Rezension zu Spielregeln der Psychoanalyse

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Rezension von Cornelia von Kleist

Diana Pflichthofer: Spielregeln der Psychoanalyse

Thema
Ging es in »Spielräume des Erlebens« (Diana Pflichthofer, 2008) eher um eine Gruppe von Patienten mit frühen Beziehungstraumata, so geht es in »Spielregeln der Psychoanalyse« allgemeiner um Psychoanalyse als Methode und Verfahren mit der Frage, wie eine psychoanalytische Therapie sinnvoll »geführt« (S. 230) und wie in der Ausbildung sinnvoll gelehrt werden kann. Dabei liegen die Patienten, die ihre Beziehungsfähigkeit verloren haben und deshalb auch der Therapie zunächst mit emotionaler »Abstinenz« begegnen, der Autorin weiter besonders am Herzen; sie bilden vielleicht die Folie für ihre Überlegungen, welche psychoanalytische Therapie und welche Haltung wir brauchen? – Zunächst die, »das tatsächliche praktische Handeln des Analytikers, der Analytikerin und dessen Abgrenzung vom bloß vorgestellten Tun« (S. 13) als Maßstab zu nehmen. Seit den Anfängen und Freuds Sorge, die noch junge Disziplin der Psychoanalyse vor Diffamierungen und Anfeindungen zu schützen, ist unter Psychoanalytikern die Neigung geblieben, Fehler und Schwächen der eigenen klinischen Praxis, wenn überhaupt, nur im kleinsten Kreis zu diskutieren. Diese »Trennung in eine ›offizielle‹ Theorie und eine eher ›inoffizielle‹ Praxis (hat) einen Niederschlag in uns allen gefunden«(S. 155). Pflichthofer ist überzeugt, dass Psychoanalyse als Sprachspiel und »Lebensform« im Sinn Wittgensteins (S. 31) solch beschämende Doppelzüngigkeit nicht braucht und stellt an den Anfang des Buches Aufforderungen von Kant und Freud, »mündig« zu werden und sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Nicht als moralische Forderung und neues Ideal, sondern als Möglichkeit, wie sich (angehende) Psychoanalytikerinnen »Spielräume des Erlebens« in ihrer Arbeit (wieder) aneignen können. Die Autorin sucht nach einer Psychoanalyse, die sich weder gegenüber allen äußeren Einflüssen abschottet und in Orthodoxie erstarrt, noch sich für jeden Einwand öffnet und in Beliebigkeit verschwimmt.

Autorin
Dr. med. Diana Pflichthofer ist als Psychoanalytikerin in eigener Praxis in Hamburg niedergelassen, zudem Lehranalytikerin, Lehrtherapeutin und Supervisorin für die Weiterbildung ärztlicher Psychoanalytiker und Psychotherapeutin und für die Deutsche Gesellschaft für Gruppenanalyse und Gruppenpsychotherapie. Sie ist Mitherausgeberin des »Forums der Psychoanalyse, Zeitschrift für klinische Theorie und Praxis«, außerdem Gruppenanalytikerin, Lehrtherapeutin und Supervisorin am Hamburger Institut der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft. Indem sie ihre Überlegungen zum psychoanalytischen Prozesses eher in Begriffen zeitgenössischer philosophischer und erkenntnistheoretischer Diskurse formuliert, öffnet sie diese auf eine außer-psychoanalytische Öffentlichkeit hin und ist in den letzten Jahren zu einer wichtigen Stimme der und in der deutschen Psychoanalyse geworden.

