Rezension zu Thomas Manns Geisterbaron

parapsychologie.ac.at Newsletter Nr. 48

Rezension von Peter Mulacz

Peter Mulacz

Literaturbesprechungen

6.1 Albert von Schrenck-Notzing – die beiden ersten zu besprechenden Werke tragen diesen Namen in ihrem Titel und haben demgemäß auch viele thematische Überschneidungen. Baron Schrenck (1862–1929) war, wie Sünner, der Schriftleiter der damaligen »Zeitschrift für Parapsychologie« es ausgedrückt hat, »der Mann, der unser Führer war« – ein damals noch sehr unschuldiges Vokabel, das aber die absolut dominierende Position Schrencks in der deutschsprachigen Parapsychologie dieser Epoche deutlich zum Ausdruck bringt. Schrenck verdient es wie kein anderer, daß man sich mit seinem Werk und in diesem Kontext natürlich auch mit seinem Leben auseinandersetzt. Übrigens sind beide Werke im selben Verlag erschienen; es ist wohl auch kein Zufall, daß die Biographie gerade jetzt publiziert worden ist, jährt sich doch Schrencks Geburt heuer zum 150. Male. Schrenck-Notzing ist nicht nur eine zentrale Persönlichkeit der Parapsychologiegeschichte, er hat mich auch persönlich immer sehr interessiert – man verzeihe mir also, wenn die Rezension des biographischen Bandes sehr ausführlich und damit recht lang ausgefallen ist. 
Nun die beiden Bücher im einzelnen:

6.2 Manfred Dierks: Thomas Manns Geisterbaron. Leben und Werk des Freiherrn Albert von Schrenck-Notzing

Wie in einem spannenden Roman läßt der Autor in dieser biographischen Erzählung die Persönlichkeit Schrenck-Notzing vor dem Leser entstehen und sein Leben und seine Aktivitäten an ihm vorüberziehen, eingebettet in ein breit angelegtes Zeitgemälde: Kindheit, Jugend und Familienangelegenheiten, Medizinstudium (Korpsstudent), Begegnungen mit den frühen französischen Hypnotiseuren Bernheim und Liébault, aber auch mit Charcot und mit Sigmund Freud, mit Myers und (dem späteren Nobelpreisträger) Richet, der ihm ein lebenslanger Freund werden sollte, der Einfluß von du Prel und Schrencks spätere Abwendung von ihm, die Begründung der Sexualwissenschaft in Deutschland, das Studium von – wie wir heute sagen würden – veränderten Bewußtseinszuständen (Stichworte: Leistungen in Hypnose, wie die berühmte »Traumtänzerin«, und das Unbewußte der menschlichen Persönlichkeit), schließlich die Hinwendung zur Parapsychologie, Experimente mit Eusapia Pal(l)adino, Eva C., den Brüdern Schneider und vielen anderen, damit verwoben die zahllosen Kämpfe um die Anerkennung der Echtheit der Phänomene, die damals in einer Schärfe geführt worden sind, welche heute nicht mehr vorstellbar ist. Dabei beschränkt sich der Autor offenbar sehr bewußt darauf, zu berichten und nicht zu bewerten, insbesondere, was die Frage der Realität des physikalischen Mediumismus betrifft, über den bekanntlich die Meinungen geteilt sind. (Ein Rezensent drückt das so aus: »Dass sich Dierks auch da nicht vorschnell über ›Thomas Manns Geisterbaron‹ lustig macht, wo Schrenck-Notzing zum Opfer seiner pseudowissenschaftlichen Phantasmen wurde, macht die kenntnisreiche und mit dem Einfühlungsvermögen und Rüstzeug eines Romanciers geschriebene Darstellung sympathisch.«) Verschränkt mit dieser intellektuellen Lebensgeschichte ist die des äußeren Lebens, die Heirat mit Gabriele, der reichen Erbin der Siegle’schen Familienunternehmen, der Aufstieg auf der sozialen Stufenleiter, der Schwenk vom ärztlichen Beruf zum Industriekapitän, der seine diversen Betriebe in den schweren Jahren nach dem Weltkrieg und in der Weimarer Republik sehr erfolgreich führt, alles detailreich und aus vielen Quellen, insbesondere auch aus diversen Archiven, schöpfend dargestellt (was nicht ausschließt, daß für viele Einzelheiten leider keine Quellenangaben angeführt sind). Ich habe so manches aus diesem Buch gelernt, was mir bisher nicht bekannt war, so die Details zu einem schwarzen Punkt in der Familiengeschichte (eine Analogie zu den Schiebereien der Verwandten Freuds), was auf Wikipedia nur kurz erwähnt wird, Schrencks Beziehung zu Alfred Schuler (ich hatte mich aufgrund des damaligen geistigen Zentrums in München oft gefragt, wie weit Schrenck mit den Münchner Kosmikern in Kontakt war, über die Tatsache hinaus, daß manche von ihnen gelegentlich an Sitzungen teilnahmen) und zu dem Arzt und Literaten Oskar Panizza, sodann die Tatsache, daß Schrenck auch einmal unter einem Pseudonym publiziert hat, weiter, daß Max Dessoir (bekanntlich der Mann, der das Kunstwort »Parapsychologie« geprägt hat) Schrencks Trauzeuge war, daß Gabriele von Schrenck sich zur Aviatrice hat ausbilden lassen (auch dieser Sachverhalt ist aus der Wikipedia zwar bekannt, dort aber ohne jegliche Details festgehalten), und viele weitere Einzelheiten, interessantere und banale, z. B. daß Schrencks (erstes) Auto ein Horch war (über spätere erfährt man nichts – zuletzt fuhr er einen schweren Mercedes), und schließlich die Chronique scandaleuse, daß es außer den beiden bekannten legitimen Söhnen auch einen außerehelichen gegeben hat, und dazu noch ein pikantes Detail zu der ohnehin pikanten Gräfin Reventlow. Gerade hier tun sich Fragezeichen auf; den Horch glaube ich dem Autor ungeschaut, aber bei Geschichten im Zwielicht stellt sich immer die Frage, was phantasievolle Interpretation der Quellen ist und was nachweisbare Realität.

