Rezension zu Immigration und Identität

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Rezension von Prof. Ulrich Paetzold



Salman Akhtar: Immigration und Identität

Thema
Das Thema wird sehr zutreffend im Geleitwort von Ilany Kogan beschrieben: »Dieses Buch ist eine umfassende Studie der Psychologie der Immigration.« Dabei werden unter dem theoretischen Dach der Psychoanalyse die Auswirkungen auf verschiedene Aspekte des Menschseins betrachtet und Folgerungen für eine psychodynamische Therapie gezogen.

Autor
Der Autor ist Professor für Psychiatrie am Jefferson Medical College und Supervisor am Psychoanalytic Center of Philadelphia. In Indien geboren kam er 1973 in die Vereinigten Staaten und beschäftigte sich zunächst mit Fragen der Identität und spezifischen Fragen der Immigration und des Exils. Er ist Herausgeber und Mitherausgeber verschiedener Zeitschriften, hat über 140 wissenschaftliche Publikationen und fünf Gedichtbände verfasst. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Aufbau
Der Aufbau des Buches ist in drei große Teile gegliedert:

1.) Immigration,
2.) Identität und
3.) kulturübergreifende Behandlung.

Diese zweite Auflage ist gegenüber der ersten unverändert.

Inhalt
Der erste Teil – Immigration – geht von der Vorbedingung aus, dass Immigration ein traumatisches Ereignis ist. Ausgehend von dieser These diskutiert der Autor verschiedene, psychosoziale Aspekte: Umstände der Migration, Zugang zu »emotionalem Auftanken«, Alter zum Zeitpunkt der Migration, Persönlichkeitsstrukturen, das Wesen des Herkunftslandes, das Ausmaß des kulturellen Unterschiedes, Aufnahme im Einwanderungsland und Erfahrungen der Nützlichkeit. Abgeschlossen wird dieser erste Abschnitt durch Themen, die meist selten angesprochen werden, aber durchaus von Bedeutung sein können: die Rolle psychischer Merkmale, der Einfluss des Geschlechts, Ehe und Migration, Rechtsstatus, Homosexualität, Träume und die veränderte Beziehung zwischen Mensch und Tier.

Der zweite Teil – Identität – ist untergliedert in entwicklungsgebundene und phänomenologische Aspekte. Zunächst geht es hier um eine Beschreibung der historischen Entwicklung des Konzeptes Identität. Anschließend wird die Entwicklung im Lebensverlauf (vor der Geburt, frühe und spätere Kindheit, Adoleszenz, Erwachsenenalter) genauer betrachtet. Phänomenologische Aspekte sind das weitere Thema dieses Abschnittes (realistisches Körperbild, konsistente Attitüden, zeitliche Kontinuität, Authentizität, Ethnizität und Gewissen), die im Kontext der klinischen Relevanz analysiert werden. Ein weiterer Abschnitt dieses zweiten Teils ist mit »Vier Schienen der Identitätsumformung infolge der Immigration« überschrieben und bezieht sich auf die Dimensionen der Triebe und Affekte, des interpersonellen oder psychischen Raums, der Vergänglichkeit und der gesellschaftlichen Zugehörigkeit und Gegenseitigkeit.

Die in den ersten beiden Abschnitten entwickelten Ideen werden im dritten Teil des Buches in Bezug zur klinischen Behandlung gesetzt. Stets konkretisiert durch Fallbeispiele werden Leitlinien für die psychodynamische Behandlung für Einwanderer vorgestellt. Diese Leitlinien sind als Hintergrund (und nicht als Ersatz) für die übliche Form der Psychoanalyse gedacht. Einige Beispiele für diese Leitlinien: kulturelle Neutralität, entwicklungsbezogene Haltung, Ermöglichung von Trauer, Funktion der Nostalgie. Abgeschlossen wird das Kapitel »kulturübergreifende Behandlung« durch die Kommentierung von Kinder- und Familientherapien als wichtiger Ansatz in der Behandlung von Einwandererkindern und kurze Blicke auf Beratung und gemeinschaftliche Hilfsprogramme und schließlich auf die spezifischen Dilemmata des eingewanderten Therapeuten.

Nicht unerwähnt sollte sein, dass der Autor im ganzen Buch den Text durch Beispiele aus der Dichtung angereichert hat.

Diskussion
Zu Recht wird im Vorwort das Buch als »bedeutend« bezeichnet. Gleichzeitig empfinde ich das Buch als das Standardwerk zum Thema »Psychoanalyse und Immigration«, da es das Thema in seiner Tiefe und seinen Verästelungen systematisch aufbereitet. Gleichzeitig ist es noch mehr: der Autor nimmt einen mit auf eine poetische Reise in fremde Welten und ermöglicht dem Leser neue Sichtweisen. Über diese Inspiration hinaus gibt der Autor dem Leser hilfreiche Hinweise für die praktische Arbeit in der Psychotherapie mit Einwanderern. An jeder Stelle des Buches wird deutlich, dass Salman Akhtar aus tiefer, persönlicher Erfahrung und fundierter Verankerung in der Psychoanalyse schöpft. Die Bedeutung des Themas Migration hat seit der ersten Auflage noch weiter zugenommen. Entsprechend wünscht man dem Buch eine breite Leserschaft.

Fazit
Der Leser sollte mit den Begrifflichkeiten der Psychoanalyse und deren theoretischen Konstrukten vertraut sein, um das Buch mit Gewinn zu lesen. Über die praktische Arbeit hinaus gewährt es inspirierende Einblicke in die Thematik Immigration, Identität und Behandlung.

Rezensent
Prof. Ulrich Paetzold
Professor für Psychologie an der Hochschule Lausitz, Fachbereich Sozialwesen in Cottbus. Neben interkulturellen Fragen sind Schwerpunkte in der Lehre: sexueller Missbrauch, Klinische Psychologie, Beratung. Zusatzqualifikationen: Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten sowie verschiedene kognitive Therapieverfahren.

Zitiervorschlag
Ulrich Paetzold. Rezension vom 16.06.2014 zu: Salman Akhtar: Immigration und Identität. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2014. 232 Seiten. ISBN 978-3-8379-2365-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16576.php, Datum des Zugriffs 16.06.2014.



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