Aufbau und Inhalt
Wie schon in »Spielräume des Erlebens« stellt Pflichthofer zunächst ihren theoretischen Bezugsrahmen vor, hier die Sprachphilosophie des späten Wittgenstein, und erläutert das in Kap. I »das Sprachspiel Psychoanalyse und seine Regeln«. Dies impliziert bereits den Vorrang der gelebten Praxis vor der Psychoanalyse als einem theoretischen System (S. 31). Denn Wittgenstein fasste im Begriff des »Sprachspiels«, dass wir beim Sprechen wie beim Spielen, wenn Verständigung und Kooperation gelingen sollen, darauf angewiesen sind, gemeinsamen Regeln zu folgen; aber diese können nicht unabhängig von dem jeweiligen Spiel, der jeweiligen Sprache formuliert werden; vielmehr stiftet ihr spezifischer Gebrauch eine soziale Praxis, die zusammen mit dem Sprechen auch dazugehöriges Handeln umfasst und generiert. Es entsteht ein »unaufhebbarer Zusammenhang von Sprache und Praxis, von Sprache und Lebensform.« (S. 33) Das Sprachspiel Psychoanalyse unterscheidet sich von Sprachspielen unseres Alltags dadurch, »dass es sich in besonderer Weise auf das Unbewusste konzentriert, … indem es die besonderen Bedingungen schafft, unter denen unbewusste Prozesse sichtbar, d.h. für uns wahrnehmbar werden können.« (S. 46) Der psychoanalytische Rahmen stellt Bedingungen bereit, unter denen »Szenen«, in denen sich unsere Beziehungsgestaltung darstellen kann, zur Aufführung gelangen. Entsprechend ist für Pflichthofer das entscheidende Kriterium, ob so etwas wie Psychoanalyse stattfindet, »das Erleben, Verstehen, Deuten und Durcharbeiten von Übertragungsbeziehungen« (S. 51).

Diesem Verständnis können auch Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker zustimmen, die mit dem Sprachspiel-Konzept erst einmal nichts anfangen können. Was fügt es also Neues hinzu? Z.B. die Begrenzung des »Spielzugs« Deuten auf die vereinbarte Therapie. Natürlich gibt es Unbewusstes, bevor sie beginnt (S. 41 ff) und nach ihrem Ende (S. 49ff); Einübung in Psychoanalyse als »Lebensform« soll uns befähigen, darauf hören zu können, aber nicht, uns dauernd nur darauf zu »konzentrieren«. Psychoanalytiker, die alles immer und überall deuten, leiden, wohlwollend, unter einem Missverständnis hinsichtlich der Grenzen dieser sozialen Praxis oder vertreten, weniger wohlwollend, einen Alleinanspruch auf Deutungsmacht (vgl. Kap. III). Als weitere Entdeckung verstehe ich die Überlegungen der Autorin zum psychoanalytischen »Spracherwerb«. Bezogen auf die Muttersprache überrascht es nicht, dass das Kind die Art, wie seine Eltern sprechen und handeln, unreflektiert imitiert und verinnerlicht, aber bezogen auf die Psychoanalyse wünschen wir nicht, so »abgerichtet« zu werden, wie Wittgenstein das genannt hat (S. 82ff). Aber der Vorgang ist nicht so anders: zwar können wir uns um möglichst gute Information bemühen (die Verpflichtung dazu ist neuerdings auch im Patientenrechtegesetz verankert), bevor Patienten eine Therapie oder Kandidaten die Ausbildung aufnehmen, aber ein tiefes Verständnis bzw. ein »implizites oder prozedurales Wissen« des psychoanalytischen Prozesses (S. 86) entsteht erst durch die eigene Analyse; sie ist deshalb für die psychoanalytische Ausbildung zentral. Wie schon 2008 betont Pflichthofer die grundlegende Asymmetrie in der psychoanalytischen Beziehung: der Analysand »benötigt« seine Analytikerin (andere Geschlechterkombinationen sind immer mit gemeint) als »jemanden, der ihm dabei hilft, diejenigen Beschränkungen zu überwinden, die neurotische oder frühgestörte Entwicklungen auszeichnen« (S. 85). Ihr wächst in diesem Prozess sehr viel Macht zu, denn »beide, Kind und Analysand, teilen den großen Wunsch (der unbewusst sein kann), verstanden zu werden (Balint), sodass das Kind die Sprache seiner Eltern erlernen muss (…) und der Analysand die Sprache seiner Analytikerin.« (S. 37) Nach der Analyse wird er seine »Beschränkungen« und deren »Überwindung« in dem psychoanalytischen Dialekt verstehen, den seine Analytikerin spricht. Wie in der Kindheit sind »Verinnerlichung und Identifizierung« (S. 84) schon geschehen, sind wir den Regeln »blind gefolgt« (S: 93), bevor wir sie reflektieren können – auch wenn wir uns vielleicht nachträglich distanzieren wollen. Auch bei nicht missbräuchlicher Therapieführung können wir nicht ganz abstinent und frei davon sein, unsere Analysanden zu »beeinflussen«. Dieses Konzept erlaubt eine ehrlichere, nicht gleich moralisch verurteilende Diskussion über »suggestive« oder »pädagogische« Aspekte der Therapie.