Und damit bin ich auch schon bei der Kritik an diesem Buch, das ich – ich betone dies nochmals – mit Gewinn und mit Vergnügen gelesen habe und für sehr empfehlenswert erachte. Da ist zunächst einmal der Titel, von dem ich nicht weiß, ob Autor oder Verlag dafür verantwortlich ist, der mir aber – frei heraus gesagt – unsympathisch ist. Nicht nur, daß das Wort »Geisterbaron« als ein Pejorativ geprägt worden ist und es merkwürdig berührt, dieses für den Protagonisten der Erzählung weiter zu perseverieren, ist es auch insofern unangebracht, als Schrenck eindeutig ein Vertreter der animistischen (psychodynamischen) Hypothese war und mit dem Geisterglauben der Spiritisten nichts gemein hatte. Weiters verstehe ich ja durchaus, daß der Literaturnobelpreisträger Mann in der Öffentlichkeit bekannter (und dadurch werbewirksamer) ist als Schrenck-Notzing, dennoch, die zentrale Gestalt des Buches in den Untertitel zu verbannen und sie in einem genetivischen Ausdruck Mann unterzuordnen, will mir nicht gefallen, noch dazu, wo Mann nur sehr wenige Sitzungen bei Schrenck mitgemacht hat und die Beziehung der beiden Herren zueinander keine sonderlich enge war (Mann hatte vielmehr gute Beziehungen zum Zoologieprofessor Gruber, der, sein Nachbar in München, damals engster Mitarbeiter Schrencks war). Festzuhalten ist jedoch, daß Mann energisch für die Realität der von ihm selbst in Schrencks Laboratorium beobachteten Phänomene eingetreten ist. Dennoch scheint mir in diesem Buch der Bezug zu Mann eher künstlich zu sein, Kapitel über Mann wirken aufgepfropft und sind wohl nur zur Rechtfertigung des Titels eingeschoben. Freilich wird das verständlich, wenn man weiß, daß der Autor ein emeritierter Professor für Neuere deutsche Literatur ist, der insbesondere über Thomas Mann gearbeitet hat, der auch szt. stellvertretender Vorsitzender der Thomas-Mann-Gesellschaft war und dem naturgemäß Mann näher steht als Schrenck. Umso mehr wundert es mich, daß Dierks neuere Publikationen zum Thema nicht rezipiert hat (zumindest findet sich der von W. Müller-Funk und Ch. Tuczay herausgegebene Band »Faszination des Okkulten. Diskurse zum Übersinnlichen«, der ein Kapitel über Thomas Mann und die Parapsychologie enthält nicht, nicht im Literaturverzeichnis). Überhaupt, das Literaturverzeichnis: so reichhaltig es ist, so verwundert manchmal die Auswahl: so findet sich zwar Tischners »Geschichte der Homöopathie« (wohl wegen Schüssler), es fehlt aber z. B. seine »Geschichte der Parapsychologie«, welche von Eberhard Bauer (in v. Lucadou, »Psyche und Chaos«) immerhin als »unübertroffen« apostrophiert wird. 


