Rezension zu Patient Scheidungsfamilie

Blickpunkt EFL-Beratung, Nr. 31, Oktober 2013

Rezension von Renate Oetker-Funk

Helmuth Figdor: Patient Scheidungsfamilie. Ein Ratgeber für professionelle Helfer

RENATE OETKER-FUNK

Beratungsstellen werden immer häufiger von Eltern bzw. Familien in Trennungs- und Scheidungssituationen aufgesucht. Viele Mütter und Väter kommen »freiwillig«, andere über Vermittlung durch den Allgemeinen Sozialen Dienst oder in der »gerichtsnahen Beratung« über das Familiengericht. Die meisten Eltern haben gute Vorsätze: sie möchten ihren Kindern so wenig wie möglich schaden, sie wissen, dass Kinder zu beiden Elternteilen Kontakt brauchen, sie versuchen ihnen zu vermitteln, dass Vater und Mutter sie trotz ihrer Trennung als Paar weiterhin lieben. Im Strudel der Trennungsdynamik werden die guten Absichten jedoch sehr häufig auf harte Zerreißproben gestellt. In den Loslösungsprozessen der Eltern geraten die Bedürfnisse der Kinder nach bleibender (Ver-) Bindung zu Mutter und Vater leicht aus dem Blick; ihr Verhalten und ihre Gefühlsäußerungen werden von den Eltern missverstanden oder gar zur Munition im Scheidungskampf missbraucht. BeraterInnen fühlen sich in die Rolle von Schiedsrichtern gedrängt, werden Zeugen von gegenseitiger Entwertung, von Haß und Anfeindungen, und müssen nicht selten ohnmächtig miterleben, wie die Kinder trotz der ursprünglichen Vorsätze der Eltern zwischen die Fronten geraten.

Seit fast 30 Jahren arbeitet und forscht Dr. Helmuth Figdor als Familienberater und analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, als Universitätsdozent und als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Psychoanalytische Pädagogik (http://www.app-wien.at) in Wien im Themenkomplex, wie Kinder die Trennung bzw. Scheidung ihrer Eltern erleben und verarbeiten – und wie professionelle Helfer sie und ihre Eltern dabei unterstützen können.

Bekannt geworden ist Figdor durch seine beiden »Klassiker«: Kinder aus geschiedenen Ehen: Zwischen Trauma und Hoffnung. Mainz: Grünewald (1991); Gießen (Psychosozial-Verlag) 9. Auflage 2012 und: Scheidungskinder. Wege der Hilfe (1997). Gießen (Psychosozial-Verlag), 6. Auflage 2007.

In seinem neuen Sammelband »Patient Scheidungsfamilie« hat der bekannte Autor und gefragte Redner insgesamt 15 Aufsätze und Vorträge zusammengestellt, in denen er sich sehr differenziert mit einzelnen Aspekten des Themas auseinandersetzt. Die Titel der Beiträge sind ebenso grundsätzlich wie praxisnah: »Die entwicklungspsychologische Bedeutung der Triade – oder: Wozu brauchen Kinder Väter?« – »Ich will nicht zum Papa! – Über Gründe für die Kontaktverweigerung durch Kinder« – »Kann man Scheidungskinder überhaupt therapieren?« – »Scheidungs- und Trennungsberatung – grundsätzliche Überlegungen aus psychoanalytisch-pädagogischer Sicht« – »Zwangsweise Umsetzung von Umgangs- bzw. Besuchskontakten aus der Sicht des Kindes« – »›Doppelresidenz‹ versus ›Heim erster Ordnung‹: Gibt es für den Aufenthalt des Kindes einen idealen Verteilungsschlüssel?« – so lauten einige Überschriften.

Wer das Glück hatte, Helmuth Figdor als Vortragsredner oder Leiter von workshops erlebt zu haben, weiß, wie erfahrungsreich, engagiert und zugleich theoretisch begründet er seine »Botschaften« vermittelt. So auch in diesem Buch.

Figdor belässt es nicht bei Appellen, was Kinder von ihren Eltern brauchen. Er hilft, zu verstehen, welche Affekte und innere Strebungen Kindern und Eltern zu schaffen machen und dazu führen, dass sie sich »vernünftigem« Verhalten widersetzen. Und, für BeraterInnen besonders wertvoll, er gibt konkrete Beispiele, wie professionelle Helfer zerstrittenen Eltern durch eine strukturierte Gesprächsführung und zugleich durch ein hohes Maß an Empathie Erkenntnisse über die seelische Verfassung ihrer Kinder vermitteln können, die die Eltern auch annehmen können. Figdor zeigt anhand von Beratungssequenzen, wie er diesen Anspruch umsetzt: So zum Beispiel in zwei lebendigen Fallgeschichten: »Welcher Art müssen Erkenntnisprozesse sein, um elterliche Haltungen und Handlungen im Dienste der Entwicklung der Kinder zu verändern, wenn diese Haltungen und Handlungen durch mächtige Leidenschaften und Interessen motiviert sind?« (S. 154–169)

Im Kapitel: »Die gelungene Scheidung/Trennung: Worauf muss man bei der Trennung und Scheidung besonders achten?« (S. 53–67) gibt Figdor 18 konkrete Empfehlungen und Hinweise – darüber hinaus beleuchtet er auch die emotionalen inneren Widerstände der Eltern, die dazu führen, dass sie ihren Kindern trotz bester Vorsätze nicht gerecht werden.