Für Lehranalysen galt ja schon immer, dass Kandidatinnen die Psychoanalyse als Methode verinnerlichen und sich damit identifizieren sollen, d.h. für sie kann sich am Ende die positive Übertragung nicht so auflösen wie bei Patienten, die damit ihre emotionale Unabhängigkeit wiedergewinnen sollten. Lange Zeit galten deshalb Lehranalysen als defizitär, gleichsam verkürzt um diesen Prozess der Distanzierung. Pflichthofer vertritt dazu im »Exkurs: Spiel-Regeln der Lehranalyse« (S. 52-70) einen originellen Standpunkt: ob die »Elemente«, die innerpsychoanalytisch als Schwäche von Lehranalysen gelten, »das Teilen der Interessen, das Fungieren als Vorbild, das ›Anstiften‹ zur persistierenden Identifikation« sowie das Fortbestehen eines realen sozialen Kontakts nach dem Ende der Analyse, nicht »durchaus entwicklungsfördernde Funktionen übernehmen können« (S. 68) und zwar auch für Patienten in therapeutischen Analysen? Wir wissen heute, dass ein gelungener psychoanalytischer Prozess nicht in die Auflösung der Übertragung mündet und die Forderung danach eher zu den Selbstmissverständnissen der Psychoanalyse als »Kind« der Aufklärung gehörte. Ihre Vorstellungen, was an deren Stelle tritt, entfaltet die Autorin im V. Kap »das Ende der Analyse und die postanalytische Beziehung«. Der Aufbau des Buches bis dahin kann m.E. gut so verstanden werden, dass uns Pflichthofer an ihrem eigenen Prozess der Reflexion und partiellen Distanzierung von den »Selbstverständlichkeiten«, die sie selbst im Laufe der psychoanalytischen Ausbildung an- und in sich aufgenommen hatte, teilhaben lässt.

Kap II »Der ‚Witz des Spiels« beschäftigt sich mit den Zielen einer Psychoanalyse und den Kriterien für ihr Gelingen – Denn im Unterschied zu Spielen, mit denen wir uns die Zeit vertreiben, ist eine Psychoanalyse »nicht zweckfrei, sondern geprägt von der Intention, sich als Lebensform, d.h. als eine bestimmte Haltung sich selbst und anderen gegenüber zu vermitteln« (S. 106). Die Autorin konkretisiert das im Anschluss an Joseph und Anne-Marie Sandler: »ein wichtiges Ziel der Analyse ist es, dem Patienten zu ermöglichen, sich mit seinen früher inakzeptablen Seiten anzufreunden, mit bisher bedrohlichen Wünschen und Phantasien gut umgehen zu können.« (S. 110) Genau das aber wollen viele Patienten zu Beginn ihrer Therapie nicht, sie wollen, dass die Symptome »weggehen«. Andere, und das teilen sie mit manchen Vertretern psychoanalytischer Orthodoxie, streben einen idealen Zustand seelischer Reife und psychischer Gesundheit an (vgl. dazu S. 109/110). Damit ein Patient entscheiden kann, ob er sich auf eine Psychoanalyse einlassen will, braucht er nach Pflichthofer eine gute Aufklärung zu Therapiebeginn, die »Nebenwirkungen und Risiken« nicht auslässt; z.B., dass es sich zeitweise anfühlen kann, als seien die Regeln so gestaltet, dass der Patient nur verlieren kann und dass bei aller Bemühung der gute Ausgang des Spiels tatsächlich ungewiss ist (ein konkretes Beispiel für eine solche Aufklärung S. 115). Dazu gehört aber auch das Selbstvertrauen der Analytikerin, eine Analyse zu einem guten Ausgang führen zu können. Um zu entscheiden, welche »Spielzüge« (S. 111) aus ihrer Sicht sinnvoll sind, braucht sie eine Idee, was sich für ihren Patienten »heilsam« verändern soll und kann. Die Autorin vertritt dabei durchaus auch das »Bessere-Eltern-Konzept« (S. 117), das lange als Förderung der Illusion verpönt war, wir könnten unseren Patienten nachträglich eine bessere Kindheit bieten. Inzwischen kann zunehmend zum Thema werden, wie sehr vorwissenschaftliche Vorstellungen, was ein gutes Leben ausmacht, die Therapieführung mit bestimmen (W. Mertens, J. Körner). Je realistischer wir sehen, dass wir die Gefahr, Patienten zu unserem »Leibgut« zu machen (Freud, zit. S. 229), nicht zweifelsfrei ein für allemal ausräumen können, desto deutlicher erkennt man, dass ein kontinuierlicher »triangulierende« (S. 118) Austausch mit Kollegen unabdingbar ist.

