Rezension zu »Er war halt genialer als die anderen«

HEP-Informationen 2/2012

Rezension von Dr. Ulf-Henning Janssen

Biografische Annäherungen an Siegfried Bernfeld

Rechtzeitig zum 120. Geburtstag Siegfried Bernfelds legt Peter Dudek nun eine biographische Annäherung an den Reformpädagogen und einen der ersten Psychoanalytiker vor, der als Mitbegründer der modernen Theorie des Jugendalters und Begründer der Psychoanalytischen Pädagogik Geltung beanspruchen darf.

Der Psychosozial-Verlag, seit längerem mit der Gesamtedition des Werkes Siegfried Bernfelds befasst, rundet diese Aufgabe durch dieses Werk sichtbar ab. Dudek nennt sein Werk bewusst nicht »Biographie«, sondern »biographische Annäherung« und nach der Lektüre ahnt man, warum. Einem Menschen wie Bernfeld kann man sich eben nur annähern. Als scharfsinniger Querdenker mit visionären und aufschlussreichen Thesen war Bernfeld jedem politischen Dogmatismus abhold, ein scharfzüngiger Polemiker, voller Leidenschaft für die bessere Sache. Als Schüler Sigmund Freuds galt ihm hier die Psychoanalyse als wesentliches Element. Und die Aussage, wonach er »halt genialer als die anderen« war, getätigt von Edith Kramer, der zeitweiligen Ziehtochter Bernfelds, zeigt am Ende auch die nicht seltene Tragödie genialer Menschen, die in immerwährendem Scheitern gerade keine klassische Karriere erzielen können, dabei aber sich selbst und ihren Ideen und Idealen stets treu bleiben, was schlussendlich ihren größten Verdienst darstellt. Bernfeld hat den pädagogischen Diskurs sowohl in Israel als auch in den USA wesentlich beeinflusst. In der Bundesrepublik taucht er in den späten sechziger Jahren als Apologet der antiautoritären Erziehung kurz auf; danach wird er von der Pädagogik vergessen.

Zu Unrecht, möchte man meinen. Dudeks Annäherungen belegen eindrucksvoll, welch großer Geist hier in Vergessenheit geraten ist. Dies betrifft gar nicht so sehr die Frage, ob Bernfelds Thesen auch heute noch Geltung beanspruchen können oder nicht oder ob sein Theoriegebäude in manchen Teilen als überholt gelten muss. Naturgemäß spart denn auch der Autor nicht mit Kritik an manchen Vorstellungen Bernfelds und macht deutlich, in welchen Punkten seine Vorgehensweise vor dem heutigen Kenntnisstand keinen Bestand mehr haben kann. Zugleich weist er aber darauf hin, in welch vielfältiger Art und Weise Bernfeld manches vorgedacht hat, was heute selbstverständlicher Bestandteil pädagogischer Arbeit ist.

Damit gelingt dem Autor auch, die Fragestellung seiner Arbeit über die rein historische Betrachtungsweise hinaus dahingehend zu erweitern, welchen Nutzwert das Bedenken Bernfelds auch weiterhin für den Bereich der sozialen Arbeit haben kann. Interessant sind in diesem Leben das Ringen eines Menschen um Wahrhaftigkeit und sein Versuch, das bestmögliche an pädagogischer Förderung herauszuholen, ohne dabei alleine am »grünen Tisch« zu argumentieren. Sein Versuch, mit dem Kinderheim Baumgarten eine wissenschaftlich begründete Form der Pädagogik in der Praxis zu etablieren, bleibt bis heute ebenso reizvoll wie das letztendliche Scheitern des Projektes selbst. Das Kinderheim, nach dem Ersten Weltkrieg als Einrichtung der Fürsorgeerziehung für Kriegswaisen eingerichtet, stellte einen Versuch dar, pädagogisches Arbeiten durch die Hereinnahme psychoanalytischer Begründungszusammenhänge wissenschaftlich zu untermauern. Zudem ging es Bernfeld darum, sein zionistisches Erbe in die praktische Arbeit einfließen zu lassen. Nicht vergessen werden darf an dieser Stelle aber auch, dass er sich auch einem marxistischen Ansatz verpflichtet fühlte, weshalb seine pädagogische Zielrichtung auch darauf ausgerichtet war, die jungen Menschen nicht im Sinne eines kritiklos angenommenen Kapitalismus zu erziehen. Zahlreiche Bilder und Quellenwiedergaben, auch in faksimilierter Form geben dem Buch einen hohen authentischen Wert.

Es stellt damit nicht nur die Lebensbeschreibung eines wichtigen Denkers seiner Zeit dar, sondern auch eine ausgezeichnete Darstellung der Zeitläufe, in denen sich dieser Mensch bewegt hat. Dieses Werk kann all denen wärmstens empfohlen werden, denen die geschichtlichen Entwicklungslinien der Pädagogik ebenso am Herzen liegen wie die Frage, welche Ideen man bis zum heutigen Tage auch aus Modellen ableiten kann, die im Fachdiskurs keinerlei Beachtung mehr finden. Der Praktiker, der ein Interesse daran hat, auch über den Tellerrand hinauszuschauen, wird mit großem Gewinn zu diesem Buch greifen.
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