Rezension zu Trauma im Film

Freie Assoziation, 15. Jahrgang, Heft 1/2012

Rezension von Gerhard Bliersbach

Psychoanalytische Kino-Lektüren
»Zwischen dem Film und der Psychoanalyse gibt es eine große Gemeinsamkeit«, schreiben die beiden Herausgeberinnen Sabine Wollnik und Brigitte Ziob in der Einleitung ihrer Publikation »Trauma im Film«. Psychoanalytische Erkundungen, »Film und Psychoanalyse entstammen wie uneheliche Geschwister einem gemeinsamen, historischen, sozialen und kulturellen Hintergrund«. Weshalb sie uneheliche Geschwister sind, erläutern die Herausgeberinnen mit der Jahrzehnte währenden Anerkennung des Kinos als einer vitalen narrativen Kunst und des psychoanalytischen Verfahrens als eines wirkungsvollen therapeutischen Instruments – was die Verwandtschaftsverhältnisse nicht klärt, aber die Gemeinsamkeit eines ähnlichen, aber zugleich auch sehr verschiedenen Kultur-Schicksals andeutet, dessen Geschichte am Ausgang des 19. Jahrhunderts begann. »Trauma im Film« ist der zweite Band der Lektüre von Kinofilmen, den die rheinische Gruppe von sieben Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern vorgelegt hat. Der Titel »Trauma im Film« begründet und rechtfertigt ihr Interesse. In ihrer Einleitung konstatieren sie, »dass Filmemacher sich in den letzten Jahren immer häufiger in ihren Filmen mit Extremerfahrungen und immer wiederkehrenden seelischen Verletzungen auseinandersetzen, während sich die Psychoanalyse in einer Phase intensiver Erforschung psychischer Traumata befindet«.

Das Kino exploriert, wie die anderen Künste auch, die komplexen Lebensbedingungen unserer Existenz. Bemerkenswert ist die Bedeutung, die den Beiträgen des Kinos zugewiesen wird – wie die beiden Psychoanalytiker Olaf Knellessen und Reimut Reiche nennen Sabine Wollnik und Brigitte Ziob es das künstlerische Leitmedium (Knellessen/Reiche 2007). Die Attraktion des Kinos hat viele Gründe. Einen Grund hat Pauline Kael, die 2001 verstorbene Filmkritikerin der Zeitschrift »The New Yorker«, mit dem Satz formuliert: »When the lights go down and all our hopes are concentrated on the screen« (Kael 1980). Vor die Leinwand locken die mächtige Sinnlichkeit, die affektive Dichte und das Versprechen des Kinos, intensive Beziehungserfahrungen machen zu können. Kinofilme konfrontieren, und das macht es für die psychoanalytischen Autorinnen und Autoren so vergnüglich, uns mit den Entwicklungsprozessen ihrer Protagonisten im Zeitraffer zu verwickeln und uns dabei in eigentümliche, schwer zu beschreibende, schwebende Beziehungsgeschichten mit ihnen. Kinofilme bringen ihr Publikum auf subtile Weise mit den eigenen Lebenswünschen und der eigenen Lebenssituation in Kontakt. Dagegen geht das psychoanalytische Verfahren den Entwicklungsprozess seines Protagonisten wie mit der Zeitlupe durch und verwickelt die beiden Akteure – Patientin oder Patient und Therapeutin oder Therapeut – in eine sehr reale Beziehungskonstellation, die mit den Interaktionsbegriffen Übertragung und Gegenübertragung konzeptualisiert ist. Schematisch könnte man sagen: Das Kino ist der implizite Prozess einer Selbsterfahrung; die psychoanalytische Psychotherapie ist der Theoriegeleitete, explizite Prozess der Selbsterfahrung und Selbstreflexion. Die psychoanalytisch orientierte Kino-Lektüre ist dann der Versuch, die aus der Begegnung mit einem Kinofilm entstandene implizite Erlebenstextur zu einer neuen, plausiblen, Theoriegestützten Text-Gestalt, die die psychoanalytisch herausgearbeiteten Subtexte aufnimmt, zu transformieren.

