Rezension zu Die Entstehung des Seelischen

Curare. Zeitschrift für Medizinethnologie. Vol. 35 (2012) 1+2

Rezension von Ronny Krüger

Herausgeber und Autoren haben in diesem Band einen erfreulichen Versuch unternommen, den Beitrag der Psychoanalyse zur Frage der Entstehung des Seelischen zu erweitern. Was der Titel des Buches nicht verrät, ist, dass der Schwerpunkt des Bandes auf post-kleinianischen Forschungen zum Autismus liegt. Dies ist durchaus eine willkommene Überraschung, da die Veröffentlichungen zu diesem spannenden Thema eher Seltenheitswert haben. Bernd Nissen als Herausgeber ist allerdings einer der führenden deutschen Theoretiker auf diesem Gebiet und war 2010 einer der Organisatoren der Tustin-Konferenz in Berlin, einem renommierten internationalen Symposium zur Autismusforschung. Da fast alle Artikel die Entstehung des Seelischen entlang der Entstehung und Behandlung autistischer Phänomene entwickeln, seien zur Einführung kurz zentrale psychoanalytische Positionen zum Thema angeführt. Unter Autismus wird ein Symptomkomplex aus extremer Zurückgezogenheit, dem Bedürfnis nach Unveränderlichkeit, stereotypen Verhaltensweisen und spezifischen Ausdrucksschwierigkeiten verstanden (vgl. ROUDINESCO E. 2004, Wörterbuch der Psychoanalyse, S. 63). Die Psychoanalyse interessiert sich hierbei naturgemäß für die innere Welt der Betroffenen und fragt nach der Bedeutung und Notwendigkeit solcher Symptome. Es wird davon ausgegangen, dass dem Autismus neben genetischen Dispositionen eine traumatische Erfahrung sofort nach der Geburt zugrunde liegt, die dazu führt, dass der Säugling die körperliche Getrenntheit von der Mutter als unerträgliche existentielle Bedrohung erlebt. Um sich vor der hieraus resultierenden katastrophischen Angst zu schützen, erschafft das Kind in seiner unbewussten Phantasie eine Schutzhülle um sich bestehend aus seinen eigenen Körperempfindungen. Auf diese kann es nun zum Schutz gegen seine Ängste zurückgreifen und seine Abhängigkeit von anderen Menschen ignorieren. (vgl. Frances TUSTIN 1986. Was Autismus ist und was Autismus nicht ist. Auszüge aus dem Buch »Autistische Barrieren bei Neurotikern«. Frankfurt/M., 1988, http:// www.maetzler.info/textltustin.pdf, letzter Zugriff 23.06.2011) Die Psychoanalyse versteht den Autismus also als eine Strategie der Angstvermeidung und ist in der Lage, die spezifische Beziehungsgestaltung und den rätselhaft erscheinende Umgang mit belebten und unbelebten Oberflächen autistischer Kinder zu erklären. (Vgl. Karl MÄTZLER, »Zur Bedeutung der psychoanalytischen Autismusforschung«, http://www.maetzler.info/text/autismusforschung.pdf, letzter Zugriff 23.06.2011)

Allerdings geht es im vorliegenden Buch nicht ausschließlich um manifest autistische Kinder. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass autistische »Züge«, »Kerne« und »Konfliktverarbeitungen« auch bei anderen, äußerlich ganz verschiedenen Erkrankungen und auch bei Erwachsenen zu finden und zu verstehen sind. Mit Blick auf autistische, narzisstische oder hypochondrische Störungen, die jeweils als »frühe Störungen«, also als am Beginn der Entstehung seelischer Prozesse auftretende Irritationen verstanden werden, erarbeiten die Autoren meist unter Verwendung von Fallmaterial aus der psychoanalytischen Praxis Zugänge und mögliche Antworten zu diesem Komplex. Theoretisch wird hier vor allem Bezug auf objektbeziehungstheoretische Ansätze Melanie Kleins, Donald Winnicotts und Wilfried Bions genommen, und in deren Tradition stehende Autoren wie Meltzer, Tustin und Bick. Eine Ausnahme bilden die ersten beiden Texte, die mit Lacan und Lorenzer zwei gänzlich verschiedene psychoanalytische Paradigmen aufgreifen.