Es gibt so manche Details, die verunsichern. Schrenck-Notzing hatte, so erfahren wir von Dierks, das Gardemaß von 1,90 m. Hingegen schreibt Schrenck von sich selbst, »ich messe 1,85 m«. Eine Quelle für Dierks von der Selbstbezeugung Schrencks abweichende Angabe wäre wünschenswert – oder handelt es sich um Phantasieprodukt des Erzählers, der die Beschreibung »sehr groß und schlank« in eine Zentimeterangabe umgesetzt hat, dabei aber bedauerlicherweise um fünf Zentimeter übers Ziel geschossen hat? Damit ich nicht mißverstanden werde: Es ist dem seit lange toten Protagonisten des Buchs wohl ebenso gleichgültig wie mir, ob er fünf Zentimeter größer oder kleiner war – was aber nicht gleichgültig ist, ist, ob die Angaben in diesem Buch detailgenau und verläßlich sind, und darauf kommt es ja wohl an. So manches erzeugt vermutlich im Leser, der mit dem Gegenstand nicht vertraut ist, ein schiefes Bild. So werden z.B. für eine dramatisch ausgeführte Szene aus Schrencks Jugend (erste Erfolge als Hypnotiseur) als Quellen General Peter und Gerda Walther angeführt. Der mit den Personen minder vertraute Leser könnte leicht annehmen, daß es sich um Augenzeugen der geschilderten Begebenheit handle, was aber keineswegs der Fall war; General Peter stand Schrenck zwar altersgemäß näher als Gerda Walther, ist aber erst in späteren Lebensjahren zu ihm gestoßen, und Gerda Walther war überhaupt nur während der letzten Lebensjahre Schrencks bei ihm, nicht einmal zwei Jahre lang. Beide können also nur als Zeugen für Schrencks eigene Erzählung über die Begebenheit aus seiner Jugend dienen, nicht aber als Zeugen für deren objektiven Sachverhalt. Ähnlich potentiell irreführend ist es, wenn – als ein weiteres Beispiel – in einem kleinen Appendix, über die Lebenszeit Schrenck-Notzings hinausgreifend, zunächst vom Weiterbestand der »Zeitschrift für Parapsychologie«, des von Schrenck finanziell gestützten Publikationsorgans, über seinen Tod hinaus berichtet wird und dann sehr bald darauf die »Okkultistenhetze« des Jahres 1941 erwähnt wird, die durch den Englandflug des »Stellvertreters des Führers«, Rudolf Hess, ausgelöst worden ist. Der unbefangene Leser könnte daraus schließen, daß diese Zeitschrift (wie andere auch) bis 1941 bestanden hätte, während sie in Wirklichkeit bereits Mitte 1934 eingestellt werden mußte, weil die Witwe, Gabriele von Schrenck, ihren Zuschuß zu dieser Publikation gestrichen hat.

F. W. H. Myers wird als »Dichter und Mitbegründer der SPR« eingeführt und hinsichtlich seiner Arbeiten zum Unterbewußtsein und zur Telepathie gewürdigt; daß er eigentlich Altphilologe war – was im weiteren Kontext der Parapsychologiegeschichte durchaus relevant ist (Kreuzkorrespondenzen) – erfährt man leider nicht.

Die Idee der Materialisation soll Schrenck-Notzing von du Prel haben – erst viele Seiten später liest man dann, daß schon ein Vierteljahrhundert zuvor William Crookes Materialisationen in den von ihm veranstalteten Experimentalsitzungen erzielen hat können. (Ganz ähnlich wundert man sich im Kapitel über die frühe Sexualforschung, daß ausgerechnet Magnus Hirschfeld nicht erwähnt wird, und dann – wiederum viele Seiten später – wird er sozusagen nachgetragen.)