Er bringt das Dilemma auf den Punkt: »Um eine Scheidung gut verarbeiten zu können, würden Kinder Eltern benötigen, die nach der Trennung so einfühlsam, geduldig, ausgeglichen, optimistisch und zuwendend sind, wie sie es im bisherigen Leben (die ersten Lebensmonate ausgenommen) nie sein mussten. Zur selben Zeit jedoch befinden sich auch die meisten Eltern in einer so schwierigen psychischen Situation, dass sie Kinder brauchen würden, die so ruhig, anspruchslos, loyal, seelisch gefestigt, vernünftig und selbständig sind, wie sie bisher noch nie sein mussten.« (S. 66)

Figdor scheut sich nicht, pointiert Stellung zu beziehen: Zum Beispiel zur Frage, ob alternative Familienformen, also eine Alleinerziehenden-, Patchwork-, Stief- oder Großfamilie, die Kernfamilie ersetzen können. Seine Antwort: Ja – wenn es für die psychosoziale Entwicklung des Kindes kein »strukturelles Defizit« gibt, wenn also »die für eine gesunde Entwicklung unumgänglichen inneren Triangulierungsmöglichkeiten gewahrt bleiben oder neue geschaffen werden« (S. 48). Dazu gehört laut Figdor: Intensität und Kontinuität einer Triade, die Erfahrung, periodisch auch Ausgeschlossenheit zu erleben, und schließlich: »Zumindest eine für das Kind bedeutsame Triade muss ein weibliches und ein männliches Objekt umfassen.« (S. 48)

Figdor anerkennt, dass die Trennung der Eltern und eine neue Familiengründung für alle Beteiligten eine Chance sein kann. Jedoch nur, »wenn die neue Familie nicht verleugnet, ihr Entstehen einer Zerstörung zu verdanken (…) Nur wenn die Erwachsenen, die mit ihrer Familiengründung die Zukunft im Auge haben, bereit sind, das Kind bei seinem schmerzenden Blick in die verlorene Vergangenheit zu begleiten (...) wird es gelingen, dass die neue Lebensform auch für das Kind zur Familie wird.« (S. 50)

Figdor misst der psychologisch-pädagogischen Elternberatung eine entscheidende Rolle für die Bewältigung der Trennungsprozesse und für den Aufbau neuer Formen des Zusammenlebens zu. Deshalb sieht er Mediation nicht als gleichwertige Alternative an:

Als »primäre Maßnahme, die Entwicklungschancen von Kindern nach Trennung oder Scheidung der Eltern zu sichern, ist ... pädagogische Beratung der Eltern anzusehen« (S. 99). Mediation ist seiner Meinung nach kein Ersatz dafür: es braucht pädagogisch-psychologische Fachkompetenz, die auch die angemessene »Aufklärung« der Kinder über sie bedrängende Fragen zur elterlichen Trennung umfasst. Im Kapitel: »Kann man Scheidungskinder überhaupt therapieren?« (S. 91–102) begründet er, dass aus seiner Sicht therapeutische Hilfe für die Kinder eine sehr sinnvolle Ergänzung der Elternarbeit sein kann – jedoch nicht an ihre Stelle tritt. Dreh- und Angelpunkt für eine förderliche Entwicklung bleiben die Eltern.

Gefragt habe ich mich, wie es zum Buchtitel »Patient Scheidungsfamilie« kam. In den Beiträgen wird deutlich, dass es Figdor nicht darum geht, Familien in Trennung und Scheidung als »gestört« oder »krank« zu etikettieren. Aber der Begriff »Patient« weist auf die Schmerzen und das Leid hin, das Trennungen begleitet und nicht bagatellisiert oder normalisiert werden darf – auch wenn die Scheidungsraten steigen.

Figdor zeigt sich auch in diesem Buch als engagierter Vertreter einer psychoanalytischen Pädagogik, der zwei Anliegen wichtig sind: zunächst ein differenziertes psychoanalytisches Verstehen der Tiefendimensionen von seelischem Erleben, von Beziehungserfahrungen und Konflikten. Und als zweites: auf der Grundlage einer hohen Empathie für die Nöte der Eltern ihnen dieses Verständnis in einer einfachen Sprache und am alltäglichen Erleben orientierten Weise zu vermitteln. Und davon profitieren auch die »professionellen Helfer«, an die sich dieses Buch wendet.

zurück zum Titel