Rezension zu Der Besen, mit dem die Hexe fliegt

e-Journal Philosophie der Psychologie, Nr. 18 Juni 2013

Rezension von Charlotte Annerl

Günter Gödde, Michael B. Buchholz (Hg.):Der Besen, mit dem die Hexe
fliegt. Wissenschaft und Therapeutik des Unbewussten

Auf einem beeindruckenden Raum von 1354 Seiten wird der Versuch unternommen, über eine rein »binnenorientierte«, also im Rahmen der Psychoanalyse verbleibende Darstellung des Freudschen Konzepts des Unbewussten hinauszugehen. Die Herausgeber suchen also gemeinsam mit renommierten Autorinnen und Autoren die Auseinandersetzung mit angrenzenden Disziplinen. Und der Kreis der dafür infrage kommenden Wissenstraditionen ist groß, was mit dem uneinheitlichen und vielschichtigen Ansatz der Psychoanalyse selbst zusammenhängt, der sich einer komplexen Entstehungsgeschichte verdankt. Das die zweibändige Anthologie wie ein Leitmotiv durchziehende Bild der Hexe, die sich dank eines verzauberten Besens kühn in die Lüfte erhebt, dient dabei als Metapher für das Zusammenspiel divergierender Wissensdiskurse und therapeutischer Fertigkeiten sowohl auf der Ebene der Theorie als auch auf der Ebene der Praxis, ein Zusammenspiel, für das
auch der Terminus »Komplementarität« gewählt wurde. Eine derartige Komplementarität erfordere, so die Herausgeber in ihrem Vorwort »Hexen und Besen und was sie fliegen macht« (Bd. 1, S. 9–40), eine »Meisterschaft«, die über schematisch anwendbare Fertigkeiten von technischen Experten oder Expertinnen hinausgeht: »Wer Psychotherapie handhaben will und den Besen der Manuale
anwendet, dem könnte es wie dem Zauberlehrling ergehen – er wird die Geister nicht mehr los, die er rief. Ein Besen ohne den Meister taugt nur zum Reinemachen.« (a.a.O., S. 13) Die Herausgeber verweisen auf Freud, um die geistig-intellektuelle Bedeutung dieser Metapher zu charakterisieren: Sie belegen, »dass Freud mit der Hexe‹ eine bestimmte Denkweise meinte«, die er als »Phantasieren« charakterisiert, als »metapsychologisches Spekulieren und Theoretisieren« (a.a.O.,
S.17).
Freud bekennt die Unumgänglichkeit solcher »hexischer« Denkstile ein, als er das Idealbild einer harmonischen »dauernden Erledigung eines Triebanspruchs« entwirft, sodass »der Trieb ganz in die Harmonie des Ichs aufgenommen, allen Beeinflussungen durch die anderen Strebungen im Ich zugänglich ist, nicht mehr seine eigenen Wege zur Befriedigung geht« (ebd.). Dies theoretisch nachzuvollziehen sowie praktisch zu fördern verlange »Metapsychologie«. Der Terminus einer »Wissenschaft der Komplementarität« weist so nicht nur auf ein erst zu entwickelndes Projekt hin, er hat nicht allein eine programmatische Bedeutung. Vielmehr wird der Nachweis versucht, dass die Psychoanalyse in besonderem Ausmaß als Beispiel einer solchen Wissenschaft anzusprechen ist. Dass die Psychoanalyse bereits eine vielversprechende Verbindung von Praxis und Wissenschaft, aber auch von Geistes- und Naturwissenschaft darstelle, wird in
mehrfacher Hinsicht gezeigt. Ebenso wird auch nach Anregungen gesucht, diese Verbindung durch die Auseinandersetzung mit vergangenen und gegenwärtigen Theoriemodellen zu vertiefen und zu »professionalisieren«.

