Rezension zu Das Väter-Handbuch

Forum für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie 3/2012

Rezension von Ingo Spitczok von Brisinski

Walter, Heinz; Eickhorst, Andreas (Hg.): Das Väter-Handbuch. Theorie, Forschung, Praxis

Von den insgesamt 54 Autoren sind 34 Männer. Davon outen sich 16 als Väter, 3 als Angehörige einer Patchworkfamilie mit Kindern und 3 als Großvater, während von den 20 Frauen nur 6 entsprechende Angaben machen.

Den Buchanfang gestalten zwei als Inputs deklarierte Beiträge, zu denen Erstherausgeber Heinz Walter anmerkt, dass sie »auf ihre Weise den Blick auf Vaterschaft und Vatersein schärfen« wollen. Treffender erscheint dem Rezensenten die Attribuierung Horst Petris, wenn er »einen essayistischen, bewusst überspitzt formulierten Charakter« beschreibt.

Der erste Input fokussiert auf einen Jungen, der ohne Vater aufwächst, und die Folgen beim Erwachsenwerden, untertitelt mit »Jungen auf der Suche nach Männlichkeit«. Dazu wird die Geschichte Parzivals mit knappen Worten nacherzählt und mit heute typischen Konzepten und Termini sozialer Rollenentwicklung bei Jungen und Männern durch alleinerziehende Mütter, Väter und Ersatzväter in Beziehung gesetzt – im ersten Teil plakativ und amüsant. Im zweiten Teil dieses Beitrags stellt Markus Hofer, Leiter des Männerbüros der Katholischen Kirche Vorarlberg, jedoch kaum noch Bezüge zu Parzival her, sondern beschränkt sich auf die Äußerung einiger Thesen wie z. B. »In einem Erziehungsfeld, das fast nur noch weiblich ist, fehlt den Jungen Wesentliches. Sie werden zunehmend unruhig, weil sie anders sind als die Mädchen und die Lehrerin, andere Bedürfnisse haben und ihnen vor allem das männliche Gegenüber fehlt. Noch dazu verhalten sich manche genauso, wie es im weiblichen Erziehungsfeld nicht immer gefragt ist. Sind Lausbuben deshalb schon ein Fall für den Psychologen? Es scheint, als würden sie zunehmend pathologisiert« – »Was früher einfach ein ›gesunder Bub‹ war, ein Lausbub eben, gilt dann bald als abnormal, wenn nicht gar als krank. Doch im Grunde haben sie nur andere Bedürfnisse, agieren Vieles körperlich aus, brauchen Bewegung und fühlen sich nicht wohl, wenn sie nur da sitzen und reden dürfen. Die Buben brauchen nicht nur verständnisvolle Lehrerinnen, sondern auch Männer, die wissen mit ihnen umzugehen, weil sie selbst Lausbuben waren« – »Für Frauen mag die Frage des Pinkelns lächerlich sein, für die heranwachsenden Jungen ist sie das nicht. Für sie ist das Pinkeln im Stehen vorerst gerade in Abhebung von der Mutter eine Frage der Männlichkeit, der Orientierung an Papa oder anderen Männern« – »Gesellschaftspolitisch geht es um die Fragen, wie die Väter wieder gestärkt ins Spiel gebracht werden könnten, wie auch bei Trennung und Scheidung den Kindern ein unbelasteter Zugang zum Vater gewährleistet werden kann, wie auch Väter in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf unterstützt werden können, wie es wieder zu mehr Männern im Erziehungswesen kommen kann (von Zivis in Kindergärten bis zu möglichen Geschlechterquoten in der Grundschule) und wie wir betroffenen Jungen weiterhin organisierte Möglichkeiten bieten können, regelmäßig in den Einfluss väterlicher Männer zu kommen (Pfadfinder, Sportvereine, Musikverein usw.)«.

