Rezension zu Das Väter-Handbuch

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Rezension von Winfried Stanzick

Heinz Walter, Andreas Eickhorst (Hg.), Das Väter-Handbuch. Theorie, Forschung, Praxis, Psychosozial Verlag 2012, ISBN 978-3-8379-2088-8

Seit vielen Jahren beschäftigt sich der ehemalige, seit 2007 emeritierte Konstanzer Psychologe und Psychoanalytiker Heinz Walter mit dem Thema Männer und hier speziell den Männern in ihrer Rolle als Väter bzw. in ihrer Beziehung zum eigenen Vater und Großvater.

In seinem letzten Buch »Vater, wer bist du? Auf der Suche nach dem ›hinreichend guten Vater‹«, für das er ebenfalls als Herausgeber zeichnete, hatte er selbst einen historischen Blick auf die literarische und psychotherapeutische »Suche nach dem Vater« in den letzten 40 Jahren geworfen und die neuen Ansätze der Vaterforschung erläutert und die vielfältigen Versuche in den Familien und Partnerschaften, das Vaterbild zu verändern. Oft, so war dort zu lesen, spiele dabei, leider mehr im Negativen als im Positiven, die Erfahrung des eigenen, oft eben nicht als »hinreichend gut« erlebten Vaters mit, die man in der Begegnung mit eigenen Kindern auf keinen Fall wiederholen möchte.

Diesen oft lebenslang präsenten Vätern waren damals Aufsätze gewidmet, aber auch den nicht »hinreichend guten«, etwa dem, der gar nicht wirklich präsent ist und durch diese Nicht-Anwesenheit nicht unwesentlich zu Deliquenzrate seiner Kinder beiträgt. Oder der tragische, psychisch kranke Vater, der seinen Kindern keinen Halt geben kann.

In einer Rezension des Buches wies ich damals darauf hin, dass unsere Kinder, Mädchen und Jungen, auf ihrem Weg durch die Erziehungsinstanzen des Kindergartens und der Schule bis auf verschwindend wenige Ausnahmen frühestens im 6. oder 7. Schuljahr dem ersten Mann als Erzieher begegnen, der dann vielleicht so alt ist wie ihr Großvater. Unsere Erziehungsinstitutionen sind weiblich geprägt, sie können keine männlichen Identifikationsmuster vermitteln und lassen insbesondere die Jungen so im Regen stehen. Fällt der eigene Vater durch Trennung/Scheidung oder hohen Berufsstress noch dazu aus, ist niemand da, der Jungen und Mädchen das vermittelt, was Mannsein heißen könnte. Ich stellte die Frage, wie sich dieses Dilemma auf die nächste Generation auswirken wird, wenn schon die jetzige Elterngeneration geprägt ist durch einen eklatanten Mangel an elterlichen und erst recht väterlichen Vorbildern.

Entsprechend war ich bei der Lektüre des neuen von Heinz Walter zusammen mit dem jungen Heidelberger Väterforscher Andreas Eickhorst herausgegebenen und verantworteten insgesamt 730 Seiten starken »Väter-Handbuch« gespannt, ob in diesem wahrhaft grundlegenden und systematisch aufgebauten Werk diese Aspekte berücksichtigt worden sind. Und ich wurde nicht enttäuscht. In einem bisher so nicht erlebten Perspektivenreichtum wird der aktuelle Stand der Väterforschung präsentiert. In insgesamt 38 originalen Beiträgen äußern sich Frauen und Männer zu Themen, die die Herausgeber in sechs Hauptteile gegliedert haben:

- Evolution, Geschichte, Kultur
- Politik, Gesetzgebung, Bildung
- Vaterschaft und Vatersein über die Lebensspanne
- Herausforderung Väterforschung
- Einladungen an Väter
- Räume für Väter

Das Buch ist zum einen ein grundlegendes Nachschlagewerk für alle, die sich mit Väter-, Familien-, Gender- und Gleichstellungsfragen beschäftigen. Zum anderen aber gibt es viele, weniger wissenschaftlich daherkommende Aufsätze, die für jeden Mann von hohem Interesse sind, der sich über sein Vatersein, seine Vaterrolle im Rahmen seines (Herkunft)familiensystems klarer werden möchte. Es ist auch eine Fundgrube für Männer, die, aus welchem Grund auch immer, (noch) keine Väter sind, die aber alle einen eigenen Vater haben oder hatten, der sie geprägt hat wie und wohin auch immer.

Unter den vielen Aufsätzen des Buches möchte ich in diesem Zusammenhang den Beitrag von Helmwart Hierdeis erwähnen. Unter dem Titel »Der Vater in mir« berichtet er von der »Anregung biografischer Vater-Erzählungen durch belletristische Literatur an der Universität« und zitiert dabei Peter Härtling, der in seinem schon 1980 erschienenen Werk »Nachgetragene Liebe« eine neue literarische Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater einleitete, dem danach auch andere Schriftsteller folgten: »Doch meinen wir, dass der erfundene Vater den wahren Vater ebenso spiegelt.«

Als 58- jähriger Vater eines neunjährigen Sohnes haben mich natürlich die Aufsätze aus dem dritten Teil des Buches am meisten interessiert, wo es unter dem Titel: »Vaterschaft und Vatersein über die Lebenspanne« unter anderem um die Themen geht:

- Vaterschaft im Kontext postnataler familiärer Krisen
- Der Vater in der familiären Triade mit dem Säugling
- Sicherheit und Orientierung geben
- Subjektive Vaterschaftskonzepte
- Die ersten 15 Lebensjahre: Stabilität und Wechsel väterlicher Einstellungen

Das Buch ist von seinem Umfang und von seinem Preis her allerdings wenig geeignet, auf die Schreibtische, Lesepulte, Nachttische oder in die Lesekörbe von jungen Vätern zu gelangen. Deshalb wäre es wünschenswert, wenn es gelänge, die wesentlichen für den Alltag als Vater oder Großvater wichtigen Erkenntnisse und Ergebnisse dieses Handbuches in eine lesbare Monografie zu fassen, die auf maximal 300 Seiten als Taschenbuch sich zu einem echten Bestseller für Männer, Väter (und vielleicht auch für deren Frauen) entwickeln könnte.


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