• Dies geschieht erstens in einer diachron-geschichtlichen Perspektive durch den Verweis auf das breite Spektrum an Disziplinen und Wissensformen, aus denen sich die Psychoanalyse herausentwickelt hat.
Dabei versucht eine Reihe der Beitragenden, einem auffälligen und folgenschweren Paradox in Freuds methodischem Selbstverständnis auf den Grund zu gehen: Freud sagte sich einerseits nicht nur von religiösen, sondern auch von »philosophischen Weltanschauungen« los und deklarierte sich als engagierter Verfechter einer wissenschaftlichen Weltanschauung, die er in seiner Metapsychologie darzulegen versuchte. Andererseits distanzierte er sich aber auch von den Standards der sich allein als wissenschaftlich empfindenden Bewusstseins-Psychologie seiner Zeit,
die sich selbst gerade erst von der Philosophie abgekoppelt hatte. Dieses Bild, so verdeutlicht die weitere Lektüre, stimmt jedoch weder in Bezug auf die Philosophie noch in Bezug auf die Wissenschaften.
So weist etwa Günter Gödde in seinem Beitrag »Warum es so wichtig ist, dass Freud eine eigene Philosophie entwickelt hat« (Bd. 2, S. 157–199) nach, dass die dezidierte Abwendung Freuds von philosophischer »Spekulation« nicht ohne Ambivalenz sei. Einerseits lebte Freud »in einer Epoche, in der Philosophie und Wissenschaft auseinanderdrifteten und sich die wissenschaftliche Psychologie von der Philosophie loslöste« (a.a.O., S. 157). Andererseits ist die auch von Freud eingenommene Gleichsetzung der Philosophie mit Spekulation und Intuition zu ungenau, gab es doch in jener Epoche auch eine innerphilosophische Kritik an der Metaphysik. Gödde bietet interessante Belege für die oft uneingestandene Faszination Freuds für die Philosophie und zeigt Verbindungslinien zwischen Freuds Konzept des Unbewussten und der »philosophischen Tradition des Unbewussten« auf, einer Tradition, die etwa von Nietzsche und Schopenhauer geprägt wurde.
Diese fast schon verheimlichte Nähe zur Philosophie zeige sich auch an der weiteren
Wirkungsgeschichte: Denn es ist nicht zu übersehen, dass Freud in der Gegenwart wesentlich stärker von Philosophen als von Vertretern der empirischen Psychologie aufgenommen, interpretiert und weiterentwickelt wird.
Nicht nur Freuds Verhältnis zur Philosophie, auch jenes zur Naturwissenschaft ist komplexer, als der erste Anschein nahelegt: Denn es ist nicht nur die Naturwissenschaft in ihrer klassischen empiristisch-mechanistischen Tradition, von der sich Freud angezogen fühlte: Eine »in den Hintergrund geratene oder auch zum größten Teil verdrängte Seite der Freud/'schen Psychoanalyse« rückt Werner Pohlmann in »›Die lebendige Natur als phantastische Wirklichkeit‹ Goethe – Johann
Müller – Darwin – Dilthey – Freud« (Bd. 1, S. 515-544) in den Blick: Es handelt sich dabei um einen Typus von Wissenschaftlichkeit, der sich von dem Vorbild der Newtonschen Mechanik abzuheben versucht und für den Begriffe wie Entwicklung, Werden, Gestalt, Sinn, Zusammenhang, Ähnlichkeiten und Metamorphose eine entscheidende Rolle spielen, Leitbilder, die sich in einem überhöhten Begriff des Lebens vereinigen. Es sind Goethe, der Physiologe Johannes Müller, Charles Darwin und Wilhelm Dilthey, die jenen neuen Typus von Wissenschaftlichkeit beeinflussten, den Freud in Auseinandersetzung mit den Symptomen der Hysterie und in der Deutung von Träumen entwickelte. Die Quellenlage dazu sei freilich schwierig, denn Freud vernichtete seine frühen wissenschaftlichen Aufzeichnungen und leitete seine Arbeiten kaum von anderen wissenschaftlichen Autoren seiner Zeit her: »Die unsichere Quellenlage erlaubt also nur vorsichtige Interpretationen« (a.a.O., S. 515), bekennt Pohlmann ein.
Dargestellt wird aber auch die für Freud ebenfalls richtungsweisende Bedeutung der
»biophysikalischen Bewegung« innerhalb der Medizin, die an das Mitte des 19. Jahrhunderts sich durchsetzende Konzept der »Forschungswissenschaft« anknüpft, die unpersönlich, wiederholbare methodische Verfahren fordert.
Einen Übergang in der Trennungsgeschichte zwischen Philosophie und Psychologie bildet Wilhelm Wundt, dem Jochen Fahrenberg in »Wilhelm Wundt erneut gelesen. Psychologie als ›empirische Wissenschaft‹« (Bd. 1, S. 203-242) eine Würdigung widmet, die verbreitete verkürzende Sichtweisen differenziert.