Der Band unterteilt sich in 3 Abschnitte. Die ersten drei Arbeiten bieten anhand theoretischer Zugänge Ideen und Konzepte in höchster Verdichtung. Die Texte des zweiten und dritten Teils stellen ausführliche und anschauliche Fallvignetten ins Zentrum und beobachten so das Geschehen um die Entstehung des individuell Seelischen aus der Perspektive der dabei auftauchenden Schwierigkeiten und Leiden der beschriebenen Patienten.Als Rezensent versuche ich, dem interessierten Leser einen ersten Ein- und Überblick zu ermöglichen. Ich selbst verstehe mich in der Rolle eines psychoanalytisch geschulten, jedoch nicht aus dem Inneren des kleinianisch-bionianischen Diskurses heraus argumentierenden Lesers.

1. Arbeiten mit theoretisch-konzeptionellen Schwerpunkten

1.1.
In ihrer Arbeit »Zur Entstehung des Psychischen: Ein Vergleich der Theorien J. Lacans und W. R. Bions« folgen Heinz Weiss und Gerda Pagel zunächst dem philosophischen Interesse an der alten Frage nach Erkenntnis auf den Spuren von Kant, Ricoeur, Descartes, Leibnitz, Spinoza, Fichte, Hegel und Gadamer, um diese den psychoanalytischen Perspektiven Freuds, Bions und Lacans gegenüberzustellen. In diesem Tempo geht es dann weiter, wenn im zweiten und dritten Teil des Aufsatzes zunächst die »Radikalisierung der Freud/'schen Perspektive« durch Jacques Lacan, unter Bezugnahme auf die Konzepte »Symbolische Ordnung, Intersubjektivität und Begehren« (S .21), und im Anschluss »Der Andere und die Entstehung von Bedeutung in W. R. Bions Theorie des Denkens« (S. 29) auf jeweils nur 7 Seiten dargestellt werden. Lacans Beitrag verweist auf die fundamentale Bedürftigkeit des Säuglings am Beginn des Lebens und die »Abhängigkeit von Pflege« (S. 22), die dazu führt, »dass sich die Bedeutung der Bedürfnisse erst durch die Beziehung zu einem Anderen differenziert« (ebd.). Dieser Andere, z. B. die Mutter, kann die Not des Säuglings aufnehmen, beantworten und interpretieren, weil er über eine Sprache verfügt und darüber in eine Ordnung eingebunden ist. Indem der Andere die vitale Bedürftigkeit des Säuglings aufnimmt und als Bedeutung strukturiert, verlässt diese ihre biologischen Ursprünge. Der Säugling wird hierbei in eine symbolische Ordnung, die Sprache, eingeführt durch die er sich erst als Subjekt konstituiert. Für Lacan steht also die symbolische Ordnung, als Beziehung zwischen dem Buchstaben, dem Sein und dem Anderen, ganz am Beginn des Seelischen. Um Identität zu stiften, bedarf es also immer einer triadischen Beziehung. (vgl. ebd.)

Bion wiederum geht davon aus, dass symbolische Strukturen aus dem »Nachdenken über emotionale Erfahrungen« (S. 32) entstehen. Voraussetzung hierfür ist eine »träumerische Ahnungsbereitschaft« (ebd) der Mutter, die aufnimmt und versteht, was der Säugling noch nicht erfassen kann. Indem das Kind die von der Mutter umgewandelten und dadurch erfassbar gewordenen Erfahrungen wiederaufnimmt, versetzt sie es nun in die Lage, »seine Gedanken zu denken, d. h. seine emotionalen Erfahrungen zu bearbeiten« (S. 34, Hervorheb. im Orig.). Jetzt ist es möglich, die Abwesenheit des bedürfnisstillenden Objekts, also »Nicht-Brust zu denken« (S. 30, Hervorheb. im Orig.) und somit zwischen innerer und äußerer Realität zu unterscheiden. Im dritten Teil der Arbeit werden nun die beiden Konzeptionen miteinander verglichen und Schlussfolgerungen für den analytischen Prozess gesucht. Letzteres illustrierend, sei hier ein schönes Zitat der Autoren abschließend angeführt: »Lacans Forderung, auf das zu hören, was nicht erwartet wird, [...] nähert sich in gewisser Weise Bions Formulierung: ›Das einzige, was in der Stunde wichtig ist, ist das Unbekannte‹ (Bion 1967,S. 23). [...] Dies kann nach Bion nur dort geschehen, wo zumindest vorübergehend das bewusste Nachdenken und Wissen wollen (memory and desire) suspendiert bleibt, oder, wie Lacan sagt, wo die Wahrheit des Subjekts in der Schwebe bleibt« (S. 41, Hervorheb. im Orig.)