Diskussionen unter Kollegen haben aber eine andere Ausgangssituation, insofern alle ihre eigenen Vorstellungen mitbringen, was eine Psychoanalyse ausmacht. Zuweilen stimmen sie so wenig überein, dass die Teilnehmer noch nicht einmal »Familienähnlichkeiten« im Sinn Wittgensteins erkennen wollen. In Falldiskussionen unter Psychoanalytikern ist die Frage gefürchtet, ob ein konkretes klinisches Vorgehen überhaupt noch psychoanalytisch sei. Damit wird suggeriert, wir könnten das eine klar vom anderen unterscheiden und zugleich oft genug Neuerungen verworfen, die sich u.U. später als sehr bereichernd zeigen (z.B. Bowlbys Bindungstheorie). In Kap. III »Das Wagnis der Selbstreflexion – Versuch der Verständigung« geht es Pflichthofer um einen weniger destruktiven Stil in kollegialen Diskussionen. Dazu zieht sie Überlegungen von Wulf Hübner zum »Aspektsehen« mit heran. Wir alle kennen sog. Kippfiguren, die z.B. gleich gut als alte Hexe oder als schönes junges Mädchen gedeutet werden können und wissen, wie schwierig es sein kann, auch die andere Möglichkeit zu sehen. Schon bei diesem harmlosen Selbstversuch spürt man, dass es auch etwas über uns selbst »verrät«, wenn wir unseren spontanen Eindruck mitteilen. Umso mehr gilt in fachlichen Diskussionen: »Jeder, der einen klinischen Fall vorstellt, teilt also konsequenterweise etwas von sich selbst mit« (S. 125). Weil das so ist, sind wir als Psychoanalytiker besonders auf das Wohlwollen von Kollegen angewiesen, wenn wir mit ihnen über Handlungen sprechen wollen, die in unserem Regelwerk so nicht auftauchen und uns meist spontan »unterlaufen«, z.B. im Zusammenhang mit Geschenken (der Exkurs über Geschenke, S. 208 – 229, verdichtet für mich die psychoanalytische Haltung der Autorin besonders schön). Anders als beim üblichen Vorgehen beschäftigt uns in solchen Fällen bald, »ob so etwas in einer Psychoanalyse erlaubt ist, ob ein solches Handeln in das Sprachspiel integrierbar ist oder ob es das Spiel zunichte macht« (S. 132). Oder ist es vielleicht sogar geeignet, die bestehende Praxis auch sonst in Frage zu stellen und schließlich zu verändern? Dabei können nicht die Einzelnen, sondern erst die Gemeinschaft von Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker entscheiden, ob ein unübliches Vorgehen als mehr oder weniger schädliches »Agieren« zu verstehen ist oder ob es zu einer behandlungstechnische »Neuerung« zu werden verdient. Wir müssen Verständigung suchen, unser therapeutisches Handeln, so gut wir können, für den Nachvollzug durch andere öffnen und begründen (S. 129); aber solche Offenheit braucht wohlwollende Neugier, die auch, wenn andere Kritik haben, nicht gleich die berufliche Kompetenz und damit Identität in Frage stellt (S. 136). Gerade, wenn wir im Prozess der Selbstreflexion auf unser therapeutisches Handeln etwas ganz wesentlich Neues entdecken, das geeignet ist, »bisherige Lebenskonzepte zu verändern« (S. 135), braucht man für die daraus entstehende Verunsicherung Verständnis und Beistand anderer. Die Psychoanalyse als Therapie will ja genau einen solchen Prozess initiieren; ernsthafte, produktive kollegiale Diskussionen lassen uns fühlen, was wir täglich unseren Patienten abverlangen.

