Rezension zu Einführung in die analytische Körperpsychotherapie

Eppendorfer – Zeitung für Psychiatrie, 9/2013

Rezension von Verena Liebers

Therapie mit Leib und Seele

Bei der Körperpsychoanalyse geht es mehr darum, etwas (zu) zu lassen als etwas Konkretes zu machen

Man muss nicht über alles reden. Das gilt mittlerweile auch für die Psychoanalyse, die klassischerweise über den verbalen Dialog von Patient und Therapeut erfolgt. In den letzten 15 Jahren hat sich in Deutschland eine analytische Richung entwickelt, die nicht nur mittels »Redekur«, sondern auch via Körpersprache Unbewusstes entschlüsselt. Das ist die logische Folge einer ganzheitlichen Sicht auf den Menschen. Wir sind nicht nur Kopf, Verstand und Gehirn, sondern auch mit Leib und Seele auf der Welt.

Die Psychoanalytiker Peter Geißler und Günter Heisterkamp erläutern differenziert die Grundlagen und die geschichtliche Entwicklung der analytischen Körperpsychoanalyse. Sie machen deutlich, dass es in dieser Therapieform mehr darum geht, etwas (zu) zu lassen, als etwas Konkretes zu machen. Statt spezielle Übungen anzubieten oder festen Regeln zu folgen, vertrauen Patient und Therapeut auf den fließenden Dialog. Ob dieser in Wort- oder Körpersprache geführt wird, hängt von der Situation und den Beteiligten ab.

Da es nur wenige verbindliche Strukturen gibt, sind für die Therapeuten eine gute Ausbildung, Selbsterfahrung und Supervision unabdingbar. Dort wo sich große Möglichkeiten auftun, bestehen auch entsprechende Risiken. Die Aufgaben des Analytikers sind hochkomplex, da er sich nicht nur auf die verbalen, sondern auch auf die körperlichen Lebensbewegungen des Patienten konzentrieren muss. Im Mitschwingen und Spüren der eigenen Resonanz kann der Therapeut dem Patienten helfen, dessen Symbolik zu entschlüsseln. Das richtige Maß von Nähe und Distanz zu finden, bleibt dabei eine beständige Herausforderung.

In sieben Kapiteln schildern erfahrene Therapeuten die Anwendung der Körperpsychoanalyse in ihrer Praxis. Vor allem anhand der Fallbeispiele wird anschaulich, welche Möglichkeiten sich durch den Blick auf die Körpersymbolik ergeben. Dass die Arbeit mit Kleinkindern nicht über einen verbalen Dialog laufen kann, ist einleuchtend. Aber Jutta Westram zeigt darüber hinaus, dass die Behandlung von Kindern auch das erwachsene Umfeld mit einbeziehen muss und körperliche Handlungen eine wichtige Rolle spielen.

Thomas Reinert geht auf die spezielle Problematik von Borderline-Patienten ein. Menschen, die ihren Körper schon früh als Schauplatz traumatischer Ereignisse erfahren haben, sind zum verbalen Ausdruck oft genauso wenig fähig wie Kinder. Erst wenn Mimik und Gestik als Teil des Gesprächs verstanden werden, haben sie eine Chance, sich ihren unverstandenen Problemen zu nähern.

Alle Autoren machen deutlich, dass es für die Körperpsychoanalyse keiner heftigen Berührungen oder Bewegungen bedarf. Vielmehr geht es darum, Haltungen, spontane Gesten und die Position im Raum als wichtige Ausdrucksmittel zu verstehen. Welchen Arbeitsweg der Behandler einschlägt, bleibt mehr als in anderen Therapieformen eine individuelle Entscheidung. Darin sehen Geißler und Heisterkamp aber keine Schwäche, sondern eine Stärke dieser Arbeit, schließlich gleicht auch kein Genesungsweg letztlich dem anderen.

Anhand ihrer differenzierten Darstellung zeigen die Autoren, dass es jenseits diagnostischer Schubladen feinfühlige Handlungsmöglichkeiten gibt, die nicht willkürlich, sondern aus einem breiten theoretischen Hintergrund heraus zu entwickeln sind.

Obwohl sich das Buch in erster Linie an Fachleute richtet, können auch Laien davon profitieren, sofern sie sich mit der weitgehend sperrigen Fachsprache arrangieren. Die differenzierte Darstellung aller Autoren gibt einen spannenden Einblick in die vielfältigen Möglichkeiten menschlicher Begegnung und in die komplexen Abläufe, die eine analytische Therapie von einem gewöhnlichen Gespräch unterscheiden.

Verena Liebers

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