Trotz der erheblichen Unterschiede in Standpunkt und Herkunft dieser beiden bedeutenden Theoretiker der Psychoanalyse gelingt den Autoren dieser Arbeit das Kunststück eines Vergleichs beider.

1.2.
In der zweiten Arbeit des Buches »Affektsymbole als früheste Strukturen des Psychischen« entwirft Philipp Soldt ein Konzept der Frühformen des subjektiven Erlebens unter Bezugnahme auf Konzepte von Alfred Lorenzer und Siegfried Zepf. »Im Zentrum dessen steht eine Theorie der Affekte, welche als Strukturen des vorsprachlichen Erlebens fungieren und insofern [...] Affektsymbole sind, als dem Kind mit ihnen ein nicht-gegenständliches Bewusstsein vom ›Sich-in-seinerUmwelt‹ möglich wird« (S. 51, Hervorheb. im Orig.). Für Soldt ist die »bestimmte Interaktionsform« die Elementarkategorie des Psychischen (vgl. ebd.). Gemeint ist hiermit die Auseinandersetzung zwischen den Bedürfnissen des Kindes und der mütterlichen Subjektivität, die zunächst als vornehmlich biologische Reiz-Reaktions-Matrix abläuft, sich jedoch mehr und mehr durch die Notwendigkeit, in der Mutter-Kind-Dyade immer wieder eine Einigung im ständigen »Wechsel von Befriedigung und Frustrierung« (S. 52) des körperlichen Bedarfs des Kindes herzustellen, ausdifferenziert. Aus dieser dialektischen Bewegung entwickelt sich nun ein »Geflecht vorsprachlicher Interaktionsformen« (ebd., Hervorheb. im Orig.), die nun nicht mehr biologischen Ursprungs sind, sondern sich intersubjektiv ausgebildet haben. Der Autor kommt an dieser Stelle zu dem Schluss, dass sich »von hier aus der Triebbegriff aus seiner biologischen Ummantelung befreien und als Produkt der jeweils besonderen dialektischen Auseinandersetzung von kindlichem Körperbedarf und mütterlichem Interaktionsangebot bestimmen [...]« (S. 52) lässt.

1.3.
Antonino Ferro begibt sich in »Übertragung und Transformationen im Traum« auf den gewundenen Pfad eines »idiotischen Wiederkäuers von Bion« (S. 76), wie er selbst meint, um mit träumerischen, und somit allerdings nicht immer sofort greifbaren Bildern und Worten das zu dekonstruieren, »was wir oft mit dem Ausdruck ›Achse Übertragung-Gegenübertragung‹ digitalisiert haben« (ebd.).

In diesem Sinne schlägt er vor, dass sich die Psychoanalyse von einer Psychoanalyse der Inhalte zu einer der Instrumente und der Funktionen entwickelt hat, »um Gefühle zu fühlen, Gedanken zu denken und Träume zu träumen« (S. 78f). Einem erfahrenen Bionianer wird es dann sicher leicht fallen, die folgenden Ideen zu Alphaelementen, beta1 zu beta2, O, K usw. nachzuvollziehen, die nicht ganz so versierten werden wohl etwas mehr Schwierigkeiten haben. Dies, sei angemerkt, entspricht allerdings einem der wichtigen Beiträge Bions zur Technik, der negativen Fähigkeit, wobei es um das Ertragen eben des Nicht-Verstehens geht. Nissen führt in seiner Einleitung zum vorliegenden Buch an, es handle sich hierbei um die Möglichkeit, den Gedanken Ferros »in Status nascendi« beizuwohnen. Und das ist durchaus faszinierend. Hält der Leser das ein wenig aus, gibt es durchaus etwas zu entdecken hinter dem Opaken, was die Übersetzerin in einer Anmerkung »Ferros Methode der Verdunkelung saturierter Gewissheiten« (S. 75) nennt.