Für mich stellt Pflichthofer in Kap. IV »Freuds Spielregeln« eine solche Umorientierung vor. Es ist sehr lang, umfasst mehr als ein Drittel des gesamten Texts (S. 139 – 252) und die Diskussion verschiedener Themen zur Behandlungstechnik. Zusammengehalten wird es m.E. von der Absicht, das theoretisch bedeutsame Konzept des »väterlichen Gesetzes« für die Reflexion klinischer Praxis versuchsweise durch das der »Spielregeln« zu ersetzen. Diese sind konsensuell flexibler zu gestalten, während Gesetze »eine dritte Instanz (bilden; sie) können nicht – auch wenn zwei sich einig sind – einfach außer Kraft gesetzt werden. Die beiden, die sich einig sind, können nur gemeinsam dagegen verstoßen.« (S. 142) Die Verinnerlichung des »väterlichen Gesetzes« bildet für seine Vertreter eine Entwicklungsnorm und zeigt die Bewältigung des ödipalen Konflikts an, die verbunden ist mit Anerkennung und subjektiver Verankerung von Inzesttabu und Generationenschranke. Die Entwicklung drängt das Kind, grob gesprochen, aus dem engen sozialen Umfeld der Familie hinaus und hin zur Verbindung mit Außenstehenden, Fremden. Das »väterliche Gesetz« soll am Ursprung von Vergesellschaftung und Kulturbildung stehen. Psychoanalytiker verpflichtet es darauf, auch in der Intimität ihrer Behandlungszimmer den »Rahmen« einzuhalten, d.h. entsprechend der psychoanalytischen Kunstlehre zu therapieren und die kindliche Abhängigkeit ihrer Patienten nicht zum eigenen Vorteil zu missbrauchen. Pflichthofer bezweifelt nicht, dass Regeln, denen sich alle verpflichten fühlen, über die sich niemand in eigener Machtvollkommenheit stellen darf, notwendig sind. Sie bezweifelt aber, dass »die Idealisierung des väterlichen Gesetzes« (S. 139ff) vor der Missachtung solcher Regeln hinreichend schützt. In der Geschichte der Psychoanalyse gibt es zu viele Tabubrüche, die zudem, sogar von Freud selbst vertuscht und entschuldigt wurden (S. 144–155). Mit dem Begriff des »väterlichen Gesetzes« wird bis heute Politik gemacht, insofern darin der »Vater« allein als weiser Gesetzgeber und nicht z.B. als jemand auftaucht, der seine Macht tyrannisch missbraucht, wie es Freud so sorgfältig für die Figur des »Ur-Vaters« ausmalte. Besonders deutlich wird das, wenn sich väterliche Eifersucht auf die innige Verbundenheit von Mutter und Kind als Theorie formuliert und behauptet, dass der Vater »dem angeblich gesetzlosen Zustand zwischen Mutter und Kind ein Ende bereiten« müsse (S. 141, Anm. 38). Wenn es nur »Spielregeln« gibt, löst Reflexion auf die reale Praxis solche globalen Aussagen ab. Pflichthofer zeigt an einer Fülle von Beispielen, wie selektiv Freuds »Gesetz« sich in der Geschichte der Psychoanalyse tradiert hat und dass Freud in seiner eigenen Praxis viel weniger streng und abweisend verfuhr, als Psychoanalytiker später oft glaubten, sein zu müssen; so lieh er u.a. Patienten Geld, verköstigte sie oder lud sie sogar in seine Familie ein. – Ich kann hier die einzelnen Argumentationen nicht nachzeichnen und zähle deshalb nur zur Orientierung der eigenen Lektüre die Themen auf: Behandlungsindikation und Kontraindikationen (S. 156–162), Vorbereitung und Einleitung der Behandlung mit Überlegungen zu »Verstrickungen«, wenn Analytikerin und Patient sich zu Beginn bereits kennen (S. 162–170), Darlegungen zu »Zeit und Geld« sowie der »Frequenz« (S. 170–184). Dabei eignen sich das sogenannte »Ausfallhonorar«, das Patienten bezahlen müssen, wenn sie eine Sitzung nicht wahrnehmen, und die wöchentliche Sitzungsfrequenz besonders zur Kontrastierung zwischen dem Verständnis des psychoanalytischen Rahmens als »Gesetz« oder als »Spiel«. Wenn es weniger Vorschriften für die Beteiligten und mehr Spielraum gibt, wir sogar Spielregeln für den eigenen Gebrauch modifizieren können (z.B. einen Patienten anzurufen, der nicht erscheint), wird die Frage relevant, welche Regeländerungen »innerhalb« einer Psychoanalyse möglich sind und welche sie gefährden oder zerstören? Es ist Aufgabe der Analytikerin, darauf zu achten, denn der Patient ist noch zu wenig vertraut mit dieser Lebensform. Entsprechend ausführlich beschäftigt sich die Autorin mit den »Regeln für den Analytiker/die Analytikerin« (S. 187 – 208), die sich außerdem in weiteren Themen des Kapitels fortsetzen: im »Exkurs: Geschenke« (S. 208 – 229), in der Frage, wie viel elterliche Funktion Analytiker doch übernehmen (»Erziehung – Angenommene Kinder«, S. 229 – 238), wie offensiv (»Aktive Technik?«, S. 238–243) oder rücksichtsvoll sie das tun (»Taktgefühl – Risiken und Nebenwirkungen einer Psychoanalyse«, S. 243–246). Nicht die Absicht, die Psychoanalyse als Verfahren effektiver zu machen, motiviert Pflichthofers Fragen, wie viel an Pädagogik und Suggestion in einer Psychoanalyse notwendig vorkommen, eher wohl die von J. Laplanche entwickelte Grundüberzeugung: »die ›Seele der Übertragung‹ liegt in ›einer ursprünglichen Beziehung‹, in der der Andere Vorrang hat gegenüber dem Subjekt« (S. 117). Hat in therapeutischen Analysen die Analytikerin den »Vorrang«, so geben wir ihn theoretisch immer noch den Arbeiten Freuds: »es ist auch an uns, unsere Übertragungseinstellungen ihm, dem Gründungsvater, gegenüber in den Blick zu bekommen, sie zu bearbeiten, sie gegebenenfalls so gut als möglich zu lösen.« (S. 252).

