Rezension zu Wandel von Liebesbeziehungen und Sexualität

Systhema Heft 1/2013

Rezension von Hans Schindler

Silja Matthiesen (2001). Wandel von Liebesbeziehungen und Sexualität

Auf den ersten 130 Seiten stellt die Autorin verschiedene Überlegungen zu den Veränderungen des Lebens in der Spätmoderne zusammen. Eine wichtige Quelle ist ihr dabei der englische Soziologe Anthony Giddens. Es geht um den Verlust von verlässlichen Traditionen und äußeren Referenzpunkten. Folgen sind Wahl und Gestaltungsmöglichkeiten, auch was das Sexualleben betrifft. Das führt zu einer Pluralisierung von Lebensformen und Lebensverläufen, womit die Sexualität verschränkt ist.

Durchgeführt und ausgewertet wurden 776 standardisierte Interviews mit Männern und Frauen aus den drei Geburtsjahren 1942, 1957 und 1972 aus Hamburg und Leipzig. Außerdem wurden 12 Intensivinterviews mit Menschen aus der Geburtsgruppe 1942 ausgewertet. Aus der großen Vielfalt von Ergebnissen können hier nur einige wenige referiert und am Ende die acht Schlussfolgerungen der Autorin zitiert werden.

Erhoben wurde retrospektiv der unterschiedliche Beziehungsstatus über das gesamte Erwachsenenleben und in vier Kategorien unterteilt: Ehe, nichteheliche Lebensgemeinschaft, Living-apart-together und Single. Mittels Clusteranalysen ergaben sich für die drei Generationen jeweils vier Biografietypen. Im Vergleich über die Generationen zeigt sich eine deutliche Abnahme der ehedominierten hin zu einer Zunahme von »wechselnden Nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften mit Singlephasen«, was auch zu einer deutlichen Zunahme an Sexualpartnern führt. »Immer mehr Menschen leben vor der Ehe, nach der Ehe und anstatt der Ehe längerfristig in nicht konventionellen Beziehungsformen« (S. 205). Diese Veränderung zeigt sich in Abhängigkeit vom Bildungsstand und in Hamburg stärker als in Leipzig.

Auch im Sexualverhalten zeigt sich eine deutliche Pluralisierung. Das bezieht sich jedoch höchst selten auf außergewöhnliche Sexualpraktiken, wie uns die Boulevardpresse gern glauben machen möchte, sondern z. B. auf die Tatsache, dass Masturbation über alle drei Generationen hinweg immer stärker als eigene Sexualität neben oder statt der Partnersexualität angesehen und praktiziert wird.

Die Bedeutung der Treue ändert sich, wenn das Leben statt in Dauerbeziehung eher in einer Serien von unterschiedlichen Beziehungen gelebt wird. Die Autorin fasst ihre Untersuchungsergebnisse in insgesamt acht Thesen zusammen:
1. Vielfalt entsteht durch die Vielfalt von Bedeutungen.
2. Von der Solidarität mit Anderen zur Solidarität mit sich selbst.
3. Diskontinuierliche Partnerschaftsbiografien entstehen nicht aufgrund der Pluralisierung sexueller Verhaltensoptionen.
4. Seriellität und Diskontinuität sind die herausragenden Merkmale der Partnerschaftsbiografien im jungen Erwachsenenalter.
5. Der Trend geht nicht zur Singlegesellschaft, sondern zum Fluktuationssingle.
6. Neue Normalität: Beziehungsqualität wird wichtiger als Dauerhaftigkeit und Stabilität.
7. Spätmoderne Partnerschaftsbiografien durchlaufen drei Phasen: Im jungen Erwachsenenalter dominiert das Ideal der seriellen »reinen Beziehung«; im mittleren Erwachsenenalter und mit dem Übergang zur Elternschaft werden vermehrt Ehen (oder eheähnliche private Lebensarrangements) geschlossen; im hohen Erwachsenenalter verändert sich die Binnenlogik von Beziehungen noch einmal, sie orientiert sich erneut am Ideal der »reinen Beziehung«.
8. Geschlechtergleichheit ist unter den gegenwärtigen Bedingungen vor allem in der Phase des jungen Erwachsenenalters realisiert.
Über diese Aussagen hinaus finden sich in diesem Buch für all jene, die beraterisch oder therapeutisch mit Familien und Paaren arbeiten, wichtige Anregungen, über ihr Klientel neu nachzudenken.

Hans Schindler (Bremen)

zurück zum Titel