Es geht hier Ferro vor allem um die »Instrumente« des Analytikers, wobei er – sehr schön – als »erste(s) Instrument die Seele des Analytikers [...] und die Operationen, die sie ausführt/nicht ausführt« (S. 76) benennt. Vorgestellt werden zudem weitere Instrumente: Dreaming, Grasping und Casting, die Einblick darin geben, wie Ferro sich die Begegnung mit dem Analysanden vorstellt. Erwähnt sei hier der Vorschlag, vor jede Einlassung des Analysanden in Gedanken »Ich habe geträumt, dass... « (S. 84) zu setzen und so das eigene Zuhören zu dekonstruieten und »Kommunikation (zu) de-konkretisieren« (ebd.).

Ebenso plastisch wie komisch sind seine Beispiele von Tomaten als beta-Elemente und von Rothäuten und deren Brandpfeilen als Bilder für das eigene Fremde und den Verzicht auf »die vielen existentiellen Potentialitäten« (S. 85) des Lebens.

2. Kinderanalytische Arbeiten mit klinischen Schwerpunkten

2.1
Chiara Cattelan ermöglicht in »Raum, Vitalität und Vorstellung in der Entwicklung eines autistischen Kindes« ihren Lesern einen Einblick in kleinianische Konzepte zu Entstehung und Behandlung autistischer Störungen, anhand von Fallvignetten aus der Analyse des kleinen Luigi. Es ist ein sehr am Klinischen und der Störung der frühen Ausbildung psychischer Strukturen orientierter Text, der Wege der Entstehung einer kranken Seele aufzeigt und eindrückliche Beschreibungen der Mühen, Fortschritte und Einbrüche in der langen Behandlung eines schwer kranken Jungen liefert. Zu ihrer Vorstellung der Dynamik der Behandlung schreibt Cattelan: »Im rhythmischen Austausch mit dem Objekt erhält das Kind das Gefühl, sich innerhalb eines geschützten und geordneten Raumes, der in einem späteren Moment durch seine Verinnerlichung zu einem intrapsychischen Raum wird, zu bewegen« (S. 93). Die Arbeit imponiert besonders durch die in den Schilderungen der Autorin deutlich werdende Fähigkeit zu einer tiefen Einfühlung in die Erfahrungswelt des Kindes und der gleichzeitigen Eröffnung von Möglichkeiten der theoretischen Kontextualisierung derer.

2.2
Maria RHODE nennt ihre Arbeit: »Inseln in der Persönlichkeit: Autistische Ängste bei einem psychosomatischen Symptom«, wobei mit Letzterem schwere Herpesanfälle im Mund eines Jungen mit einer psychosomatischen Komponente gemeint sind. Die Autorin versteht dieses Symptomatik unter Bezugnahme auf Frances Tustin als Somatisierung einer »autistischen Nische« (S. 125), d.h., eines »abgekapselte(n) Teils der Persönlichkeit« (ebd.). Die therapeutische Aufgabe bestand nun darin, »verschiedene Aspekte seiner Persönlichkeit, die auf unterschiedlichen Symbolisierungsebenen operierten« (S. 137), miteinander zu verbinden. Von der Gestalt dieser verschiedenen archaischen Welten und dem Ringen um einen Zugang zu ihnen erzählt Rhodes Bericht.

2.3.

