Rezension zu Perversion (PDF-E-Book)

Zeitschrift für Sexualforschung. Heft 1, März 2012. 25. Jahrgang

Rezension von Reimut Reiche

Wolfgang Berner. Perversion

Wer heute von Perversion, noch dazu im globalen Singular, spricht, macht in der modernen ICD-10-Welt sogleich sich verdächtig: als freudianischer Ideologe, als essentialistischer Ontologe oder mindestens als alter Knochen. Der nordamerikanische Diagnoseschlüssel (DSM-IV) hat den Begriff der Perversion durch Poraphilie ersetzt, der in der übrigen Welt geltende Diagnoseschlüssel (ICD-10) kennt nur noch Präferenzstörungen. Diese Umbenennungen deklarieren sich selbst als fortschrittlich: die pathologisierende und moralisierende Last des alten Begriffs soll getilgt werden. Zugleich wird damit ein psychodynamisch-strukturelles Denken in Einheitsbegriffen für überholt erklärt. In der Mitte der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts wurde es in den akademischen Diskursen zum Signum der political correctness, von Sexualität nur noch im Plural zu sprechen, von sexualities, homosexualities und so weiter. Auch im Deutschen gibt es seitdem Sexualitäten und Homosexualitäten – und auf keinen Fall mehr Perversion.

In seinen früheren Veröffentlichungen musste der Eindruck entstehen, Wolfgang Berner wolle den psychoanalytischen Einheitsbegriff der Perversion aufgeben und sich dem Trend anschließen, der die vorgeblich wertfreie, rein phänomenologische Beschreibung der beiden Diagnoseschlüssel zum Monopol erklärt. In seiner Monografie zur Perversion macht er nun von Anfang an klar, dass es Äpfel und Birnen gibt: die Außenperspektive von ICD-10 und DSM, die rein aus der dritten Person heraus »objektive Tatbestände« beschreibt – oder dies wenigstens zu tun behauptet, und die Erste-Person-Perspektive der Psychoanalyse (S. 27), deren funktionell-dynamischer Begriff von Krankheit und Gesundheit immer abhängig davon ist, ob und wie sich eine »Störung«, die dann eventuell zur Diagnose Perversion führt, im gemeinsamen therapeutischen Prozess von Analytiker und Analysand erschließt. Hatte Berner in früheren Veröffentlichungen noch versucht, »Paraphilien« als eigenen sexuellen Störungsbereich von den »übrigen« Perversionen definitorisch abzugrenzen, so hat er dieses sinnlose Geschäft jetzt aufgegeben und als das erkannt, was es ist: die historisch andauernde Weg- und Umbenennung des Bösen. Die modernen Diagnoseschlüssel, die ihr Instrumentarium »von allen moralisierenden und anderen einseitigen Wertesystemen so weit wie möglich freihalten« (S.12) wollen, entkommen der Moral von gut und böse ja keineswegs. In der Semantik von »Para-«/Daneben wird schon titelgebend zum Ausdruck gebracht, dass es neben der falschen (para) die richtige Liebe gibt. Und von welcher ungestörten Präferenz soll denn ein ultimativ auftretender Fetischismus die Störung der Präferenz sein? Er ist pure Präferenz; von Störung – gerade in der Außenperspektive – keine Spur. Zwar wollen die modernen Diagnoseschlüssel die alte psychiatrische Folie der Perversion – verfehlte Erregung: eine sexuelle Erregung, die das vermeintlich biologische Ziel der Erregung, Fortpflanzung, verfehlt – durch die demokratische Folie der Beziehungsfähigkeit ersetzen und »stellen ein anderes zentrales Definitionsmerkmal in den Vordergrund, und das ist die Beziehungsfeindlichkeit« (S. 14). Aber diese Folie bleibt blind, wenn nicht der innere Sinn der Beziehungsbedeutung entschlüsselt werden darf. Und diese Entschlüsselung, siehe oben, bedürfte eben der nunmehr offiziell entwerteten Ersten-Person-Perspektive.

In den letzten Jahren sind im psychoanalytischen Diskurs nach generationenlanger Funkstille eine ganze Reihe von Anstrengungen unternommen worden, Perversion neu zu denken. Den meisten dieser Versuche eignet ein gewisser hoch getunter Rigorismus, der das »alte« Konzept der Perversion – triumphalische Leugnung der Kastration – mit den Paradigmen eines besonderen, zeitgenössischen Konzeptes so kompliziert verschraubt, dass ihm nur derjenige noch folgen kann, der das betreffende Konzept internalisiert hat. In der vorliegenden, ebenso übersichtlich gehaltenen wie verständlich geschriebenen Monografie, geht Wolfgang Berner den umgekehrten Weg: Reduktion von Komplexität ohne Preisgabe desjenigen Bestands an Wissen, der sich in den letzten 80 Jahren wirklich angesammelt hat.

