Rezension zu Okkulte Ästhetik

Der Götterbote. Magazin des Ordens für okkulte Kunst e.V. Heft 01/2012

Rezension von Berthold Röth

Okkulte Ästhetik

Die vorliegende Arbeit untersucht die Wechselwirkung von ästhetischer Theorie, Kunst und parapsychologischer Forschung im Hinblick auf ihre versteckten – eben okkulten – Zusammenhänge. Der Fokus liegt auf den Medienforschungen des Arztes Freiherr von Schrenck-Notzing (1862–1929), der mit seinen experimentellen Bemühungen um eine Sichtbarmachung des Unsichtbaren als Exponent einer okkulten Ästhetik anzusehen ist. In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts trafen sich Okkultismus bzw. okkultistisch inspirierte Kunst und die frühe Parapsychologie im Leitbild der Trance-Kunst bzw. der Suggestion unter Hypnose. Der Mediziner Albert von Schrenck-Notzing untersuchte die Potentiale von medial begabten Menschen und benutzte den Begriff eines »wissenschaftlichen Okkultismus«, um eine historische Trennung von Phänomenen und Methode zu betonen. Damit versuchte er eine Art okkulte Kunstwissenschaft zu etablieren, die durch entwicklungsbiologische Theorien unterfüttert wurde. In individueller Strategie untersuchte er die psychischen Potentiale und die evokative Kraft der Bilder.

Einleitend werden zuerst die relevanten medizinischen Diskurse der 20er Jahre dargestellt, allem voran natürlich die Hypnose-Experimente von Charcot mit den Hysterikerinnen an der Salpêtrière in Frankreich. Alle parapsychologischen Phänomene, auch religiöse und mystische Phänomene, wurden einem unbewussten »Doppel-Ich« zugeordnet und somit in den Bereich multipler Persönlichkeiten gebracht. Obgleich solche Phänomene nach wie vor als nicht »normal« galten, konnten sie nun aber unter dieser wissenschaftlichen Begrifflichkeit vorübergehend der Schublade »Krankheit« entzogen werden. Schrenck kritisierte allerdings solche Zuordnungen, da er die These einer einzigen unteilbaren eigenen Persönlichkeit – das Ich – angesichts der Komplexität des menschlichen Bewusstseins als nicht haltbar empfand. In seiner ärztlichen Tätigkeit war er aus heutiger Sicht allerdings nicht so liberal, denn als Gutachter bei Gerichtsverhandlungen trat er gegenüber Tatbeständen der Suggestion wie auch in seiner Ablehnung sexueller Ausrichtungen z.B. der Selbstbefriedigung oder Homosexualität sehr rigide ablehnend auf.

Zu seiner Zeit wurden noch Psychologie und Okkultismus in wechselseitiger Bezugnahme rezipiert und bildeten die okkulten Grundlagen der Moderne. Neben der Hypnose standen das automatische Schreiben, die Geisterfotografle und natürlich die Seancen an vorderster Stelle. Schrenck-Notzing benutzte dafür bereits ein halbes Jahrhundert früher den später in der Postmoderne dann gern zitierten Terminus von der »virtuellen Realität«.

