Rezension zu Selbstorganisation (PDF-E-Book)

Psychologie heute

Rezension von Tilmann Moser

Der Körper als Feind
Reinhard Plassmann beschreibt Essstörungen als psychisches Trauma

Es gibt Bücher, die auch dem erfahrenen Psychotherapeuten das Gefühl vermitteln, dazulernen zu dürfen, und die Lektüre kann sich zu einem milden Glücksgefühl entwickeln. So geschehen mit dem Buch von Reinhard Plassmann mit dem Untertitel »Über Heilungsprozesse in der Psychotherapie«. Der ärztliche Direktor der Kitzberg-Klinik ist freudianischer Lehranalytiker und damit seiner Ausbildung nach eigentlich auf Orthodoxie eingeschworen. Doch er ist mit jener Neugier und seltenen Bescheidenheit begabt, die es ihm erlaubt haben, zum Nutzen der Patienten aus anderen Therapieformen wichtige Methoden zu integrieren und damit zum Pionier zu werden.

In seinem besonderen Fall ist es die aus den USA kommende EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing). Bei dieser Methode werden durch regelmäßige induzierte Augenbewegungen eine Stabilisierung und Beruhigung des agitierten Patienten erreicht. Zwanzig Jahre Erfahrung als Leiter von psychosomatischen Kliniken haben Plassmann einen Erfahrungsschatz beschert, aus dem er schöpfen kann. Dabei verbindet er vorbildlich Fallberichte mit der diagnostischen und behandlungstheoretischen Einordnung der Erkrankungen.

Essstörungen faszinieren ihn besonders, und nicht ohne Stolz kann er von Heilungsquoten von bis zu 90 Prozent berichten. Der Anteil der wesentlich gebesserten Patienten in der bilanzierenden Rückschau in Überblicksstudien auf alle bisherigen therapeutischen Bemühungen bewegt sich hingegen nur zwischen 30 und 40 Prozent.

Ausgangspunkt ist die Annahme und vielfach belegte Entdeckung, dass einer Essstörung in aller Regel ein gravierendes Trauma und nicht eine als klassische Neurose zu beurteilende Störung zugrunde liegt: emotionale Verarmung oder Überstimulation, sexueller Missbrauch, Gewalt und schwere Trennungserfahrungen. Im Zentrum steht aber nicht mehr der Inhalt der traumatischen Geschehnisse, also das »Was«, das meist ohnehin der Erinnerung nicht zugänglich ist, sondern die Art der zwischenmenschlichen Inszenierung des Traumas.

Plassmann arbeitet mit der gemeinsam erarbeiteten Aufdeckung, dass die Erkrankung ein Muster darstellt, um das Trauma zu überleben. Dieses Muster wird selbst zum Trauma: Die Lebensform der Essgestörten, Magersüchtigen oder Bulimiker führt zu einem immer stärkeren Verlust des lebendigen Selbst. Die Patienten müssen die Muster der Selbstschädigung, die automatisiert wurden, erkennen und verringern lernen. Hierbei ist es wichtig zu verstehen, dass sie ein ursprünglich malträtiertes inneres Kind weiter malträtieren, weil sie sich seiner schämen und unbedingt die aktive Kontrolle über einen als Feind erlebten Körper gewinnen müssen.

Tilman Moser


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