Bevor Berner die Summe seines eigenen Forscherlebens in einer »integrierten psychoanalytischen Perversionsdefinition« (S. 29 f.) zusammenfasst, greift er kurz und knapp auf die Konzepte zurück, die vor ihm versucht haben, das strukturell Besondere der Perversion in der Vielfalt ihrer Erscheinungen zu fassen und in einen anschaulichen Begriff zu bringen: Robert Stollers Konzept der massiv traumatisierenden Mutter, die in ihrem Kind Rache-Impulse weckt, die dann ihrerseits sexualisiert werden; Janine Chasseguet Smirgels hierzu gegenläufiges Konzept einer Mutter, die ihr Kind gleichsam zuwenig »traumatisiert«, indem sie in ihm das illusionäre Gefühl nährt, ihr »eigentlicher« Geliebter und also dem Vater überlegen zu sein. Sodann Mervin Glasser, der in seinem Konzept eines perversen Kernkomplexes diese beiden Konzepte dadurch integriert, dass er den Fokus auf die Beziehungserwartungen des späteren perversen Patienten einstellt. Schließlich auch das Konzept des Rezensenten: die fünf Kriterien, die gegeben sein müssen, um von einer Perversion zu sprechen. Berner kann in seinem abgekürzten Durchgang durch die Theoriegeschichte plausibel machen, wie sich der Fokus der Konzeptualisierung mit der Zeit ganz eindeutig verschoben hat: weg von Fixierung auf die Fixierung, will heißen, weg von einer klinischen Fixierung auf die »Herrschaft eines Partialtriebs, der alle Macht an sich gerissen hat« (Freud) und hin zu einem besonderen infantilen Triebschicksal, das dann beim später perversen Patienten zu der Konstellation einer sexualisierten Beziehungsfeindlichkeit führt. Dass diese Fokusverschiebung auch eine große Gefahr mit sich gebracht hat, bleibt bei Berner außer Betracht: unter der Hand geht oftmals der »alte« Perversionsbegriff seines sexuellen Gehaltes verlustig, und stattdessen übernimmt nun die »perverse Objektbeziehung« in der klinischen Theorie die Führung – ihrerseits oft ganz gereinigt von irgendeiner manifest sexuellen Komponente.

In einer anschaulichen Tabelle (S.3l) führt Berner sodann seine eigene »integrierte Perversionsdefinition« vor. Ich finde sie so überzeugend, dass ich ihr gern einen etwas voller klingenden Titel geben würde: ein Drei-Achsen-Modell zum Verständnis und zur Diagnostik der Perversion. Jede dieser drei Achsen enthält ihrerseits drei Einsatzstellen. Die erste Achse nennt Berner Definitionselemente. Hier stellt er die drei – in der Literatur wie im wirklichen Leben – immer wiederkehrenden Muster heraus: a) Fetischbildung; b) Feindseligkeit gegenüber dem Objekt; wird durch Ritualisierung gebunden (dem entspricht bei Reiche die »perverse Szene«); c) dominanter Einsatz eines Partialtriebs (die »alte« Ebene der infantilen Fixierung). Die zweite Achse nennt er Verlaufsmerkmale. Hier unterscheidet er, und das ist gerade auch für die forensische Diagnostik von höchstem Belang: a) Perversion als Plombe (nach Morgenthaler); b) Perversion als Sucht oder Zwang (hierher würden ganz unterschiedliche Beiträge von Otto Fenichel, Hans Giese, Eberhard Schorsch und natürlich auch Reiches »Kriterium der süchtigen Unaufschiebbarkeit« gehören); c) Perversion als Impulsdurchbruch. Die dritte Achse schließlich bezieht sich auf die Strukturmerkmale. Hier lehnt sich Berner eng an die Ausarbeitungen von Otto Kernberg an und unterscheidet mit ihm: a) Perversion bei hoch entwickelter, neurotischer Grundstruktur der Persönlichkeit; b) Perversion bei Borderline-Struktur und c) bei psychotischer Struktur. Für Leser mit einer Vorliebe für Schaubilder ergäbe sich hieraus wie von selbst ein Neun-Felder-Schema, das zu Verdichtungen und Verzweigungen einlädt. Berner widersteht diesem grafischen Kombinationstrieb – und greift auf sein von ihm so zurückhaltend als »integrierte Definition« bezeichnetes Modell stattdessen in den nun folgenden Kapiteln über die Erscheinungsformen der Perversion, über Unterschiede in Intensität und Verlauf und in Konsequenzen für die psychotherapeutische Arbeit immer wieder zurück. Dabei erläutert er en passant den Gehalt der einzelnen Felder der drei Achsen. Berners Modell eignet sich zum tieferen Verständnis und zur Differentialdiagnostik von schweren Sexualstraftaten ebenso wie für nur subliminal wahrnehmbare fetischistische oder sadomasochistische »Vorlieben«, die in eine ritualisierte Szene obligat eingefügt sind und durch das ICD-10-Raster jederzeit unbemerkt durchfallen (und auch durchfallen sollen).

Es ist nicht Wolfgang Berners Art, uns mit einer schulmäßigen psychoanalytischen Überzeugung zu verfolgen. Berner denkt und handelt konsequent praktisch – ausgehend von den klinischen Anforderungen an eine forensisch spezialisierte sexualmedizinische Institution. Der eine oder andere Psychoanalytiker mag ihm darum einen gewissen Pragmatismus vorwerfen, dem die tiefsten Schichten im Aufbau einer Perversion therapeutisch entgehen müssen. Dieser Vorwurf ist wohlfeil. Sein Schlusskapitel über die Konsequenzen für die psychotherapeutische Arbeit endet mit »vier grundlegenden Hinweisen« (S. 127) für die psychoanalytische Behandlung: Deutung der Sexualisierung; Erkennung der Übertragung und Gegenübertragung; Erkennung der Spaltung; Auflösung des Suchtmusters. Was er damit meint, hat er in den vorhergehenden Falldarstellungen und Fallbeispielen immer wieder erläutert – und er schließt mit dem realistischen Fazit, dass im Feld der Perversionen »viele Formen der psychoanalytischen Behandlung nicht zugänglich sind und dass man in solchen Fällen auch alternative Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung haben sollte« (S. 132).

Reimut Reiche (Frankfurt/Main)

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