Rezension zu »Wir haben Geschichte geschrieben«

Feministische Studien. Zeitschrift für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung Nr. 1/ Mai 2014

Rezension von Mechthild Veil

Sibylle Plogstedt: »Wir haben Geschichte geschrieben« Zur Arbeit der DGB-Frauen (1945–1990)

Wer kennt die Geschichte der Frauen in der Gewerkschaftsbewegung, ihre Namen, ihre Gesichter und ihre Stimmen? Wer kennt Maria Weber, Irmgard Blättel, Britta Naumann, Anke Fuchs oder Monika Wulf-Mathies als Gewerkschafterinnen? Wofür haben sich Aktivistinnen der Frauenarbeit eingesetzt, was haben sie erreicht und woran mussten sie häufig scheitern?

Gegenüber den Mobilisierungskampagnen ihrer männlichen Kollegen ist die Arbeit der DGB-Frauen geräuschloser und weniger medienwirksam verlaufen, jedoch keineswegs wirkungslos geblieben, wie die von Sibylle Plogstedt vorgelegte Untersuchung zeigt. Die Ursachen für die geringe Sichtbarkeit gewerkschaftlicher Frauenarbeit sind vielfältig. In den zahlreichen, von Männern geschriebenen Veröffentlichungen zur Geschichte der Gewerkschaften kommen Frauen nur sporadisch vor. Claudia Pinl führte die Unsichtbarkeit der Frauen in ihrer bereits 1977 erschienenen Studie »Das Arbeitnehmerpatriarchat – Die Frauenpolitik der Gewerkschaften« auf die Gewerkschaftsstrukturen zurück. Sie kritisierte die hierarchische Abhängigkeit der Frauenausschüsse von der Gesamtorganisation (Frauenausschüsse haben nur beratende Funktion). Weil Gewerkschafterinnen nicht über genügend autonome Entscheidungsspielräume verfügen, ist es für sie schwierig, ihre eigenen Interessen sichtbar in politisches Handeln umzusetzen.

Problematisch ist die Quellenlage zur Geschichte gewerkschaftlicher Frauenarbeit. Gewerkschafterinnen haben zwar ihre Arbeit auf lokaler Ebene gut dokumentiert, im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen aber wagten sie sich lange Zeit nicht an eine Gesamtschau heran. Einen ersten Durchbruch brachte die 1993 im Auftrag des DGB von Sigrid Ingeborg Bachler und anderen erstellte Studie »›Da haben wir uns alle schrecklich geirrt …‹. Die Geschichte der gewerkschaftlichen Frauenarbeit im Deutschen Gewerkschaftsbund von 1945 bis 1960« in der ehemals führende Gewerkschafterinnen in Gesprächen und Gruppeninterviews ihre Geschichte erzählten. Leider hatten sie sich für Anonymität entschieden und traten daher als Persönlichkeiten nicht in Erscheinung.

Plogstedt, die auf beide früheren Expertisen zurückgreift, stützt sich in ihrer Studie zur Arbeit der DGB-Frauen ebenfalls auf Interviews. Sie befragte 15 Gewerkschafterinnen aus drei Generationen, die in der Frauenarbeit verantwortlich tätig waren. Ihre eigentliche Forschungsquelle ist aber das DGB-Archiv – Wortprotokolle der DGB-Kongresse, Diskussionsbeiträge und vor allem Protokolle des Bundesfrauenausschusses, die die Debatten der Frauen detailliert wiedergeben. Die nicht anonymisierten Interviews, mit denen sie der Gewerkschaftsgeschichte zu einem weiblichen Gesicht verhilft, hat sie den chronologisch angelegten Kapiteln beigefügt.

Der Band verhandelt entlang thematischer Wellen innergewerkschaftliche Auseinandersetzungen um die Position der Frauen in den von Männern dominierten Gewerkschaften, von den Anfangen organisierter Frauenarbeit in den Frauenausschüssen nach dem 2. Weltkrieg bis zum Ende der »alten Bundesrepublik«. Dabei geht es um Themen wie gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit, Hausarbeitstag, Pflichtjahr für soziale Dienste, Dienstmädchenfrage, Reform des Eherechts, Zölibatsklausel, Teilzeitarbeit, Arbeitsschutzgesetzgebung, Abtreibungsdebatte, Vereinbarkeit von Familie und Gewerkschaftsarbeit, Migrantinnen, Frauenrenten, Quotendiskussion, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz – um nur einige zu nennen. Umfassend rekonstruiert Plogstedt die Geschichte der Arbeit der Frauen entlang der Debatten und der Gewerkschaftsstrukturen, in denen sie kanalisiert wurden.

