ihr will »eine neue Geschichte beginnen«, ihr bieten sich, neben einem »anderen Umgang mit den alten Bedeutungen«, Alternativen, die ihre Eltern oft nicht hatten: »ein Weniger an Tabus und ein Mehr an Freiheitsgraden«.

Fazit
Wenn man es auf einen einfachen Nenner bringen will, dann sieht der Erkenntnisgewinn dieser Studie wie folgt aus: Die erste Generation der Überlebenden schweigt oder spricht (mal früher, mal später), die zweite Generation scheut die direkte Kommunikation mit den Eltern, erst die dritte Generation kann weitgehend unbefangen mit der verlorenen Geschichte der Großeltern umgehen. Im Vergleich zu den auch im Buch erwähnten Titeln von Primo Levi: »Ist das ein Mensch« oder William Styron: »Sophies Entscheidung«, neben zum Beispiel Imre Kertesz: »Roman eines Schicksallosen« (Auschwitz) oder Jorge Semprun: »Was für ein schöner Sonntag!« (Buchenwald), muss die Frage wohl offen bleiben, ob es überhaupt jemals möglich sein wird, den vielen Facetten der Shoah-Bewältigung bei den Überlebenden gerecht werden zu können. Unbestreitbar ist allerdings hier das erzählerische Potential der Studie, denn sieht man einmal ab von den psychoanalytischen Fachbegriffen und lässt auch die der hier angewandten Methodik geschuldeten Unterbrechungen außer acht, so bleiben acht Familiengeschichten, von denen jede einzelne es wert wäre, auf Grund der erzählerischen Qualität (bis in die Fußnoten hinein), für sich zu stehen und zudem, abseits des wissenschaftlichen Duktus, durch Empathie und Eindringlichkeit der Sprache fähig ist, das Generationen übergreifende Trauma der Shoah-Überlebenden mit berührender Wirkung begreifbar zu machen.

Ein umfangreiches Register rundet die Studie ab, lässt allerdings ausgeschriebene Vornamen hin und wieder vermissen.

Dorothea Dohms

Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 28.08.2014 zu: Markus Zöchmeister: Vom Leben danach (Shoa). Psychosozial-Verlag (Gießen) 2013. 532 Seiten. ISBN 978-3-8379-2281-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16055.php.


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