Rezension zu Verantwortung der Psychotherapie in der Gesellschaft

WLP-News 4/2012, Zeitschrift des Wiener Landesverbandes für Psychotherapie

Rezension von Dr. Hermann Spielhofer

Soziale und ökonomische Veränderungen gehen nicht spurlos an den Einrichtungen des Gesundheitswesens vorüber. Gerade als Psychotherapeutinnen sind wir in unserer täglichen Praxis mit den Folgen einer Verschärfung der gesellschaftlichen Widersprüche konfrontiert, wie z.B. Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialer Ausgrenzung, prekäre Arbeitsverhältnisse, wachsende Perspektivlosigkeit, zunehmender Stress am Arbeitsplatz.

In seinem inzwischen berühmt gewordenen Buch »Der flexible Mensch« hat der amerikanische Soziologe, Richard Sennett, die Kultur des neuen Kapitalismus beschrieben, in der Mobilität und Flexibilität gefordert wird und die psychische Verfassung der Menschen charakterisiert ist durch eine »frei flottierende Angst«.

Dies führt in zunehmendem Maße zu somatischen und psychischen Belastungen und Erkrankungen. So ist in Österreich die Zahl der Krankenstände wegen psychischer Erkrankungen allein zwischen 2009 und 2010 um 12,3 Prozent gestiegen. Mehr als ein Drittel der Invaliditätspensionen gehen auf das Konto psychischer Diagnosen.

Im vorliegenden Band sind Beiträge des 3. Psychotherapeutlnnentages in Hessen publiziert, der unter dem Titel, »Psychotherapie und gesellschaftliche Verantwortung« abgehalten worden ist. K.G. Zinn, Prof. für Volkswirtschaftslehre, beschreibt in seinem Beitrag, »Das Leiden an der Ökonomie ohne Menschlichkeit – Mythos und Krise«, die ökonomischen Prozesse in der neoliberalen Marktwirtschaft und die Auswirkungen auf die Lebensqualität der Menschen. Obwohl die Finanz- und Wirtschaftkrise und deren Ursachen von Fachleuten seit längerem prognostiziert worden sind, ist es aufgrund verfestigter traditioneller mentaler Einstellungen – auch in der Bevölkerung – bisher nicht möglich gewesen, die bestehenden ökonomischen Strukturen zu verändern. So wird im Gesundheitsbereich ständig von »Eindämmung der Kostenexplosion« oder »Einsparpotentialen« gesprochen ohne jeweils die gesundheitlichen, sozialen und auch die ökonomischen Folgen zu berücksichtigen.

Will D. Reijen weist in seinem Artikel auf die Bedeutung der Menschenbilder für die Praxis der Psychotherapie hin. Er unterscheidet im wesentlichen zwei Paradigmen, die die Vorstellungen vom Menschen bestimmen: zum einen ist es ein naturwissenschaftlich begründetes Menschenbild, das auf Erklärbarkeit und Kontrollierbarkeit des menschlichen Verhaltens abzielt auf der Basis von empirisch-experimentellen Erkenntnissen. Zum anderen ist es das geistes- und kulturwissenschaftliche Menschenbild, in dem es um Sinn und Bedeutung des menschlichen Daseinsvollzugs geht sowie um die Freiheit der Willensentscheidungen – der Autor spricht auch von einem metaphysischen Menschenbild. Anhand der Bereiche der Sprache und der Geschichtlichkeit versucht Reijen die Unterschiedlichkeit darzustellen und auch eine Vermittlung der Ansätze, um die ungelösten Probleme beider Konzepte zu lösen.

Im zweiten Teil des Buches wird über die psychotherapeutische Versorgung in Institutionen berichtet und versucht, Lösungsansätze für die dort bestehenden Mängel anzubieten. Die Situation in psychiatrischen und psychosomatischen Institutionen ist gekennzeichnet durch den Anstieg der Erkrankungen aufgrund verschärfter Lebensbedingungen sowie auch durch die Zunahme älterer Menschen aufgrund der gestiegenen Lebenserwartungen, bei gleichzeitiger Einschränkung der Gesundheits- und Sozialausgaben.