Das Kap. V befasst sich schließlich mit dem »Ende der Analyse und die postanalytische Beziehung« (S. 252–277). Entsprechend dem bisher Ausgeführten betont die Autorin, dass die Psychoanalyse in einem praxistaugliches Selbstverständnis (an-)erkennt, dass sie nicht »alles« im Leben zu bedeuten vermag. Sie wendet sich gegen Auffassungen, die das Ende einer Analyse als paradigmatisch für alle Erfahrungen von Verlust und Tod, letztendlich als »Vorbereitung auf die letzte große Lebensaufgabe, das eigene Sterben« (S. 256), sehen und gestalten. Wieder an der Leitmetapher der »Bessere-Eltern«-Funktion entwickelt Pflichthofer ihre eigenen Vorstellungen in Analogie zu den Prozessen von Ablösung in der Adoleszenz: für Analysanden ist es zwar schmerzlich, den »Liebeszauber« (S. 261) kindlichen Zutrauens in die Allwissenheit und Allmacht der Analytikerin aufzugeben; es ist aber auch befreiend, mit einem Zuwachs an Autonomie und, ganz pragmatisch, an Freizeit verbunden. In gewisser Weise bleibt die Analytikerin zurück. Diesen Prozess dennoch zu unterstützen, indem sie bereit ist, »ihre eigene Entzauberung zu ertragen« (S. 267), mag ihr zuweilen so schwer fallen wie Eltern, die mit der Ablösung der Kinder ja auch sinnfällig dem eigenen Alter und Tod ein Stück näher rücken. Aber wenn das gelingt, können Analytikerin und Patient wenigstens einander real begegnen, »ohne sich geniert zu fühlen« (Babcock, zit. 272). Es bleibt eine Vertrautheit wie auch sonst zwischen Menschen, die eine sehr intensive, keineswegs nur einseitige, Beziehung zueinander gehabt haben. Pflichthofer vergleicht das der Erfahrung einer gemeinsamen anstrengenden Bergtour: »Im Tal angekommen sind sie froh, vielleicht auch traurig, dass es zu Ende ist.« (S. 277).

