Rezension zu Ein Junge namens Sue

WeiberDiwan. Die feministische Rezensionszeitschrift. 1/2012

Rezension von Karin Schönpflug

Normales Leben oder Schubladenflucht

Alexandra Köbele legt mit diesem Buch eine äußerst gelungene, intelligente, reflektierte und gut bedachte Sammlung zu den Themen Transidentität, Transgender und Transsexualität vor. Sie bettet fünf persönliche Expert_inneninterviews mit Transpersonen in einen sorgfältig skizzierten, leicht lesbaren und gut verständlichen theoretischen Rahmen zu Queer Theory und Transgenderismus ein. Die Interviews setzt sie in Dialog mit Postings in Transgender Internet-Blogs und aktivistischen Texten. Köbele geht in diesem Buch methodisch sehr offen, erfrischend und aufrichtig an ihr Thema heran: Hatte sie anfangs erhofft, einen Bericht über ein verqueertes Verlassen der Mann-Frau-Dualität vorzulegen, wollten die Interviewpartner_innen ihre Transsexualität lieber als Versuch in ein ganz normales Leben verstanden wissen, ohne Wunsch nach einer persönlichen Verkörperung der Leerstelle zwischen den Geschlechtern. Diese aufgezeigte Widersprüchlichkeit ist eine der großen Stärken der Auseinandersetzung des Buches: persönliche Verkörperung zwischen Theorie und Praxis, Essenz und Sozialem, politischem Anspruch und privaten Wünschen, Privilegien und Diskriminierung. Themen der Fragestellungen abgesehen von Körperlichkeiten und Gender-Performance sind Entscheidungen, Schlüsselerlebnisse, Mut, Einsamkeit und Beziehungen. Die zentrale Frage ist, wie es möglich sein kann, das eigene Leben, die eigene Wirklichkeit zu erfinden. Eine spannende und kluge Mischung aus Theorie, Persönlichem und Reflexion.

Karin Schönpflug, für die Lesbenberatungsbibliothek im Lila Tipp

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