Die erste gewerkschaftliche Nachkriegsgeneration, die zum Teil noch in der Weimarer Republik ausgebildet worden war, fühlte sich der Arbeiterbewegung verpflichtet. In der Frauenpolitik zeigten sich von Anfang an weltanschauliche Differenzen – die Nominierung der Mandatsträgerinnen erfolgte häufig nach dem Parteienproporz. Die Gründerin der gewerkschaftlichen Frauenarbeit, die für 25 Jahre als Mitglied des Bundesvorstandes die Frauenpolitik in der Nachkriegszeit bestimmte, Maria Weber, gehörte der CSU an. Aufgrund der Loyalität gegenüber ihren Parteien gelang es den Gewerkschafterinnen nicht, in den Debatten zur Reform des BGB 1951 (u.a. zum Recht der unehelichen Mütter, zum Recht des Mannes auf Kündigung des Arbeitsverhältnisses der Frau) einen gemeinsamen Frauenstandpunkt zu entwickeln und nach außen zu vertreten. Die zweite Generation wurde von den Gewerkschaften ausgewählt und geschult. Die Mandatsträgerinnen absolvierten gewerkschaftliche Akademien wie z. B. die Akademie der Arbeit in Frankfurt oder die Akademie für Gemeinwirtschaft in Hamburg, an der u. a. der Soziologe Helmut Schelsky lehrte. Damals bot die gewerkschaftliche Ausbildung begabten Arbeiterinnen den einzigen Zugang zum gesellschaftlichen Aufstieg. Ein Beispiel dafür ist Irmgard Blättel, die spätere Vorsitzende des Frauenausschusses und Mitglied im DGB-Bundesvorstand. Sie wurde ohne mittlere Reife zur DGB-Rechtsschutzsekretärin ausgebildet. – Sie profitierte von der Bildungsoffensive der Gewerkschaften, die Gewerkschafterinnen bis in Aufsichtsräte brachte und die bisher viel zu wenig gewürdigt wurde. – Die dritte Frauengeneration, vertreten unter anderem durch die stellvertretende GEW-Vorsitzende Britta Naumann, versuchte zusammen mit anderen eine neue Frauenpolitik zu praktizieren und die Einzelgewerkschaften gegenüber den 68ern und der Neuen Frauenbewegung zu öffnen. In den 1970er Jahren wurden Gewerkschafterinnen nach und nach in die Leitung von Gleichstellungsstellen berufen. Bekanntes Beispiel hierfür ist Marlies Kutsch (IG Bergbau und Energie) als erste Frauenbeauftragte im Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit im Jahre 1979. Mit wie viel Skepsis Gewerkschafterinnen feministischen Argumentationsweisen begegneten, hat Eva Rühmkorf als Leiterin der Hamburger »Leitstelle Gleichstellung der Frau« in ihrem Buch »Hinter Mauern und Fassaden« (2000) dokumentiert. Die Irritationen zwischen Feministinnen und den Frauen im DGB gehen auch auf unterschiedliche Konzepte in der Gleichstellungspolitik zurück. Die gewerkschaftliche, eng mit den Organisationsstrukturen verknüpfte Sichtweise ist eine quantitative. Auch die Aktivistinnen der Frauenarbeit verfolgen das strategische Ziel, mit mehr weiblichen Mitgliedern auf allen Hierarchieebenen automatisch mehr Einfluss und politische Handlungsspielräume gewinnen zu können. Aus den von Plogstedt analysierten Protokollen der DGB-Bundesfrauenausschüsse wird jedoch deutlich, dass Gleichstellungsstrategien innerhalb patriarchalischer Machtstrukturen kraftlos bleiben. Die Frauenausschüsse sind hierarchisch in die Strukturen des DGB eingebettet, so dass Gewerkschafterinnen dafür kämpfen müssen, mitentscheiden und mitbestimmen zu können diese Kämpfe ähneln eher Petitionen denn einer Mobilisierung für ihre eigenen Interessen. Weil der DGB die Frauenausschüsse als Teil der Gesamtbewegung konzipierte, sind frauenpolitisch eigenständige, autonome Organisationsformen nicht vorhanden. In politisch zugespitzten Situationen zeigt sich, wer das Sagen hat, von den Frauen wird dann gegenüber den Arbeitgebern der Schulterschluss mit den Männern verlangt.

Trotz allem haben Frauen im DGB mit ihrem hartnäckig verfolgten Engagement viel erreicht. Sie begleiten kritisch Reformprozesse, arbeiten an Frauen-Enquêten und in Kommissionen mit und vertreten die heute oft vergessenen Interessen von Arbeiterinnen. Sibylle Plogstedt hat mit ihrer Veröffentlichung die Arbeit der DGB Frauen sichtbar gemacht und gewürdigt und damit zugleich eine Zeitchronik geschrieben. Die Studie kann als Handbuch für Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter genutzt werden, sie ist jedoch auch für alle Interessierten verständlich und lesbar geschrieben.

Mechthild Veil

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