• Zweitens ist es der Vergleich mit angrenzenden Einzelwissenschaften sowie mit kritischrelativierenden Wissenschaftstheorien der Gegenwart, der den Erfolg des Sonderwegs der Psychoanalyse als »Wissenschaft der Komplementarität« belegen, aber auch zu dessen Verbesserung anregen soll. Neben den interessanten Neubewertungen der kulturellen und wissenschaftlichen Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse stellt so die Konfrontation mit aktuellen, einen wissenschaftlichen Anspruch erhebenden Konkurrenzmodellen des Psychischen ein weiteres Schwerpunktthema dar. Dies sind einerseits die Gehirnforschung und andererseits die empirische Psychologie mit ihrem Nachdruck auf intersubjektiv überprüfbaren Experimenten. Tatsächlich sind ja die Ablehnung empirisch bewährter Methoden wie des Experiments und der kontrollierten Beobachtung und die Favorisierung der psychoanalytischen Situation ein ständiger Stein des Anstoßes bei der Bewertung der Psychoanalyse als »Wissenschaft«.
Über das Eingehen auf konkrete Fachdisziplinen hinaus werden auch allgemeine relativierende Auffassungen von Wissenschaftlichkeit aufgegriffen und Parallelen zur methodisch-begrifflichen Eigentümlichkeit der Psychoanalyse gezogen. Johann August Schülein hebt in seinem Beitrag »Warum es Psychoanalyse in der Wissensordnung nicht leicht hat. Erkenntnis- und institutionentheoretische Überlegungen« (Bd. 2, S. 529-562) die Dringlichkeit einer solchen Auseinandersetzung hervor, indem er ein »nachhaltig gestörtes Verhältnis« zwischen Erkenntnistheorie und Psychoanalyse diagnostiziert: »Unübersehbar ist, dass beide ausgesprochen binnenorientiert operieren. Der Effekt: Die innerpsychoanalytischen Selbstinterpretationen werden von Erkenntnistheoretikern wenig bis gar nicht zur Kenntnis genommen, während innerhalb der Psychoanalyse die Tendenz besteht, die epistemologischen Befunde nur selektiv in ihre Arbeit einzubeziehen.« (a.a.O., S. 529) Schülein fordert zu einer erkenntnistheoretischen »Professionalisierung« auf, die den komplexen, ja instabilen Theorietyp der Psychoanalyse jedoch als unverzichtbar anerkennt. Diese Tendenz habe auch bereits eingesetzt: »Bestimmte
Professionalisierungsschritte sind bereits (nicht zuletzt durch verstärkten Umweltdruck) in Gang gekommen.« (a.a.O., S. 554)
Einen anderen Weg der Konfrontation der Psychoanalyse mit modernen Standards von Wissenschaftlichkeit und Wissenschaftskritik wählt Wolfgang Mertens in »Freuds
naturwissenschaftliche Orientierung aus heutiger Sicht. Ein fiktives Interview« (Bd. 1, S. 487-514): Er kleidet die Auseinandersetzung in die Form eines imaginierten Gesprächs mit Freud, bei der dieser – nicht unerwartet – souverän zu argumentieren und zu parieren vermag. Mertens überbringt Freud sodann die erfreuliche Botschaft: »Ich möchte unser Gespräch nicht beenden, ohne Sie darauf aufmerksam zu machen, dass zeitgenössische wissenschaftstheoretische Überlegungen erstaunlicherweise einen Großteil Ihrer damaligen Auffassungen bestätigen.« (a.a.O.,
S. 509)

• Drittens wird auch auf die besondere Art der Verbindung von Theorie und Praxis verwiesen, die die Psychoanalyse als »Wissenschaft der Komplementarität« auszeichnet. Interessante Einblicke ermöglicht in diesem Zusammenhang der Umstand, dass sowohl die Herausgeber als auch ein Gutteil der Autoren und Autorinnen praktizierende Analytiker sind. Sie legen eindrucksvoll dar, dass in der psychoanalytischen Situation mit ihren Kernpunkten der freischwebenden Aufmerksamkeit und dem unberechenbaren Zusammenspiel aus Übertragung und Gegenübertragung das Verhältnis von Praxis und Theorie nicht das einer gradlinigen Anwendung ist: »Bis zum heutigen Tag ist die klinische Praxis nicht logisch ableitbar von den diversen psychoanalytischen Theorien, obwohl sich nicht wenige Psychoanalytiker dies sehnlichst wünschen würden.« (Wolfgang Mertens, a.a.O., S.
498). So stellt Günter Gödde in »Offene Fragen in der Wissenschaft vom Unbewussten und ihre Beziehung zur Therapeutik« (Bd. 1, S. 57-88) den Versuch in Frage, die Psychoanalyse an dem klassischen Begriffspaar von Theorie und Praxis zu erläutern, und schlägt stattdessen ein Modell vor, das von einer Verbindung von wissenschaftlichem Wissen, Alltagswissen und professionellem Können ausgeht und den Anteil der Persönlichkeit des Therapeuten mit thematisiert.