M. Richard und H. Vogel berichten in ihrem Artikel über die Situation in psychosomatischen Einrichtungen in Deutschland, wo nur 10% der Betroffenen eine angemessene Therapie erhalten. Als Ursache sehen die Autoren die mangelnde Vernetzung von ambulanten und stationären Institutionen sowie bürokratische Hürden. Ein wesentlicher Punkt liegt in der mangelnden Ausbildung der niedergelassenen Ärztinnen für Allgemeinmedizin und der damit verbundenen unzureichenden diagnostischen Abklärung psychischer Störungen, was zu Unter- und Fehlversorgung und zur Chronifizierung psychosomatischer Erkrankungen führt.

In einem weiteren Abschnitt werden Beiträge zur zukünftigen Entwicklung der Psychotherapie publiziert, wobei es um den Streit zwischen Vertreterinnen einer Einheitspsychotherapie (etwa im Sinne von Klaus Grawe) einerseits geht und einer schulenspezifischen Differenzierung andererseits. Es wird darauf verwiesen, dass eine Differenzierung nach unterschiedlichen Verfahren eine Weiterentwicklung der Psychotherapie behindert, auf der anderen Seite bietet die jeweilige Schule für den praktizierenden Therapeuten die fachliche Grundlage, mit der er sich identifiziert und die ihm Rückhalt bietet. Aber abgesehen von dieser Auseinendersetzung, so wird in den Diskussionsbeiträgen betont, holt sich jede/r Psychotherapeutin jene Mittel aus dem »Steinbruch« der Methoden, die er/sie in der jeweiligen Therapie für erforderlich hält.

Im letzten Beitrag schreibt Jürgen Hardt über das eigentliche Thema, »Die gesellschaftliche Relevanz der Psychotherapie«, wobei er diese anhand der geschichtlichen Entwicklung aufzeigt. So hatte Freud die Psychoanalyse nicht nur als Heilverfahren gesehen, sondern auch als Kulturtheorie. Die gesellschaftliche Relevanz seiner Wissenschaft vom Menschen zeigt sich u.a. darin, dass die Psychoanalyse in Diktaturen, wie dem Nationalsozialismus und unter Stalin, verboten worden ist. Dagegen wurde sie in der Studentenbewegung der sechziger Jahre als kritische Theorie aufgegriffen, um sich von den Zwängen einer autoritären Gesellschaft zu emanzipieren. Außerdem gab es immer wieder Versuche die Psychoanalyse mit der marxistischen Gesellschaftstheorie zu verbinden.

Da inzwischen die Psychotherapie erfolgreich in das Gesundheitssystem integriert worden ist und es um die Finanzierung durch die Kassen geht, hat sie ihr kritisch-emanzipatorisches Potential weitgehend abgelegt. »Psychotherapie läuft Gefahr«, so J. Hardt, »sich unkritisch in die Gesellschaft einzufügen und zu einem effektiven Reparaturbetrieb gesellschaftlicher Schädigungen zu werden. […] Sie würde dem gesellschaftlichen Auftrag Folge leisten und nur noch Kranke behandeln, im Sinne eines Einpassens in das gesellschaftliche System, und nicht mehr nach dem Sinn von Krankheiten fragen«. Um auch weiterhin der gesellschaftlichen Verantwortung der Psychotherapie nachzukommen, ist es vor allem wichtig, die Kenntnisse über die Folgen der verschärften Lebensbedingungen in den öffentlichen Diskurs einzubringen und insbesondere über die Organisationen der Berufsvertretung krankmachenden gesellschaftlichen Entwicklungen und der Rücknahme von Gesundheits- und Sozialleistungen Widerstand entgegen zu setzen.

Die Beiträge dieses Buches sind sehr unterschiedlich hinsichtlich des Inhalts und auch hinsichtlich der Qualität. Es werden vor allem die Verhältnisse in Deutschland und die Diskussion darüber aufgezeigt. Allerdings sind die Verhältnisse bei uns nicht wesentlich verschieden, sodass es durchaus Anregungen für eine Diskussion über die gesellschaftliche Verantwortung der Psychotherapie in Österreich bietet, die ja aufgrund interner Auseinandersetzungen kaum noch stattfindet.

Dr. Hermann Spielhofer

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