Der zweite Input vom Psychoanalytiker Horst Petri unterstellt den ›neuen‹ Vätern, die sich rührend um ihre Kinder kümmern, sie überall hinbringen, bekochen, sie baden, ihre Kleidung waschen, mit ihnen spielen, schmusen und viel unternehmen, dass sie darin mit den Müttern konkurrieren, Macht genießen, Verwandten und Bekannten ihre Vaterqualitäten beweisen wollen, nach Trennung ihre perfekte Vaterschaft unbewusst als Waffe einsetzen um »beim Jugendamt und beim Gericht Land zu gewinnen«.

Input 1 zeichnet ein bedauernswertes Bild heutiger männlicher Jugend, Input 2 ein hässliches Bild der ›neuen‹ Väter. Für die nächste Auflage des Handbuchs wünscht sich der Rezensent als Ergänzung einen ressourcenorientierten Input 3.

Nach den beiden Inputs folgt ein Abschnitt »Evolution, Geschichte, Kultur«, deren Beginn Athanasios Chasiotis, Associate Professor in Cross-Cultural Psychology in den Niederlanden, gestaltet wird. In seinem evolutionspsychologischen Beitrag referiert er den Forschungsstand der Bedeutung von natürlicher Selektion, sexueller/geschlechtlicher Selektion und Handycap-Pinzip in Bezug auf Väter. Dabei erfährt der Leser sowohl Arten übergreifende biologische Facts wie etwa dass bei den Seepferdchen die Männer schwanger werden und bei den Kaiserpinguinen die Männer die Eier ausbrüten, als auch kulturübergreifend bzgl. menschlicher Väter: »Da der mit Abstand bedeutsamste Risikofaktor für sexuelle und körperliche Misshandlungen vorpubertärer Kinder kulturunabhängig die fehlende genetische Verwandtschaft des Kinds zu seinem erwachsenen männlichen Erziehungsberechtigten darstellt«, könne Stiefvaterschaft aus Sicht der natürlichen Selektion ein Risiko für die leiblichen Kinder der Mutter darstellen und damit möglicherweise mitberücksichtigt wird bei der Partnerwerbung.

All die weiteren der insgesamt 38 Beiträge könne hier natürlich nicht in ähnlicher Ausführlichkeit skizziert werden, darum hier nur die Aufzählung als Appetitmacher: Weitere Beiträge zu »Evolution, Geschichte, Kultur«: Väterbilder im historischen Wandel (Dieter Thomä), Väter in verschiedenen Kulturen (Bettina Lamm & Heidi Keller), Generationensprünge – Die alten und neuen Väter in meiner Familie (Eva Jaeggi), Der vielstimmige Vater - Antworten auf Franz Kafkas Brief an den Vater (Helmwart Hierdeis).

Kapitel »Politik, Gesetzgebung, Bildung«: Väterpolitik in Deutschland - Bestandsaufnahme und Perspektiven für die Zukunft (Johannes Huber & Eber- hard Schäfer), Väterpolitik in Österreich – Status quo und Wege für die Zukunft (Mariam I. Tazi-Preve), Schweiz: Elemente einer Väterpolitik von männer.ch (Andreas Borter), Gegen den Mythos Mutter und gegen das Zerrbild Vater – Dem Kind seinen Vater erhalten. Zum Wohl des Kindes und seiner beiden Eltern (Roland Proksch), Männliches Vorbild, Bezugsperson, Autorität und Erzieher – Zur Bedeutung männlicher Lehrkräfte für die Entwicklung und Bildung von Jungen (Michael Matzner), Der Vater in mir – Zur Anregung autobiografischer Vater-Erzählungen durch belletristische Literatur an der Universität (Helmwart Hierdeis).

