Rezension zu Kreative Therapien in der Psychoanalyse

Die Tonkunst

Rezension von Johanna Thiess

Gertraud Reitz, Rolf Schmidts, Ingeborg Urspruch, Thomas Rosky: Kreative Therapien in der Psychoanalyse. Tanz, Musik, Theater

»Der Körper spricht.« In unserem Kulturkreis wird die Tendenz zu fassadärem Verhalten, Anpassungszwang an vorgegebene Normen und Strukturen, Streben nach äußerer Geltung, verbunden mit Vernachlässigung und Indifferenz des Menschen gegenüber seinen inneren Bedürfnissen und Einstellungen und der sich daraus entwickelnden Wertorientierung, immer stärker. Unter dieser Entwicklung haben immer mehr Menschen zu leiden, so dass der Bedarf an psychotherapeutischen Verfahren vor allem in leistungsorientierten Industriegesellschaften zunimmt. Mittlerweile gelten mehrdimensionale Therapien als Voraussetzung für erfolgreiche Behandlungen psychiatrisch schwer erkrankter Patienten. Das vorliegende Buch widmet sich den körperzentrierten psychotherapeutischen Verfahren – bestehend aus einer Kombination aus nonverbaler Therapie und sprachlicher Deutungs- und Interventionsarbeit: Die Verfahren der Musik-, Tanz- und Theatertherapie lassen »den Körper sprechen« und ermöglichen so eine nonverbale Öffnung zum Unbewussten.

Die AutorInnen arbeiten sämtlich als Psychiater und Psychoanalytiker und sind auf verschiedene Art mit der Dynamisch-Psychiatrischen Klinik Menterschwaige in München verbunden, jedoch alle in unterschiedlichen Bereichen tätig. Ihre Aufsätze bauen nicht aufeinander auf, stattdessen wird jede Therapieform für sich besprochen. Insgesamt ergibt sich allerdings ein stimmiges Gesamtgefüge, das dem interessierten Laien einen guten Eindruck in die Psychotherapien vermittelt. Dem Vorwort von Thomas Rosky zufolge richtet sich das Buch auch an Therapie-Patienten, was hingegen nach gründlicher Lektüre ein wenig zweifelhaft erscheint, da in erster Linie die verschiedenen therapeutischen Methoden veranschaulicht werden.

Der erste Teil widmet sich der Musiktherapie. Er befasst sich einerseits mit der Arbeit einer musiktherapeutischen Gruppe, in der es darum geht, das Selbstgefühl und Selbstverständnis der einzelnen Gruppenteilnehmer zu verändern und so neue Erfahrungen von Kontaktfähigkeit zuzulassen. Diese Form der Therapie ist vor allem bei frühkindlichen Traumata (aus der vorsprachlichen Zeit) effizient. Thematisiert werden andererseits auch theoretische Aspekte. Dies geschieht auf einer wesentlich abstrakteren und schwerer zu lesenden Ebene, was mit Sicherheit mit der Schwierigkeit, Musik begrifflich zu erfassen, zusammenhängt. Lobenswerterweise schreckt der Autor aber nicht vor der Thematisierung dieser Problematik zurück, die ihren Platz unter anderem in einem abgedruckten Gespräch zwischen Rolf Schmidts (Musiktherapeut), Theodor Weimer (Kirchenmusiker) und Thomas Rosky (Redakteur) findet, das zahlreiche interessante Aspekte der Musiktherapie anspricht und so dem Leser neue Denkanstöße gibt.

Ein zweiter Teil behandelt die Tanztherapie. Die Auseinandersetzungen mit Ursprüngen und theoretischen Grundlagen der Therapieform bilden eine gute Einführung. Auch Aufbau und Phasen der Therapie werden gut verständlich und leicht lesbar erklärt. Viele Fallbeispiele und Bilder erhöhen dabei noch die Anschaulichkeit. Dank detaillierter Hintergrundinformationen büßt der Text dabei nicht an Professionalität ein. So wird beispielsweise eine Verbindung gezogen von der Entstehung des freien Ausdruckstanzes in Europa und dem modern dance in den USA, der Zeit selbst (kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges, eine Zeit von extremen politischen Umstrukturierungen, sozialer Not und spannungsgeladener Atmosphäre in der Gesellschaft) und der Entdeckung des Unbewussten durch Sigmund Freud. So wurde in dieser Zeit zum ersten Mal der individuelle Ausdruck von verborgenen Gefühlen Thema von tänzerischen Theaterinszenierungen. Direkt im Anschluss an diesen zweiten Teil steht ein kulturgeschichtlicher Exkurs zum Thema Bühnentanz, welcher auch für sich genommen unbedingt als lesenswert angesehen werden darf.

Das Kapitel zur Theatertherapie ist ähnlich strukturiert wie das vorangegangene Kapitel zur Tanztherapie. Nicht nur geschichtliches Hintergrundwissen sowohl zu Ursprüngen des Theaters wie auch zur Entwicklung der Theatertherapie wird offengelegt, sondern auch die konkrete Arbeit mit der therapeutischen Gruppe wird anhand von zahlreichen Beispielen und Bildern erläutert. Ein ausführlich beleuchteter Aspekt ist die kreativ-künstlerische Dimension von Theater bzw. freiem Spiel – jedoch immer vor dem Hintergrund der Theatertherapie. Zugleich werden auch immer wieder – von der Therapie ausgehend – Bezüge zum Theater und seiner Funktion in der Antike gebracht. Ein weiterer interessanter Punkt ist die Identität bzw. Identitätsstörung, die mit Hilfe des Theaters therapierbar ist. So können Patienten entweder Rollen spielen, die in der Realität nicht ausgelebt werden durften, oder aber gerade in die Rollen schlüpfen, mit denen sie sich identifizieren, um sie so verarbeiten und sich mit möglichen Lösungsansätzen auseinandersetzen zu können. Somit ist auch die Rollenfindung ein wichtiger und entscheidender Bestandteil der Therapie. Immer wieder angeführt wird hier Johann Wolfgang von Goethes Faust, der von einer Theatertherapiegruppe nach langen Vorbereitungen inszeniert und aufgeführt wurde. Ein letztes Unterkapitel gibt Äußerungen von Theatertherapie-Patienten wieder, die von ihrer persönlichen Wahrnehmung der Therapie berichten.

Was den Umfang anbelangt, nimmt die Theatertherapie insgesamt den größten Platz ein. Dies hängt unter Umständen damit zusammen, dass sie die einzige Therapieform ist, die es neben der Behandlung individueller Persönlichkeitskonflikte vermag, im Projekt Gemeinschaftsgefühl, Geborgenheit, Zuwendung sowie ethische Werteorientierung zu vermitteln. Mit fundiertem Fach- und Hintergrundwissen zum einen und konkreten Beispielen zum anderen fungiert das Buch als sehr guter Einstieg in die Thematik der sich immer weiter ausbreitenden körperzentrierten Therapieformen. Nicht zuletzt die Vielgestaltigkeit der verschiedenen Unterkapitel macht die Lektüre abwechslungsreich und interessant – lohnend für jeden, der sich mit kreativer Psychotherapie auseinandersetzen möchte!

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