Und nochmals die Gräfin Reventlow: Schrenck sei gekränkt gewesen, zu erfahren, daß die Gräfin ihn nur »Schnotzing« nannte – mag sein (oder auch nicht), daß er als ungebührlich empfand, wenn eine dritte Person davon Gebrauch machte, aber immerhin unterzeichnete er Poststücke vielfach selbst mit »SchNotzing«. Eine Quellenangabe zu Schrencks angeblicher Kränkung wäre wünschenswert.

Damit gleich weiter zu anderen Trägerinnen des Vornamens »Fanny«: daß es sich bei den beiden Damen mit dem Namen „Fanny Moser“ um Mutter (die Patientin Freuds) und Tochter (die spätere Parapsychologin) handelt, erfährt man nur aus dem Personenregister, und nur durch Rückgriff auf das Literaturverzeichnis kann die Brücke zur parapsychologischen Aktivität von Fanny Moser jun. geschlagen werden.

Kapitän Kogelnik, nach dem Zusammenbruch der Monarchie zum Zoll versetzt – so weit, so gut – habe nunmehr, so Dierks, als »Major« angesprochen zu werden. Das ist mir aus der zeitgenössischen Literatur nicht bekannt; hingegen ist mir der Major Kalifius (ein tatsächlicher Major a.D.) bekannt, der ebenfalls in der Braunauer Frühzeit eine Rolle spielt, allerdings in dem vorliegenden Buch nicht erwähnt wird. Werden hier die Herren Kogelnik und Kalifius zu einer, nicht realen, sondern nur romanhaften Person amalgamiert? Und daß Kapitän Kogelnik bei Kriegsende sein Schiff einem serbischen Kapitän habe übergeben müssen, nehme ich dem Autor bis zum Vorliegen eines Beweises auch nicht ab: zwar ist die Schenkung der k.u.k. Kriegsmarine durch Kaiser Karl I. an den neu gegründeten südslawischen Nationalrat (»Staat der Slowenen, Kroaten und Serben«) erfolgt, bevor die Flotte später auf die Siegermächte aufgeteilt worden ist, jedoch war (und ist) Serbien (nota bene ein Feindstaat im Ersten Weltkrieg) ein Binnenstaat ohne Kriegsmarine, während hingegen zahlreiche Kroaten in der k.u.k. Kriegsmarine gedient haben und teilweise bis in die höchsten Ränge emporgestiegen sind (z. B. Admiral Njegovan oder Linienschiffskapitän Janko Vukovic-Podkapelski, nach dem Zusammenbruch für einen Tag Kommandant der vormaligen SMS Viribus Unitis und als Konteradmiral neuer Flottenkommandant). Die Übergabe des Schiffes ausgerechnet an einen Serben stellt sich demnach als überaus unwahrscheinlich dar … So etwas stimmt wieder etwas nachdenklich, wenn das Buch den Anspruch erhebt, eine Darstellung »strikt nach den Quellen« zu liefern.

Willy Schneider wird nicht nur des Zahngoldschmuggels verdächtigt (in der Tat eine recht undurchsichtige Geschichte), sondern auch des Diebstahls eines Koffers bezichtigt – daß der Koffer retourniert worden ist, bleibt leider unerwähnt, wie überhaupt die Gegendarstellung der ganzen Affäre in den »Psychischen Studien« (1925).

Was die von Dierks nicht ganz zu Unrecht so genannten »Vasallen« Schrencks betrifft, und ihre gut dargestellten Versuche, sich dem übermächtigen Einfluß Schrencks zu entziehen, so wäre vielleicht auch der Hinweis angebracht gewesen, wie Schrenck – bekanntlich vergebens – versucht hat, sich in das Herausgeberkollegium der »Zeitschrift für kritischen Okkultismus« hineinzudrängen.

Wie weit Gabriele Freifrau von Schrenck-Notzings an den parapsychologischen Arbeiten ihres Mannes aktiven Anteil nahm oder wie weit sie stille Begleiterin war, scheint mir offen zu sein. Eine diesbezügliche Episode bei Dierks scheint mir eher dichterisch gestaltet zu sein, denn in Schrencks Werk findet seine Frau keinerlei Erwähnung.

