Rezension zu Seelenmord und Psychiatrie

Dynamische Psychatrie 1/2006 No.216

Rezension von Rolf Schmidts

Der ›neue LOTHANE‹, so die Ankündigung der Übersetzung und Neubearbeitung der amerikanischen Ausgabe von 1992, redigiert durch Werner FELBER (Dresden) und Hartmut RAGUSE (Basel), arbeitet bis ins einzelne gehend die Entwicklungs-, Lebens- und Leidensgeschichte des nachmals auch durch FREUDS Paranoiaarbeit: ›Psychoanalytische Bemerkungen über einen autobiografisch beschriebenen Fall von Paranoia (dementia paranoides)‹ berühmt gewordenen Patienten und Autors, der ›Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken‹ Daniel Paul SCHREBER aus einem umfangreichen eigenen und fremden Material heraus. LOTHANE entwirft so ein höchst komplexes Bild des Senatspräsidenten beim königlichen Oberlandesgericht Dresden, das gegen die übliche Literatur voller willkürlicher Interpretationen seiner Person und verleumderischer Falschbehauptungen über ihn, sein Leben und seinen angeblich sadistischen Erziehungspraktiken zuneigenden Vater Moritz SCHREBER, der als Arzt, wissenschaftlicher Entdecker und Erfinder der nach ihm benannten SCHREBERgärten ebenfalls berühmt wurde, wohltuend absticht. Als massivste Form solcher Verleumdungen muss wohl in der Folge von CANETTIS SCHREBERrezension die unglaubliche Behauptung gelten, SCHREBER habe Ähnlichkeit mit HITLER, sein Vater sei als geistiger Vorläufer des Nationalsozialismus anzusehen. Gerade gegen eine solche Trivialisierung in historischen Ausmaßen, gegen die Etikettierung unter missbräuchlicher Nutzung einer psychiatrischen diagnostischen Kategorie wie z. B. der Paranoia und gegen die gesellschaftliche Verharmlosung einer dementsprechenden Sündenbockdynamik richtet sich das Buch.

Als außerordentlicher Professor für Psychiatrie an der Mount Sinai School of Medicine, Ehrenmitglied der American Psychiatric Association, sowie Mitglied der American Psychoanalytic Association vertilgt LOTHANE über weitgestreute wissenschaftliche Beziehungen, eine ungewöhnliche Fachkompetenz und praktische Erfahrung, sowie eine sorgfältige Methodik auf psychotherapeutischem und psychoanalytischem Gebiet. Seine fundierte, insbesondere auch philosophische und literarische Bildung, seine therapeutische Leidenschaft für gesellschaftlich stigmatisierte Menschen, seine tiefgehenden medizinhistorischen und psychiatriegeschichtlichen Kenntnisse und ausgiebigen kulturhistorischen Erfahrungen prädestinieren ihn für die selbst heute, lange nach dem Tode aller Beteiligten, noch hochwichtige Aufgabe einer späten Rehabilitierung eines alle einschlägigen Fragen psychopathologischer, diagnostischer, therapeutisch ethischer, rechtlicher und praktischer Art in sich vereinigenden Kranken, dessen Verteidigungsschrift vor Gericht, die o. g. ›Denkwürdigkeiten‹ schließlich seine Freiheit siegreich gegen eine humanistisch fragwürdige Gerichtspsychiatrie erkämpfte.

Das Oberlandesgericht in Dresden hob gegen die Verwahr- und forensische Psychiatrie und die damit zusammenhängende, damals moderne ›Hirnmythologie‹ NISSLscher Prägung die Entmündigung SCHREBERS auf und eröffnete damit einen hermeneutischen Verstehenskontext mit weitreichenden anthropologischen Konsequenzen für die Sicht psychiatrischer Krankheiten und des kranken Menschen überhaupt, wie insbesondere auch der Therapie. Während ein Teil der Fachvertreter, z. B. der in diesem Zusammenhang für SCHREBER bedeutsame forensische Gutachter Guido WEBER, der ähnlich wie der vorbehandelnde Arzt und Lehrstuhlinhaber an der psychiatrischen Universitätsklinik in Leipzig Paul FLECHSIG, vergleichbar mit den Somatikern vorangegangener Zeiten, und im Kampfe gegen die sog. Psychiker an den organischen Ursprung der sogenannten endogenen Psychosen glaubte, und deshalb Reglement und Polizei als wirksame Instrumente für den Umgang mit auffälligen und ungewöhnlichen Menschen ansah, entwickelte sich über das Statische einer solchen Krankheitslehre hinaus zunächst das ›statische Verstehen‹ einer von Karl JASPERS erarbeiteten phänomenologischen Psychopathologie und in Auseinandersetzung mit dem KRAEPELINschen Konzept der Dementia praecox eine dynamische Sicht in der Züricher Schule Eugen BLEULERs, die von FREUDschen Lehren und seiner Vorstellung der Sinnhaftigkeit von Symptomen angeregt die affektiven Seiten der Paranaoia erneut aufgriffen und eine interpersonell vermittelte Dimension für den inneren Verständniszusammenhang namhaft machten.

Ein so kritisches Thema wie die Paranoia verführt deshalb schnell zu Missverständnissen. Vorsorglich führt LOTHANE solche Missverständnisse seines Buches an. Er betont ausdrücklich im Zusammenhang mit der von ihm kritisch gesehenen FREUDschen These von der Entstehung der Paranoia aus abgewehrten homosexuellen Impulsen, dass er zwar nicht mit FREUD kritiklos übereinstimme, aber auch nicht das Anliegen habe ein ›Anti-FREUD-Buch‹ zu schreiben. Ebenso wenig vertrete er einen philosophischen Idealismus mit anti-psychiatrischen Tendenzen. Er sei überhaupt »nicht ›anti‹ irgendetwas«. Sein Anliegen sei vielmehr ein Anliegen ›pro SCHREBER‹, also von der ethischen Grundentscheidung für den Patienten getragen. Um aber möglichen Missverständnissen vorzubeugen empfiehlt er eine gewissermaßen analytische Methode, nämlich zunächst zu fragen, sodann empathisch zu verstehen, was die Antwort auf dem Hintergrund des Selbstverständnisses des anderen bedeuten könne, und ihn erneut zu fragen, um auf diese Weise entgegen der Gepflogenheiten vieler Therapeuten wirklich zuzuhören.

›Seelenmord und Psychiatrie‹ ist daher ein Buch, das die Frage nach der Wahrheit von Psychiatrie / Psychotherapie stellt. Es ist ein Buch, das getreulich wie ein Historiker wiedergibt, was und wie es einstmals war, welcher Diskurs eine Frage leitend vorantrieb, wie ein Konzept im Dialog eine gültige Formulierung fand und zu weiteren Lösungen trieb; es ist also eine sowohl gruppendynamisch wie biographisch lehrreiche Darstellung der Psychiatrie, Psychoanalyse und Psychotherapie, die systematische Ansätze dynamisch integriert und auf diese Weise eine Weiterentwicklung fordert.

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