Kapitel »Vaterschaft und Vatersein über die Lebensspanne«: Vaterschaft im Kontext postnataler familiärer Krisen – Selbsterleben und Entwicklungsprozesse (Fernanda Pedrina), Der Vater in der familiären Triade mit dem Säugling – Das Lausanner Trilogspiel in Forschung und Beratung (Lisa Schwinn & Britta Frey), Sicherheit und Orientierung geben – Über die Bedeutung der Vater-Sohn-Beziehungen in den ersten Lebensjahren (Eva Rass), Subjektive Vaterschaftskonzepte – Eine empirische Studie zu Vätern und ihren Partnerinnen (Franziska Fuhrmans, Holger von der Lippe & Urs Fuhrer), Die ersten 15 Lebensjahre: Stabilität und Wechsel väterlicher Einstellungen (Harald Werneck, Brigitte Rollett, Monika Pucher, Gudrun Schmitt & Guido Nold), Der Unternehmer als Vater, der Vater als Unternehmer (Christina Erdmann & Arist von Schlippe), Junge Männer in Alltag und Therapie – Bedeutung der Väter für Probleme und Lösungen (Ulrike Borst & Bruno Hildenbrand), Großvaterschaft – Entwicklungen, Engagements und Beziehungsmuster (François Höpflinger).

Kapitel »Herausforderung Väterforschung – Männlicher Kinderwunsch, Übergang zur Vaterschaft«: Warum werden manche Männer Väter, andere nicht? Männlichkeit und Kinderwunsch (Diana Baumgarten, Karsten Kassner, Andrea Maihofer & Nina Wehner), Der Mann in der Dyade – Ein qualitativer Forschungsansatz »seines« Kinderwunsches und Fertilitätsverhaltens (Christiane Rille-Pfeiffer), Der Wunsch junger Männer nach einem eigenen Kind und seine Konsequenzen – Psychologische Erklärungen des Übergangs zur Vaterschaft unter Anwendung eines methodenintegrativen Ansatzes (Holger von der Lippe, Franziska Fuhrmans & Urs Fuhrer), Vater werden – Ein zentraler Statusübergang im systematischen Vergleich von Lebensläufen (René Levy, Valérie-Anne Ryser & Jean-Marie Le Goff), Warum ist der Mann kinderlos geblieben? Eine objektiv-hermeneutische Fallrekonstruktion (Stefanie Kiefer).

Kapitel »Einladungen an Väter«: Gemeinsam statt einsam – Warum es sich lohnt, vom ersten Tag an aktiv Vater zu sein (Christian Aegerter), Tu weniger und mache mehr daraus – 24 Gründe, ein neuer Macho zu sein (Ivo Knill), Fazit aus zehn Jahren Väterarbeit: Väter, mischt euch ein! (Christoph Popp in einem von Heinz Walter im Mai 2009 geführten Interview), Väterliches im Vater wecken und bestätigen – Erziehungspartnerschaft im Vorschulbereich (Achim Weise), »Schön, dass Sie da sind!« – Vater-Kind-Wochenenden und weitere »Tür-Öffner« in der Arbeit mit Vätern (Ansgar Röhrbein), »Von hinten durch die Brust ins Auge ...« – Kabarett als Beispiel für die Annäherung an die Zielgruppe Väter (Tobias Bücklein).

Kapitel »Räume für Väter«: Wie Väter sich vernetzen und was Vätervernetzung bringt – Ein Bericht aus der Praxiswerkstatt Väterzentrum Berlin (Eberhard Schäfer & Marc Schulte), Eine Initiative verändert die Rhein-Main-Region – Das Aktionsforum »Männer & Leben – Vereinbarkeit von Familie und Beruf« (Harald Seehausen), Neue Impulse für die Väterarbeit im Deutschen Roten Kreuz (Volker Mosemann & Robert Richter), Aktive Vaterschaft und Beruf vereinbaren – Elternzeit für Väter im europäischen Vergleich (Bernhard von Bresinski), Väter – ein Gewinn für Unternehmen?! (Hans-Georg Nelles)
»Rückblick und Ausblick«: Väter – bis hierher. Und wie weiter? (Heinz Walter).

Wie man unschwer erahnen kann: ein prall gefülltes, äußerst umfassendes und interessantes Werk, das in weiten Bereichen sehr lesenswert ist.

Ingo Spitczok von Brisinski, Viersen

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