Sehr einfühlsam und ausführlich erzählen Luisa C. Busch De Ahumada und Jorge Ahumada in »Autistische Mimesis im Medienzeitalter: Eine Fallgeschichte« von den »geistigen Folgen der Medienherrschaft« (S.141) auf den dreijährigen Juan, der 1,5 Jahre lang vom Fernseher erzogen worden war und nun diesen allen grauenhaften Ernstes für seine Mutter hielt. Mit seinen eigenen Worten: »Ja, ich will zu dem Fernseher, er ist meine Mama [...]« (S. 148). Wir lernen als Leser dieser therapeutischen Geschichte sowohl die durch Vernachlässigung erlittenen Einschränkungen Juans kennen, werden aber zugleich Zeuge, wie er doch sehr allmählich und über Jahre hinweg deutlich seine Fähigkeit zur Symbolisierung entwickeln kann. Den Abschluss der Arbeit bilden einige konzeptionelle Überlegungen der Autoren.

3. Psychoanalytische Beiträge mit unterschiedlichen klinischen Bildern

3.1.
»In Schweigen oder Worte hülle ich mich ein. Von autistischen Barrieren zu Worten mit Bedeutung oder von der Ungetrenntheit zur Differenzierung zwischen dem Selbst und dem Anderen« nennt Angelika Staehle ihren Beitrag, in dem sie davon erzählt, wie ein vierjähriges Mädchen und eine 28-jährige Frau Sprechen oder Nicht-Sprechen als Hülle zum Schutz vor unerträglichen Ängsten benutzen.
So wird zunächst die Behandlung eines Mädchens vorgestellt, das nur mit seiner Mutter spricht, da es sich als Teil des Körpers der Mutter phantasiert und Worte an Andere oder von Andren als Störung und Gefährdung dieser Einheit erlebt und daher im Schweigen versucht, die Erfahrung von Getrenntheit und körperlicher Begrenztheit zu vermeiden. Worte haben hier nach Staehle noch keine symbolische Bedeutung, sondern sind vielmehr konkrete Mittel zur Angstabwehr oder zur magischen Manipulation von Objekten (vgl. S. 181f.)
Dies kontrastierend lernen wir daraufhin eine erwachsene Patientin kennen, die Beziehungen herstellt, indem sie Wörter sammelt, »wie Souvenirs« (S. 189) nicht, um darüber etwas zu symbolisieren, sondern um sie wie eine Hülle zu benutzen.
Während in der Behandlung beide Patientinnen über lange Zeit am Körperlich-Sensorischen festhalten mussten, war es die therapeutische Aufgabe der Analytikern, dies zu ertragen, bis sich allmählich ein eigener innerer Raum entwickeln konnte und der Andere nicht mehr in seinem Anderssein verleugnet und ausgestoßen werden muss, sondern als eigenständiges Gegenüber sein darf (vgl. S. 190).

3.2.
Didier Houzel fragt sich in »Vom Physiologischen zum Psychischen?«, wie der Übergang vom Soma zur Psyche gedacht werden kann. Hierzu stellt er zunächst Descartes/' Postulat zweier unterschiedlicher Substanzen vor, um diese »Sackgasse des ontologischen Dualismus« (S. 194) mit Franz Brentano wieder zu verwerfen. Vielmehr sei von einem »epistemologischen Dualismus« auszugehen, also der Annahme, dass wenn »wir es mit ein und derselben Substanz – einer Psyche-Soma – zu tun haben, die Perspektive, aus der wir sie betrachten, ihre Natur verändert« (S. 196). Es gilt also die beiden zusammenzudenken, auch und gerade, wenn dies aus verschiedenen Blickwinkeln her möglich ist. Von dieser These Brentanos, des Lehrers des jungen Freud, kommt der Autor nun zu Bions Idee der Entstehung der projektiven Identifikation in einem Säugling, »der an quälendem Hunger und Todesangst leidet, gepeinigt von Schuld und Angst und getrieben von Gier [...]« (S. 197). Indem die Mutter das schreiende Kind nun aufnimmt und tröstet, sichert sie nicht nur die Befriedigung seiner (körperlichen) Bedürfnisse, sondern befriedigt gleichzeitig auch sein (psychisches) Begehren. Anhand der Darstellung zweier Fallvignetten erläutert Houzel nun, wie sich das Misslingen dieser mütterlichen Aufgabe klinisch darstellen kann.