Und wie lautet nun das Fazit dieses Versuchs einer Neuverortung der Psychoanalyse im komplexen Feld der modernen und historischen Wissensformen? In welche Richtung könnte oder sollte sich die Psychoanalyse und ihr zentrales Konzept des Unbewussten weiterentwickeln?
Als Eckpunkte eines solchen revidierten Modells des Unbewussten werden Begriffe wie »Anthropologie« und »Menschenbild« ins Spiel gebracht. Eine »Auseinandersetzung mit den wichtigsten Paradigmata der Anthropologie« fordert in diesem Zusammenhang etwa Christoph Wulf, um daraus eine «historisch-kulturelle Anthropologie« zu entwickeln (Bd. 2, S. 317-334). Wegweisend ist auch der Beitrag »Plädoyer für eine interdisziplinäre Anthropologie auf empirischer Basis« (Bd. 2, S. 279-316) von Jochen Fahrenberg, der dem vor allem im deutschen Sprachraum
bestehenden »schwierigen Verhältnis von Philosophischer Anthropologie und Psychologischer Anthropologie« nachgeht. Auffallend sei die geringe Aufmerksamkeit, die Philosophische Anthropologie innerhalb der gegenwärtigen akademischen Philosophie findet, als deren Hauptvertreter neben Immanuel Kant und Wundt das »Dreigestirn« Max Scheler, Helmut Plessner und Arnold Gehlen zählen.
Eine Reflexion des von Therapeuten vorausgesetzten »Menschenbildes« versucht etwa Hans-Jürgen Wirth in Bezug auf die »latente Anthropologie« Freuds, Otto Ranks, Melanie Kleins und Heinz Hartmanns (Bd. 2, S. 279-316).

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Beiträge der beiden Bände die Perspektive einer reinen Innenschau und somit die der Psychoanalyse oft zum Vorwurf gemachte theoretische »Selbstgenügsamkeit« durchbrechen. Sie bieten einen Blick nach außen, auf die Vorläufer und Anreger, aber auch auf gegenwärtige Tendenzen in angrenzenden Disziplinen und in allgemeinen erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Diskursen, sei es im Bereich der Natur- als auch der
Sozialwissenschaften. Gleichwohl ist zu betonen, dass es sich bei den vorgestellten Analysen weniger um einen externen, skeptischen Blick auf das Modell des Unbewussten handelt, es wird also eher nach Erweiterung und Selbstvergewisserung als nach Defiziten und Problemen Ausschau gehalten. Die unternommenen Konfrontationen sind somit »Heimspiele«, und daher erstaunt es nicht, dass dabei die Psychoanalyse zumeist die besseren Karten auf den Tisch zu legen vermag.


Günter Gödde, Michael B. Buchholz (Hg.) Der Besen, mit dem die Hexe fliegt.
Wissenschaft und Therapeutik des Unbewussten. Band 1: Psychologie als Wissenschaft der Komplementarität Band 2: Konversation und Resonanz in der Psychotherapie
Insgesamt ca. 1500 Seiten. ISBN 978-3-8379-2185-4 (Paket) Buchreihe: Bibliothek der Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag, Gießen 2012.

Herausgeber
Günter Gödde, Dr. phil., Dipl.-Psych., ist psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis, Dozent, Supervisor, Lehrtherapeut und Leiter des Schwerpunkts Tiefenpsychologie an der Berliner Akademie für Psychotherapie sowie Ausbilder an der Psychologischen Hochschule Berlin.

Michael B. Buchholz, Prof. Dr. phil. Dr. disc. pol., ist außerplanmäßiger Professor am Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Göttingen und Professor der International Psychoanalytic University Berlin. In privater Praxis ist er als Psychoanalytiker tätig. Lehranalytiker der DPG und DGPT.


www.jp.philo.at

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