Diskussion
»Die Spielregeln der Psychoanalyse« (2012) sind wie die »Spielräume des Erlebens« (2008) eine Liebeserklärung der Autorin an die Psychoanalyse, wobei diese Liebe gleichsam erwachsener und reifer geworden ist, weniger »Idealisierung«, weniger Verbergen von Fehlern und Schwächen, braucht. Theoretisch versteht Pflichthofer den psychoanalytischen Prozess statt mit der Leitmetapher des »väterlichen Gesetzes« mit der des »Sprachspiels« nach Ludwig Wittgenstein und damit als soziale Praxis neben anderen. Obwohl sie keine grundlegenden Neuerungen der psychoanalytischen Technik vorschlägt und sich wohl damit den Unmut von Rezensenten wie Tilmann Moser zugezogen hat, der ihr bescheinigte, allzu »klassisch« zu bleiben (Deutsches Ärzteblatt PP 6/13), halte ich ihre Überlegungen für geeignet, eine zeitgemäßere Haltung von Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern zu fördern, deren »Magie« sich nicht mehr auf sozial verankerte, ärztliche Definitionsmacht berufen kann. Für mich vertritt Pflichthofer eine Psychoanalyse, die sich durch die Achtung vor Patienten als Mitmenschen auszeichnet, ohne oberflächliche Gleichheit zu propagieren. So betont sie auch in diesem Text, dass wir als Analytiker für den psychoanalytischen Prozess zu wenig Verantwortung übernehmen, wenn wir nicht die Machtfülle (an-)erkennen, mit der unsere Funktion als »Sprachlehrer« der Seelen-Sprache uns ausstattet, dass wir aber umgekehrt Patienten entmündigen, wenn wir glauben, uns ihnen nicht verständlich erklären und mit ihnen keine gemeinsame Sprache suchen zu müssen.

Was für andere vielleicht eine Stärke dieses Textes ist, hat mich beim Lesen manchmal überfordert und ungeduldig gemacht: wie schon im ersten Buch sehen wir der Autorin beim Denken gleichsam zu, werden eingeladen, ihren Assoziationen zu folgen, die sich zwischen Theorien, klinischen Überlegungen und Beispielen, rühmlichen und unrühmlichen Anekdoten aus der Psychoanalyse hin und her weben. In diesem Buch habe ich mir gewünscht, sie hätte um der Klarheit willen den einen oder anderen Skandal unerzählt, den einen oder anderen Aspekt des klinischen Geschehens unerwähnt gelassen. Erst im Versuch, dem roten Faden ihrer Gedankengänge trotzdem zu folgen, merkte ich überrascht, wie sehr sich Pflichthofer auf die »Bessere-Eltern«-Metaphorik für einen gelingenden psychoanalytischen Prozess stützt. Diese Vorstellung ist oft überzeugend kritisiert worden, aber vor allem, weil sie sich leicht mit dem süßlichen Bild einer Familienidylle verknüpft. In Pflichthofers Arbeit geht es aber um die Gestaltung unserer existenziellen Angewiesenheit im »Vorrang des Anderen vor dem Subjekt«. Ich glaube, dass es noch weitere, auch theoretische, Arbeit braucht und verdient, diese Anerkennung der Asymmetrie in der psychoanalytischen Beziehung mit dem »alten« psychoanalytischen Anspruch auf Emanzipation zu vermitteln.

Fazit
Psychoanalytikern/innen bieten »Die Spielregeln der Psychoanalyse« von Diana Pflichthofer eine Fülle von Anregungen, als selbstverständlich empfundene behandlungstechnische Regeln und Normen zu überdenken. Dafür scheint mir zentral, dass das verwendete Konzept des Sprachspiels nach Ludwig Wittgenstein keine Meta-Position (aner-)kennt, von der aus Normen und Regeln festgesetzt werden. Vielmehr kommt es darauf an, Therapie so zu gestalten, dass sie den Analysanden als »Anfängern« der Psychoanalyse in diesem Spiel Gehör und Stimme gibt. Auch für andere interessierte »Laien« finden sich in diesem Buch Erläuterungen zur psychoanalytischen Praxis, wenn sie über einige Vorkenntnisse verfügen. Die »Spielregeln der Psychoanalyse« sind kein Einführungstext; vielleicht erschließen sie sich zunächst am besten über einzelne Fragen der klinischen Praxis – um sich dann vielleicht »festzulesen«.

Rezensentin
Cornelia von Kleist



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