3.3.
Bernd Nissens Text »Die Geburt des Seelischen. Theoretische und behandlungstechnischen Überlegungen zur autistoiden Dynamik am Beispiel einer Perversion« stellt die therapeutische Behandlung selbst als Prozess der Entstehung des Seelischen vor. Anhand einer eindrücklichen Fallvignette der Behandlung einer lebensbedrohlichen Perversion beschreibt Nissen die innere Welt seiner Patientin und entwickelt gleichzeitig theoretische Konzepte des Versehenen. So geht er bei der manifesten Symptomatik der Patientin nicht von einer Perversion im herkömmlichen Sinne aus, sondern stellt vielmehr diese im Sinne einer autistoiden Dynamik dar. Aufgrund tiefer Störungen bei der Ausbildung frühester mentaler Strukturen können sich keine psychischen Räume als Voraussetzung für Träume, projektive Identifizierungen etc. entwickeln und aversive Affekte nicht die Qualität von Gefühlen erlangen. Diese frühen Empfindungen können nur »projektiv evakuiert« (S. 232) werden. Die sich hieraus ergebende Frage nach der klinischen Bearbeitbarkeit eines solchen Nicht-Raumes, beantwortet Nissen im Rekurs auf die »nicht-autistoiden Persönlichkeitsanteile« (vgl. ebd.).

3.4.
In »Von der autistoiden Organisation zur triangulären ödipalen Struktur« nimmt Gerhard Schneider Bezug auf Konzepte von Nissen und stellt anhand einer bewegenden und sehr detaillierten Fallbeschreibung dar, wie bedrohlich und real lebensgefährlich die in einer Behandlung auftauchende Veränderung einer psychisch überlebensnotwendigen Abwehrformation werden kann (vgl. S. 238). Im Zentrum der Darstellung steht jedoch die Bearbeitung der verschiedenen Trennungen/Getrenntheiten, die über viele Jahre in einem hochfrequenten und ungewöhnlichen Setting »die Entwicklung von einer sutistoiden Organisation hin zu einer triangularen ödipalen Struktur« (S. 254) nachzeichnet. Mit anderen Worten wird es dem Leser hier ermöglicht, eine gefährliche und zuweilen aussichtslos erscheinende Behandlung mitzuerleben und deren erfolgreiches Ende zu erahnen.

3.5.
Judith L. Mitrani: »Erstarrt im Schatten der Mutter. Zu den Nebenwirkungen der chronischen Verwendung auto-sensueller Schutzfaktoren«. Anhand der Behandlung einer Patientin mit Fibromyalgie beschreibt die Autorin zentrale Konzepte zum Verständnis frühester Störungen der Mutter-Kind-Interaktion und wie diese sich in einem langen therapeutischen Prozess verändern können. Zunächst wird Esther Bicks Konzept einer »psychischen Haut« eingeführt, die, analog der Funktion unserer Körperhaut, die »verschiedenen Teile des naszenten Selbst« (S. 259) umhüllt und zusammenhält. Sollte diese durch äußere Einflüsse beschädigt werden, bildet sich eine »Zweithaut oder Ersatzhaut« (ebd.), die »die Abhängigkeit von der Mutter durch eine Pseudo-Unabhängigkeit« (ebd.) ersetzen soll. Dann wird Frances Tustins Konzept der Entstehung einer »schützenden Schale« (S. 261) vorgestellt, die »sehr frühe, unverdauliche Erfahrungen in sich aufnimmt« (ebd.). Der Autorin gelingt es hier, die Entstehung früher Störungen zu umreißen, wenn Mütter »unwissentlich und unbeabsichtigt auf ihr Baby so reagieren, als sei es Teil ihres eigenen Körpers« (S. 262), wodurch sie nicht in der Lage sind, sich in die Bedürfnisse ihres Kindes einzufühlen, was nun durch Überbehütung zu kompensieren versucht wird. Den Hintergrund dafür sieht die Autorin mit Tustin in der Disposition des Kindes, ungünstigen Umweltfaktoren und in den »Gefühlen der Zerbrochenheit, der Unzulänglichkeit und des Alleinseins und der Depression der Mutter selbst« (ebd.). Somit stellt sich eine Frage nach »Schuld« nicht, jedoch sind infolge dieser Entwicklungen »diese Mütter ihrem Kind allzu nahe und gleichzeitig allzu fern.« (ebd.) Wie eine solche Entwicklung in einer analytischen Behandlung nachgezeichnet und verstanden werden kann, zeigt die Autorin dann anhand eines klinischen Beispiels, wobei Entwicklungen vor allem anhand der Qualität der Träume plastisch und bildhaft werden.

