Rezension zu Freud lesen

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Rezension von Cornelia von Kleist

Jean-Michel Quinodoz: Freud lesen

Thema
Die schlechte Nachricht zuerst: dieses Buch erspart nicht die eigene Freud-Lektüre. Das will es auch nicht, vielmehr soll »die Neugier des Lesers geweckt« werden, »damit er Lust darauf bekommt, das Freudsche Werk zu lesen.« (S.16) Bei Kandidat/inn/en in psychoanalytischer Ausbildung kann man wohl diese Neugier vermuten und für und mit denen des »Centre de psychanalyse Raymond de Saussure« in Genf hat J.-M. Quinodoz seit 1988 jeweils 3-jährige (!) Seminare zu Freuds Schriften gehalten. Wer anderswo in psychoanalytischer Ausbildung ist oder war, weiß, dass das ganz ungewöhnlich ist und sich Studierende und Lehrende häufig mit einem Minimum an Freud-Lektüre begnügen: einige der »Vorlesungen«, etwas »Traumdeutung«, »Trauer und Melancholie« und noch eine der großen Fallgeschichten …

Man kann das Buch als Versuch verstehen, diesem Mangel abzuhelfen. Es lädt dazu ein, dem Seminarverlauf zu folgen, in drei Jahren und also drei Teilen alle wesentlichen Schriften Freuds nach der Chronologie ihrer Entstehung zu lesen: von der »Entdeckung der Psychoanalyse» (1895-1910) über »die Jahre der Reife« (1911-1920), in denen die Behandlungstechnik sowie die metapsychologischen Schriften im Vordergrund standen, hin zu »Neuen Perspektiven« (1920-1939), als sich Freuds Interessen von der klinischen Arbeit lösten und er sich mehr kulturtheoretische »Spekulationen« gestattete.

Aufbau und Inhalt
Aufbau und Gestaltung des Buches sind auf der Folie der Seminare gut nachvollziehbar: nach einer Einführung gibt der fortlaufende Text Inhalte und Argumentationen der im jeweiligen Kapitel behandelten Texte (Freud schrieb ja fortlaufend und veröffentlichte seine Gedanken oft in mehreren, zeitlich und thematisch aufeinander bezogenen Texten; sie werden hier sinnvoll gebündelt) so wieder, wie sie in einem sorgfältigen Lektürekurs (re-)konstruiert werden mögen.

Daneben, formal und farblich abgesetzt und damit leicht erkennbar, stehen ergänzende Kommentare zu drei Kontexten, die im Seminar wohl in Form von Referaten beigetragen wurden: »Biographie und Geschichte« beleuchtet den biographischen und historischen Entstehungshintergrund der Texte, wobei neben persönlichen Momenten auch die damals aktuellen wissenschaftlichen Kontroversen und zunehmend die Diskussionen in der entstehenden psychoanalytischen Gemeinschaft eine Rolle spielten. Jedes Kapitel endet mit dem Verzeichnis der Konzepte, die Freud in dem jeweiligen Text begrifflich entwickelt hat in Form von Stichworten, die die »Chronologie der Freudschen Begriffe« gut auffindbar machen. Da Freud über die vielen Jahrzehnte seiner theoretischen Produktivität wichtige Konzepte teils explizit, teils implizit modifiziert hat, werden diese Stichworte manchmal zu einem Text ergänzt, der die »Diachrone Entwicklung der Freudschen Begriffe« nachzeichnet. Dabei greift Quinodoz durchaus zeitlich vor und benutzt z.B. Freuds Einführung der »Übertragung« im »Bruchstück einer Hysterieanalyse« (1905) als Ausgangspunkt für seine Darstellung der späteren Entwicklung dieses Konzepts (S. 126ff). Sicher wäre es zu künstlich gewesen, so zu tun, als hätten die Seminarteilnehmer nicht auch einen »nachträglichen« Blick auf die Anfänge des zentralen Konzepts der »Übertragung«. Dieser Nachträglichkeit, wenn wir heute Freud lesen, trägt der dritte Kontext der Kommentare explizit Rechnung: unter dem etwas doppeldeutigen Titel »Postfreudianer« werden die für die Psychoanalyse bedeutend gewordenen theoretischen Entwicklungen nach Freud skizziert, vor allem die Modifikationen im Gefolge der Arbeiten von Melanie Klein und Jaques Lacan, sofern sie erkennbar »von dem jeweiligen Werk inspiriert wurden« sowie »deren Einbettung in historische wie internationale Zusammenhänge.« (S.14) – Dieses Vorgehen macht Überraschendes sichtbar, denn die kontextuellen Kommentare sind nicht immer gleich ausführlich: warum z.B. gibt es gar nichts »Postfreudianisches« über die »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie« zu berichten? Liegt es daran, dass Freud eine psychosexuelle Entwicklung postulierte, die sich im Grunde nie bestätigt hat, obwohl die Charakterisierung psychischer Organisation durch »erogene Zonen«, als oral, anal, phallisch oder genital, sich noch immer als fruchtbar erweist? Wie können wir das heute verstehen, ohne Freuds Werk zu kanonisieren?