Er und sein Künstlerfreund Albert von Keller machten dort weiter, wo Charcot und Richer mit ihrer Studie über »Die Besessenen in der Kunst« (1887) versucht hatten, vermeintlich pathologische (hysterische) Ausdrucksdarstellungen innerhalb der Kunstgeschichte ausfindig zu machen. Ihr Zeitgenosse Carl du Prel wurde allgemein aufmerksamer als Schrenck rezipiert – quer durch die Schulen der Psychoanalyse, der Gehirnforschung bis zu den Dichtern und Künstlern. Schrenck verstand sich auch nie als praktizierender Magier. Dennoch waren seine Séance-Sitzungen, die er für einen kleinen auserwählten Kreis in seinem Haus in München veranstaltete, als Adresse höchst en vogue. Um die Jahrhundertwende waren die literarisch-philosophischen und religiösen Kreise und Zirkel nicht homogen abgeschlossen, sondern berührten sich. So verkehrten die Personen um Klages, Schrenck, Schuler, Busse, den Stefan-George-Kreis und viele andere miteinander. Allerdings sind diese Kontakte von Schrenck zur Münchner Bohème wenig bekannt. Aus den Tagebüchern von Franziska von Reventlow weiß man, dass sie in enger Beziehung zu ihm stand und ihre Romane von ihm beeinflusst sind. Sie arbeitete für ihn als Übersetzerin fremdsprachiger Texte und es scheint, dass sie auch eine Affäre zu dem vermögenden Schrenck unterhielt. Dass sich Fanny von Reventlow zeitweise auch prostituierte, um ihren Lebensunterhalt zu ermöglichen, gilt als gesichert. Über sie ergaben sich Kontakte zu Friedrich Huch, Ludwig Klages, Alfred Schuler und den anderen »Kosmikern« bei den parapsychischen Abenden in Schrencks Haus. Die Kosmiker waren von der Echtheit der telekinetischen Erscheinungen überzeugt. Ob die Reventlow nach zehn Jahren Bekanntschaft mit Schrenck, nachdem sie 1910 nach Ascona verzog, noch Kontakt zu ihm hielt, ist nicht bekannt.

Im Buch folgen ausführliche Beschreibungen der einzelnen weiblichen Medien, mit denen Schrenck über lange Zeiträume gearbeitet hat und Beschreibungen der Materialisationen und Ektoplasmen, die dabei aufgetreten waren. Schrenck machte historisch gesehen genau dort weiter, wo bereits Freiherr von Reichenbach mit seiner Od-Forschung begonnen hatte. Dabei traten gegenüber den immer stärker auftretenden ektoplasmischen Zweitkörpern die eigentlichen Medien immer mehr in den Hintergrund. Fotografien dieser Erscheinungen pries Schrenck als »Kunstformen des Übersinnlichen«. Anstatt von Ektoplasma zu sprechen verwendete er den Begriff »ideplasma«. Dieses trat aus Vagina, Mund, Nase oder auch den Brustwarzen hervor und schien eine Art von transzendentalem Sperma oder Sexualsekret zu sein. Deswegen wurde dies auch als erotische Metapher rezipiert, da zwischen Versuchsleiter und Medium eine Form libidinöser Vereinigung gedacht werden konnte und das Bild eines geistig (bzw. suggestiv) vollzogenen Geschlechtsakts herangezogen wurde. Das Herausströmen des Ektoplasmas galt als vergleichbar mit dem Heraustreten von Samenflüssigkeit beim Geschlechtsverkehr. Im sexuellen Miteinander der weiblichen Medien wird das Ektoplasma zum Objekt der Penetration. Da aber immer mehr auch ganze Personenformen sich materialisierten, die als Verstorbene gedeutet wurden, entwickelte Schrenck, der lange den Bereich des anrüchigen Spiritismus gemieden hatte, dennoch eine »Geister-Theorie«.

Die »Materialisationsphänomene« von Schrenck-Notzing, erschienen 1914, nehmen einen strategisch bedeutenden Platz in der Geschichte der okkulten, spiritistischen und mediumistischen Literatur des 20.Jahrhunderts ein. In Okkultistenkreisen wurde er gefeiert, da er als Arzt und Psychiater von der Gesellschaft als nüchterner, kritischer Forscher mit gutem Ruf wahrgenommen wurde. Die Psychoanalyse unter Sigmund Freud dagegen verweigerte eine Einlassung auf Schrencks Werk und diese Phänomene. Die übrige wissenschaftliche Welt ging davon aus, dass Schrenck auf hysterische Betrügereien der Medien hereingefallen sei. In Künstlerkreisen dagegen wurde die transzendentale Ästhetik der Materialisationsphänomene als mediumistische Kunst bezeichnet. Hans Freimark, enger Mitarbeiter des Sexualforschers Magnus Hirschfeld, veröffentlichte ebenfalls 1914 unter diesem Titel. Er war als Wissenschaftler dem theosophischen und okkulten Gedankengut gegenüber durchaus offen eingestellt. Mit dieser Studie über »Mediumistische Kunst« erbrachte er eine Pionierleistung auf einem Gebiet, das vollständiges Neuland darstellte. Künstler experimentierten damit und fanden es nicht schwierig, mediumistische Malereien willentlich zu produzieren. Das Schwierigste dabei ist das Ausschalten der Kritik, des instinktiven Bestrebens, diesen oder jenen Zug der sich selbst überlassenen Hand zu korrigieren.