3.6.
In »Koerzitive Schutzmaßnahmen und die Suche nach Verbundenheit« stellt Theodore Mitrani vier klinische Falle vor, die gemeinsam haben, dass sie in ihrem Kontakt zum Analytiker »den Zustand einer statischen, nicht prozesshaften Bindung herzustellen« (S. 300) suchten. Der Autor versteht dies als Kompromissbildung und diskutiert in seinem Beitrag die möglichen Verstehensansätze und Umgange mit diesem Phänomen.

3.7.
Laura Viviana Strauss versucht in ihrem Beitrag »Zwischen Narzissmus und Autismus: Auf das Fenster und nicht aus dem Fenster. ...« anhand eines ausführlichen Fallbeispiels, »zwei verschiedene Formen von psychischem Rückzug, ein narzisstischer und ein autistischer« (S. 306), als zwei »Stillstände in der Behandlung (zu) verstehen und zu kontextualisieren« (ebd.). Nachdem zunächst die beiden genannten Arten des Rückzugs theoretisch eingeführt werden, können diese dann in der Fallvignette überprüft und angewandt und in einem dritten Teil diskutiert werden.


3.8.
Christa Maria Burrs »Der frühe Biss der Wirklichkeit: Die Entstehung seelischer Prozesse und hypochondrischer Körperstörungen – eine andere Betrachtungsweise mithilfe der franco-ibero-argentinischen Psychoanalyse«.
Im letzten Beitrag des Buches erarbeitet die Autorin ein eigenes Verständnis schwerer hypochondrischer Störungen unter Verwendung und besonderer Berücksichtigung der Ansätze dreier Autoren: Ricardo Rodulfo aus Argentinien. und Piera Aulagnier und M. Sami-Ali aus Frankreich, von denen sie sich erhofft, dass deren »Theoriemodelle (...) eine Lücke im Verständnis der frühen Leiblichkeit in ihrer Beziehung zur Welt« (S. 335) schließen. Es geht der Autorin insbesondere um die »Radikalität, mit der in ihnen (den Arbeiten der oben genannten Theoretiker, R.K.) der Körper – anstatt das Seelenleben – zum Ausgangspunkt des Psychischen wird« (S. 335). Im Text führt Burr ihre Hypothese aus, nach der »die schwere monosymptomatische Hypochondrie ihren Ursprung im Zusammenwirken einer fortgesetzten chronischen Entwicklungsstörung mit einer spezifischen Traumatisierung in den frühesten Entwicklungsphasen hat« (S. 336). Die Funktionsweise dieser Phänomene werden dann theoretisch mit Konzepten der obigen Autoren verknüpft und der Behandlungsverlauf vor allem anhand der Entwicklung der Projektionsfähigkeit eines Patienten nachgezeichnet.

Fazit:
Hier wird ein umfassender Einblick in den Stand der Forschung meist aus kleinianischer Sicht geboten. Der Text von Soldt fällt hier als einziger heraus. Jede Arbeit ist ein komplexes und zum Weiterdenken einladendes Werk und steht für sich. Was leider meist fehlt, ist eine Bezugnahme, ein Kommunizieren der Texte miteinander.
Das Besondere und Spannende an diesem umfangreichen Kompendium ist die Begegnung zwischen theoretischen Überlegungen und den sehr reichhaltigen und eindrücklichen Falldarstellungen.
Es handelt sich jedoch eher um einen Aufriss der Fragestellungen und konzeptionelle Überlegungen zum Thema. Wer also Antworten erwartet, könnte sich am Ende wundern. Etwas anderes wäre wohl auch angesichts der Komplexität des Themas kaum möglich. Ich kann mich jedoch dem Herausgeber voll anschließen, wenn er im Vorwort feststellt: »Aber es werden gewohnte Sichtweisen aufgebrochen, neue, häufig überraschende angeboten, über die es sich lohnt nachzudenken« (S. 10).

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