Schrenck-Notzings Persönlichkeit scheint mir, alles in allem, gut getroffen zu sein; dennoch bleiben gewisse Defizite, z. B. Schrenck als Jäger: Zwar wird die Jagd als gesellschaftliches Phänomen gewisser Kreise dargestellt – Schrenck war ein Grandseigneur, der nur in den ersten Hotels abstieg (in Wien im Grand Hotel), der seinen Schneider in Paris hatte und eben eine Eigenjagd in the Karpaten –, was aber nicht zur Darstellung kommt, ist der Wesenszugs des Jägers, den Gerda Walther an Schrenck beschrieben hat: »Wie der Jäger immer wieder voller Spannung dem scheuen Tritt des Wildes auflauert, so wartete er immer wieder mit ungeduldiger Erwartung auf das Sich-Erheben der telekinetisch bewegten Gegenstände, auf das flüchtige Auftauchen einer materialisierten Hand u. dgl.«, auf die (übrigens immer gleichen) Phänomene, um diese in seinem Laboratorium quasi zu »erlegen« – in diesem Laboratorium, das, nebstbei erwähnt, an den Wänden mit Geweihen und anderen Jagdtrophäen geschmückt ist.

Und erst recht gibt es Defizite, was Schrenck als Parapsychologen betrifft. »Der Spuk in Hopfgarten« ist eine (im Literaturverzeichnis signifikanterweise fehlende) Publikation Schrencks, die ich exemplarisch für den Aspekt herausstelle, daß Schrenck sich auch für spontane Phänomene, vor allem das, was man heute RSPK nennt, sehr interessiert hat, derartige Forschung (z. B. im Fall Zugun) auch subventioniert hat und – was hier das wichtigste ist – in seinem psychodynamischen Ansatz ein Kontinuum von den spukhaften Entladungen bis zu den Laboratoriumssitzungen erblickt hat, weshalb es auch seine Maxime war, die erratisch auftretenden Phänomene von Spuk-Agenten in eine geordnete Sitzungsmedialität überzuführen.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Schrenck als Parapsychologe in diesem Buch weit weniger gewürdigt wird als Schrenck in seiner Eigenschaft als Sexualkundler oder als Vorkämpfer der Hypnose. Im Gegensatz zur gründlichen, kenntnis- und detailreichen Ausgestaltung der Aspekte der Parallelen und späteren Divergenzen von Freud und Schrenck hinsichtlich der Konzeption des Unbewußten (vgl. du Prel, Myers, Dessoir u. a.) sowie der Frage des Einflusses von Binet und vor allem von Janet auf die beiden erfährt das Buch, je weiter man in den späteren Kapiteln liest, gleichsam eine gewisse Beschleunigung, über deren Ursachen man nur spekulieren kann (Fühlt sich der Verfasser beim Thema Parapsychologie – das »Thomas Mann’sche Phänomen« ausgenommen – weniger wohl? Gab es Termindruck zur Manuskriptabgabe? Oder eine Beschränkung des Umfangs?). Das führt dazu, daß z. B. die Episode mit Kraus/Weber recht skizzenhaft ausgeführt ist. Daß Schrenck die durch die Wiener Universitätskommission erfolgte Entlarvung des Mediums (Gräfin Wassilko war imstande, die »Phänomene« nachzumachen) nicht »anerkannte«, wie Dierks schreibt, kann so nicht gesagt werden: Schrenck hielt Kraus vielmehr für »gemischt« und argumentierte, daß es die mangelnde Erfahrung Prof. Thirrings als Neuling im parapsychologischen Experiment gewesen sei, die Kraus überhaupt die Möglichkeit zum Betrug gegeben habe – eine Diskussion, die eine gewisse Verstimmung zwischen »Wien« und »München« zur Folge hatte. Gräfin Wassilko hat Schrenck auch brieflich gewarnt (»ich bin besorgt um Sie, Baron Schrenck«), aber davon hat er nichts hören wollen. Daß es Schrenck aber gelungen war, durch die Vermittlung einer ihm freundschaftlich verbundene Dame in Wien sich in Kenntnis des Manuskripts des Kraus zu setzen und er sich daher gegen Klinckowstroems Angriffe wappnen konnte, sucht man bei Dierks vergebens – es nimmt wunder, daß sich der Autor gerade eine solche »saftige« Episode hat entgehen lassen. Daß Schrenck schließlich beim Kongreß an der Sorbonne (1927) das Medium »beschimpft« hätte, ist eine sehr fragwürdige Darstellung (und Formulierung). Er hat ihn nicht beschimpft (schon weil er gar nicht anwesend war), und er hat auch nicht über ihn geschimpft, sondern er hat ein – freilich abgünstiges – Bild seines Charakters geliefert, welches aber in keiner Weise überraschend war, da man eine ähnliche Charakterisierung verschiedener Medien vielfach in Schrencks Werk vorfindet.

