Rezension zu Trauma im Film

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Rezension von Inge Kirsner

Trauma im Film
Psychoanalytische Erkundungen, herausgegeben von Sabine Wollnik und Brigitte Ziob

Ein Mann küsst eine Frau, das Kind schaut ihnen dabei zu, es ist eine intime Szene in einem öffentlichen Raum, im Hintergrund des Schauplatzes sehen wir einen Stapel von Sandsäcken und viel Grau. Eine schöne Filmszene ziert das Cover des Buches, doch beim zweiten Hinsehen erkennen wir den Mann als Roberto Benigni und wissen nun, dass der Kuss ein Glück widerspiegelt, das sich unmittelbar danach verflüchtigen und dem größten Trauma der deutschen Geschichte weichen wird. »Das Leben ist schön« ist eine surreale Tragikomödie von und mit Roberto Benigni aus dem Jahr 1997. Er zeigt das Sterben und das Überleben in einem fiktiven nationalsozialistischen Konzentrationslager in Italien anhand eines Vaters, der versucht, seinem Sohn die Hoffnung und das Leben durch eine humorvolle Wirklichkeitsumdeutung der traumatisierenden Grausamkeit des Lagers zu bewahren. Ob eine filmische Annäherung an das Entsetzliche, für das es eigentlich keine angemessenen Bilder gibt, in diesem Fall gelungen ist oder nicht, wurde nach der Uraufführung 1998 publizistisch heftig diskutiert.

In dem von der Fachärztin für Psychiatrie Sabine Wollnik, und der Psychoanalytikerin Brigitte Ziob herausgegebenen »Trauma im Film« gelangt der Psychotherapeut Thomas Auchter zu dem Schluss, dass der Film letztlich ein Plädoyer für das (Über-)leben, für Liebe, Hoffnung und Humanität angesichts lebensfeindlicher, hasserfüllter, hoffnungsloser und unmenschlicher, traumatisierender Zustände darstellt. Dabei biete der Humor eine Möglichkeit zur emotionalen Distanzierung und Angstüberwindung; er »schafft uns Möglichkeitsräume jenseits des todernsten und vielleicht unerträglichen Realitätsprinzips« (Auchter S.221). So stellt der Film eine Traumaüberwindung in Form einer narrativen Bearbeitung des Grauens dar. (Gerne hätte man an dieser Stelle die Frage geklärt, ob nicht Charlie Chaplins »Großer Diktator« von 1940, der dem Grauen ebenfalls mit Humor begegnet, der ›angemessenere‹ Film ist, weil er nicht das Zentrum des Grauens selbst beschreibt, sondern der lächerlichen Figur des Führers die würdevolle, tragikomische Gestalt des jüdischen Friseurs entgegenstellt, die letztlich siegt).

Um das geht es den Herausgeberinnen: Die narrative Bewältigung und Überführung eines Traumas als eines Erlebnisses, das von solcher Intensität ist, dass es die psychischen Verarbeitungsmöglichkeiten des Betreffenden überschreitet, in bewegte Bilder. »Filme können bei der Integration eines Traumas in die seelische Struktur des Einzelnen wie auch in die Matrix der Gesellschaft hilfreich sein« (Vorwort S. 14). Dabei wird nicht verschwiegen, dass umgekehrt Filme den Betrachter traumatisieren können; doch wurde bei der Auswahl der Filme darauf geachtet, dass die (nicht nur gewalttätige) Verarbeitung des (subjektiven) Schreckens im Vordergrund steht. In Filmen wie »Auf der anderen Seite«, »Adams Äpfel«, »21 Gramm«, »Amores Perros« und »Hiroshima mon amour«, um eine Auswahl zu nennen, geht es jeweils um ein Ereignis, welches das Leben der Protagonisten plötzlich und unvorhergesehen aus der Bahn geraten lässt. So stehen sie in Bezug zum psychischen Traumabegriff. Stellvertretend für den Zuschauer erfährt der Protagonist eine Traumatisierung. Mithilfe der Identifikation mit dem Helden/der Heldin kann der Zuschauende das Trauma mit durchschreiten, das an seine eigene seelische Struktur gekoppelt ist. So schaffen die im Film dargestellten Inszenierungen eine Narration, die es ermöglicht, die eigenen Traumatisierungen zu organisieren. Traumatische Erfahrungen »drängen zur Inszenierung, und hier liegt die Möglichkeit zur Veränderung« (S.15). Der Film erweist sich als Kunstform, die sich parallel zur Psychoanalyse entwickelt hat; geboren werden beide Ende des 19. Jahrhunderts. Die Herausgeberinnen bezeichnen Film und Psychoanalyse als uneheliche Geschwister, die einem gemeinsamen historischen, sozialen und kulturellen Hintergrund entstammen. Beide befassen sich mit Themen, die einen genauen Blick auf Zeitströmungen, aktuelle Ängste, die Struktur von Beziehungen, Veränderungen der Lebensbedingungen und der damit verbundenen Lebensgewohnheiten ermöglichen (S.9). Mit der Erforschung und Darstellung der Meisterung von Extremerfahrungen, die in den letzten Jahren immer häufiger ein Filmsujet bildet, übernimmt der Film wie auch die Psychoanalyse eine religiöse Funktion (was im Buch jedoch nicht eigens thematisiert wird). Es geht um Lebensbewältigung und -erneuerung im Spiegel von Geschichten, die dem Zuschauenden die Möglichkeit geben, eine Krise oder eine traumatische Erfahrung zu durchleben und zu einer Katharsis zu gelangen. Der Film erweist sich, wie auch die Psychoanalyse, als eine »Religion für Atheisten« (Alain de Botton), indem beide Sehnsüchte, Verletzungen, Hoffnungen auf Heilung aufnehmen, bearbeiten und eine Lösung zeigen. Wie dies in den unterschiedlichsten Filmen geschieht, das zeigen die Autorinnen und Autoren dieses Buches, dessen Lektüre auch für Theologinnen und Theologen erhellend sein kann.

Inge Kirsner

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