Rezension zu 100 Jahre Totem und Tabu / Totem und Tabu

Gnostika 51, November 2012

Rezension von F.W. Schmitt

Mythos

Eberhard Th. Haas (Hg.): 100 Jahre Totem und Tabu. Freud und die Fundamente der Kultur.

Ein wichtiges und lohnendes Projekt, hundert Jahre nach dem Erscheinen, »Totem und Tabu« auf seinen heutigen Gehalt hin zu prüfen. Die hier versammelten Beiträge tun das ausführlich und nachvollziehbar, oder wie es Mario Erdheim formuliert: »Freuds ›Totem und Tabu‹ gehört zu jenen Büchern, die alt werden müssen, um in ihrer Radikalität erkannt zu werden.« Im Mittelpunkt steht bei Freud das Problem des Opfers und des Rituals. Der Vatermord, vollführt durch eine Urhorde, kann als eine kollektive Erweiterung des Ödipuskomplexes angesehen werden. Der von Kulturwissenschaftlern unterschiedlichster Disziplinen vorgelegte Band thematisiert diesen Gedanken, mit Beiträgen von Elizabeth Bott Spillius, Ulrike Brunotte, Paula Elkisch, Robin Fox, René Girard, Eberhard Th. Haas, Alfred L. Kroeber, Margaret Mead, Wolfgang Palaver, Uwe C. Steiner, Cyril Levitt und Herbert Will. Ihnen gemeinsam ist es, einen großen Bogen über die Einordnung des Buches von Freud bis in die heutige Zeit zu schlagen. Freud sah sein Werk auch als Antwort auf C. G. Jungs »Wandlungen und Symbole der Libido«. Deshalb verwundert es, dass ein Beitrag zu Freuds »Totem und Tabu« in Hinblick auf Jungs »Wandlungen und Symbole der Libido« (1912) fehlt. Herbert Will lediglich weist darauf hin, das hierin Konfliktpotential läge. Ebenfalls spannend wäre es gewesen, Erich Neumanns Ansatz aus seinem Werk »Ursprungsgeschichte des Bewusstseins« (1947) – ein Gegenentwurf zu Freud auf der Basis C. G. Jungs – im Sinne einer Erweiterung des freudschen Ansatzes zu berücksichtigen.

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