Diskussion
Und damit komme ich zu meinem beträchtlichen Unbehagen an diesem Buch: ich bezweifele nicht, dass die genaue Arbeit am Text für die Seminarteilnehmer/innen besonders anregend und fruchtbar war, ihnen eine tiefe Er-Fahrung der Grundlagen der Psychoanalyse und eine »Entdeckungsreise« durch Freuds Werk ermöglichte, wie es der Untertitel verspricht. Aber diese Erfahrung reproduziert sich im Lesen dieses Reiseberichts m.E. leider nicht. Eher fühle ich mich als Leserin wie bei einer exzellent geplanten Studienreise: keine der relevanten Sehenswürdigkeiten wird ausgelassen, aber es bleibt nur ein Foto übrig und kein gefühlshaft bedeutsames Erlebnis. Was fehlt, ist der lebendige Diskussionsprozess über Freuds Texte, die sich literarisch viel schöner, auch fremdartiger und provokativer, in ihrer Bedeutung schillernder lesen, als ihre Wiedergabe hier vermuten lässt. Ich fürchte, dass »Freud lesen«, gerade weil es mit einer so enzyklopädischen Kenntnis und Bildung der psychoanalytischen Literatur geschrieben ist und auf eine Weise eine »Synopse« anbietet, doch dazu verführt, sich damit zu begnügen, dass J.-M. Quinodoz gelesen hat. Zumindest Leser/innen, die mit Freud-Texten bisher nicht selbst intensiv gearbeitet haben, müssen die Ausführungen für »vollständig« und schlüssig halten. Wenn ich das Buch gedankenexperimentell zur Grundlage eines eigenen Freud-Seminarzyklus mache, kann ich mir nicht vorstellen, wie ich Seminarteilnehmer zu eigenen Referaten motivieren sollte: es steht doch schon alles da … Was natürlich nicht stimmt: so kann man z.B. »Jenseits des Lustprinzips« so lesen, dass Freud darin Eros und nicht den Todestrieb neu entdeckt (H. Loewald). Das gibt u.a. der Diskussion um Freuds tödliche Erkrankung und seinen Kulturpessimismus eine andere Bedeutung.

Fazit
Mir scheint, dass dieses Buch am ehesten als Nachschlagewerk für die Leser/innen funktioniert, die genau ihre Halb- oder Viertelbildung in Freuds Schriften bedauern und sich, vielleicht für einen eigenen Vortrag, relativ unaufwändig vergewissern möchten, was in diesem oder jenem Text ungefähr steht oder wann dieser oder jener Begriff zum 1. Mal in Freuds Werk auftaucht, u.ä. – Ich weiß nicht, ob das als Ergebnis hinreicht für die immense Arbeit, die in diesem Text versammelt wurde.


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