Sehr fragmentarisch dargestellt finde ich auch das konstante Bestreben Schrencks, durch methodische Verbesserungen die Schraube »zwingender« Versuchsbedingungen immer weiter anzuziehen. Der doppelte Boden im Kabinett findet sich zwar, aber Amerellers elektrische Medienkontrolle – die nicht nur das Medium, sondern auch die Kontrollore einschloß – fehlt, und gerade dieser Kontrollapparat hat Furore gemacht und wurde später international nachgebaut.

Letzteres erfolgt nach Schrencks Tod, und auch der Autor Dierks führt sein Buch über das Lebensende Schrencks hinaus. Das bezieht sich sowohl auf Schrencks Söhne und Enkel (am bekanntesten Caspar mit seinem [nicht erwähnten Hauptwerk] »Lexikon des Konservatismus«), aber auch auf die Schrenck’schen Medien. Aber zuvor wird Gräfin Wassilko mit einer beiläufigen Bemerkung in einem Nachruf auf Schrenck erwähnt, die im Kontext der Evolution der Parapsychologie und im Ansatz zu einer ergebnisoffenen Wissenschaft zu sehen ist, aber hier – isoliert – die Gräfin als eine Spiritistin erscheinen lassen mag, was sie beileibe nicht war.

Über Rudi Schneider erfahren wir folgendes: »Setzte noch einige Jahre seine erfolgreiche Medienkarriere fort, wurde von Kommissionen in Paris und London geprüft und zum Gegenstand mehrerer Bücher. …« Diese sehr armselige Zusammenfassung wird der Sache nicht gerecht, denn die Experimente mit Rudi am Institut Métapsychique International in den Jahren 1930 und 1931 bedeuten einen Meilenstein der Forschung insofern, als nun die Phänomene im Gegensatz zur bloß visuellen Beobachtung und Photographie nunmehr automatisch apparativ registriert und mit dem physiologischen Zustand korreliert werden konnten. Dies summarisch im Wort »Paris« zu verstecken, wie es bei einer bloßen Fortschreibung der bisherigen Versuchstechnik zulässig gewesen wäre, ist aufgrund des erzielten Durchbruchs nicht angebracht. (Was nicht bedeutet, daß ich an dieser Stelle eine Apologie Schrencks oder eine Diskussion über die Realität der Phänomene für angebracht hielte.)

Die angewandte parapsychologische Terminologie läßt zu wünschen übrig. Von Ektoplasma ist die Rede, ganz vereinzelt von Teleplasma, aber nirgends erfährt der Uninitiierte, daß es sich dabei um dieselbe hypothetische Substanz handelt, daß zu Schrencks Zeiten im deutschen Sprachraum die Verwendung des Wortes »Teleplasma« vorherrschte – auch Schrenck selbst benutzt es passim –, während das von Richet eingeführte »Ektoplasma« erst Jahrzehnte später über das englische »ectoplasm« Dominanz erlangt hat. Auch »ektoplastisch« ist nicht »ektoplasmatisch«, und »Paraphysik« ist nicht »Parapsychophysik«, wie Richet dies Gebiet mit guten Gründen bezeichnet hat. »Paraphysik« weckt andere Assoziationen (z. B. Schauberger, Meyl, sehr überzogen auch Tesla), die jedenfalls mit Parapsychologie nichts zu tun haben. Die Scheu vor vielsilbigen Komposita – Dierks würde sie wohl als »raumgreifend« bezeichnen – ist unangebracht, solche Wortbildungen sind auch sonst in der Wissenschaft nicht unüblich, man denke z. B. an die neue Disziplin der Psychoneuroimmunologie, und schließlich wendet sich das gegenständliche Buch an ein intellektuelles Lesepublikum und nicht an die Konsumenten von Kolportageromanen.