Der Begriff »Mediumistische Kunst« beinhaltet in sich einen grundlegenden Widerspruch, denn Kunst ist prinzipiell ein Akt des bewussten Erarbeitens von Eindrücken, Empfindungen. Das passive Drängen und Treiben der Seele im Mediumismus stehen dem geradezu diametral gegenüber. Irgendwo zwischen diesen beiden Polen fände eine Kunst im Embryonalzustand statt. Mediumistisch inspirierte, schöpferische Tätigkeit sei nur der Absicht nach Kunst. Aber selbst wenn Materialisationsphänomene Betrug gewesen sein sollten und die Medien diese zuvor mit Pinsel und Schere erstellt und in die Séance hineingeschmuggelt hätten, ähnelt das noch der dadaistischen Collagekunst. Im Buch werden neben den Forschungen zu den Materialisationsphänomenen auch all jene ausführlich dargestellt, welche sie als Fälschungen entlarvten. Ob gefälscht oder nicht gefälscht, konnte bis heute nicht vollends geklärt werden.

In die Kunstdiskussion mischte sich auch ein bekannter Zellbiologe, Max Verworn, ein, der den Begriff »Ideoplastische Kunst« prägte. Da die Fotografien der Phänomene Fehler enthielten, die die Theorie der Fälschungen untermauerten, unterschied er zwischen einer physioplastischen Kunst, bei der im Wesentlichen die naturgetreue Nachbildung des Motivs angestrebt wurde, und einer ideoplastischen Kunst, die grundsätzlich eine schematischere Darstellung anstrebe und diese auch in differenzierende Art und Weise umsetze. Die ideoplastische Kunst betrachtete er als entwicklungsgeschichtlich fortgeschrittener. Er integrierte auch bereits die damals noch stark umstrittenen avantgardistischen Kunstauffassungen wie den Expressionismus, Futurismus und den Kubismus in seine Überlegungen.

In diesen Bestrebungen der modernen Kunst, namentlich dem Futurismus und Kubismus, sieht Verworn eine Tendenz zur »phantastischen Ideoplastik«, wodurch er die progressiven Kunstschaffenden seiner Zeit ausdrücklich unterstützt. »Man will die bildende Kunst nicht beschränkt wissen auf die Darstellung von wirklich gesehenen Körpern, sondern man will sie auch anwenden zum Ausdruck von Bewusstseinsvorgängen, denen keine Körpervorstellungen zugrunde liegen, also von einfachen Empfindungen, Gefühlen und Stimmungen.« Positiv verwies Verworn auch auf die wichtige programmatische Schrift von Kandinsky »Über das Geistige in der Kunst«. Schrenck-Notzing bezeichnete daraufhin die ektoplasmischen Gebilde, die sich durch Fähigkeit oder Begabung der Medien als Projektion im Außenraum manifestieren konnten, als ideoplastische Kunstwerke.

Abgeschlossen wird das Buch mit einer Chronologie der Körperkunst, wobei die Hysterikerinnen von Charcot an der Salpêtrière, deren Starhysterikerin Augustine später von den Surrealisten idolisiert wurde, wie auch die mediumistischen Seelendarstellerinnen als deren Vorläufer gelten. In der Körperkunst weiter ging es dann mit den Lautgedichten eines skurril verkleideten Hugo Ball, den Lärmaktionen der Futuristen und natürlich den Surrealisten, welche okkulte Konzeptionen und psychoanalytische Theorien rezipierten. Die im Buch dargestellten Hysterikerinnen- und Medienphänomene ähneln vor allem der in den 60er Jahren entstehenden Körperkunst (Body Art). Jedenfalls wird mit diesem Grundlagenwerk ein Gebiet der okkulten Kunst vorgestellt, mit dem es sich auch heute noch auseinanderzusetzen lohnt.

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