Ein persönliches Desideratum ist unerfüllt geblieben. Von Schrenck-Notzing gibt es ein Broschürchen »Handlesekunst und Wissenschaft«, das 1920 in der Reihe »Die Okkulte Welt« im Johannes Baum Verlag in Berlin erschienen ist. Zumindest thematisch, vielleicht auch in Bezug auf die Wahl des Verlegers, stellt dieses kleine Werk ein völlig disparates Element in der literarischen Produktion Schrencks dar – ich hätte mir erhofft, darüber nähere Aufklärung zu erhalten.

Buchstäblich in den letzten Zeilen des Textes schmückt mich der Autor mit Federn, die mir nicht zukommen – es handelt sich dabei um geradezu groteskes Mißverständnis, dessen Zustandekommen ich mir nicht erklären kann, wenn ich daran denke, wie sorgfältig der Autor z. B. in seiner Auswertung der Archive vorgegangen ist. Es mag Mitte oder Ende der 1970er-Jahre gewesen sein, als ich Hans Bender im damaligen Eichhalde-Institut ersuchte, ein gewisses Archivstück (ein Fläschchen mit einer Ektoplasma-Probe) sehen zu dürfen. Bender interpellierte mich zunächst, woher ich davon wüßte, und beschied mir dann, daß das Objekt »derzeit nicht auffindbar« sei. Ich will mich jetzt gar nicht in Spekulationen ergehen, ob es tatsächlich in den Beständen verschollen war oder mein Ersuchen damit bloß abgewimmelt werden sollte. Einige Jahre nach Benders Tod (1991) ist das Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) im Zuge seiner Umstrukturierung von der in Freiburgs Grüngürtel gelegenen Eichhalde ins Universitätsviertel in der Innenstadt übersiedelt. Als im Jahr 2000 die Jahrestagung der Parapsychological Association wieder in Freiburg stattfand, benutzte ich die Gelegenheit eines Besuchs der neuen Räumlichkeiten auch zu einer Besichtigung des Archivs. Natürlich ließ ich die Gelegenheit nicht vorbeigehen, nach dem bewußten Fläschchen zu fragen. Bereitwillig zeigte mir ein freundlicher Mitarbeiter das Stück, welches erwartungsgemäß im Zuge der Neuordnung aufgetaucht war. Daraus macht Dierks: »Im Jahre 2000 aber entdeckte es ein Forscher im badischen Freiburg …« bzw. in einer Fußnote dazu: «… der Finder ist W. Peter Mulacz …« Gar nichts habe ich selber gefunden – ich habe gefragt und man hat mir gezeigt, das war alles.

Das reichhaltige Literaturverzeichnis und ein Personenregister runden den Band ab; ein Sachregister wäre wünschenswert gewesen. Es ist zwar ökonomisch verständlich, aber dennoch bedauerlich, daß ein Buch von dieser Qualität nicht in gebundener Form vorliegt.

Abschließend möchte ich betonen, daß ich, ins Detail gehend, zwar viele jedoch eher marginale Punkte von Kritik aufgelistet habe, und daß der Gesamteindruck von Dierks’ Buch ein überaus positiver ist. Meine kritischen Anmerkungen mögen nicht die Tatsache überschatten, daß das dieses Buch sehr umfassend über Leben und Werk eines Mannes orientiert, den sein Freund Richet in seinem Nachruf mit den Worten würdigt: »Keiner von uns, weder in England, noch in Italien, noch gar in Deutschland wird das Recht haben zu vergessen, daß Schrenck-Notzing der kühne und ruhmreiche Bahnbrecher unserer neuen Wissenschaft gewesen ist.«

Der Autor Dierks ist übrigens auch auf zwei Videos zum Thema zu sehen: 
<http://www.youtube.com/watch?v=6dBfy5GxMKE> und <http://www.youtube.com/watch?v=eQtcFUYtAFI>.

Manfred Dierks:
Thomas Manns Geisterbaron: Leben und Werk des Freiherrn Albert von Schrenck-Notzing 
• Paperback 
• 366 Seiten, einige Illustrationen • Psychosozial-Verlag, Gießen, 2012 
• ISBN 978-3898068116


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