Das Trauma der Protagonisten ist der wiederkehrende Subtext, den Sabine Wollnik und Brigitte Ziob mit ihren Kolleginnen und Kollegen in zwanzig Kinofilmen herausarbeiten. Das Trauma ist ihre Orientierung für den auf die Lebensgeschichten der Protagonisten fokussierten Blick. Die Freud’sche Idee vom Narrativ, mit dem das Selbst sich schützt – die Traum-Erzählung beispielsweise als der Hüter des Schlafes –, ist ihre andere konzeptionelle Orientierung, weshalb sie den gelungenen filmischen Erzählungen einer oder mehrerer gravierender traumatischer Erfahrungen der Leinwand-Protagonisten eine Art möglicher therapeutischer Funktion für einen Kinogänger oder eine Kinogängerin zuschreiben: »Filme können therapeutische Wirkungen haben, insofern das traumatisierte Individuum an den Inszenierungen des Films, die einer Lösung zugeführt werden, teilhat«.

Der Frage der möglichen kurativen Wirkung eines Films gehen die sieben Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern im Einzelnen nach. In fünf Kategorien haben sie die von den Protagonisten repräsentierten Subtexte von Traumata geordnet. Es sind:
1. schwere Verlusterfahrungen (Scheidung der Eltern, Tod eines Elternteils, Kränkungserfahrungen und gescheiterter Lebensentwurf, Altern) in: Michel Gondrys »The Sciene of Sleep«; Kay Pollaks »Wie im Himmel«; Fatih Akins »Auf der anderen Seite«; Steven Spielbergs »Catch me if you can«; Denis Dercourts »Das Mädchen, das die Seiten umblättert«; Andreas Dresens »Wolke 9«;
2. Erfahrungen massiver sexueller und aggressiver Intrusionen (Hilfsbereitschaft als maskierte Aggressivität, Unterdrückung der sexuellen Identität im Kontext einer tiefen Angst vor dem Vater, Labilisierung durch aggressive Verführung) in: Anders Thomas Jensens »Adams Äpfe«l; Ang Lees »Brokeback Mountain«; Dominik Molls »Lemming«;
3. Zerstörung der körperlichen Integrität (schwere Verluste durch den Einbruch der Katastrophe eines Autounfalls und eines Hirnstamm-Infarkts) in den beiden Filmen von Gonzales Iñárritus »Amores Perros« und »21 Gramm« sowie in Julian Schnabels »Schmetterling und Tauchglocke«;
4. Erfahrungen schwerer politischer und kriegerischer Gewalt (Terror, Vergewaltigung und Mord) in: Ali Samadi Ahadis und Oliver Stoltz’ »Lost Children«, Jasmilia Zbanics Esmas »Geheimnis – Grbavica«, Hany Abu-Assads »Paradise Now«, Alain Resnais’ »Hiroshima, mon amour«, Roberto Benignis »La vita è bella« und Claude Chabrols »Geheime Staatsaffairen«;
5. Kumulative Traumatisierung (die tiefe Spur des Scheiterns von Beziehungen und der Versuch des Aufholens verpasster Lebenschancen) in: Martin Gypkens’ »Nichts als Gespenster« und Stéphane Brizés »Man muss mich nicht lieben«.

Die psychoanalytische Kino-Lektüre liest den Spielfilm gewissermaßen gegen den Strich der filmischen Erzählung, verfremdet ihn und läuft Gefahr, den Film in seiner Erzählweise und Machart zu verfehlen. Die Autorinnen und Autoren sind dieser Gefahr zumeist entgangen. Isolde Böhme, Rupert Martin und Sabine Wollnik bringen die Subtexte der Traumata präzis mit den durch die komplizierten Film-Erzählungen evozierten Erlebensbewegungen in mehreren Text-Schritten zusammen bei den Filmen von Julian Schnabel, Fatih Akin und Gonzales Iñárritus. Brigitte Ziob arbeitet psychoanalytisch unterfütterte, spannend zu lesende Film-Erzählungen heraus bei »Brokeback Mountain«, »Lemming« und »Hiroshima, mon amour«; sie findet plastische Bilder – beispielsweise für »Nichts als Gespenster«: »Die Protagonisten ziehen wie Touristen durch das Leben«. Angelika Voigt-Kempe geht in einer doppelten Lektüre filmische Erzählung sowie die Protagonisten und deren lebensgeschichtliche Hypothek durch; wobei sie Andreas Dresens »Wolke 9« vor allem unter dem Aspekt des Tabus, die Sexualität der Älteren auszublenden, aufgreift, während sie für Stéphane Brizés Film den Rückzug und den Aufbruch des Protagonisten in eine andere Lebensbewegung im Kontext der Erlebensbewegungen der Kinogängerin und des Kinogängers gekonnt beschreibt. Thomas Auchter pendelt in seinen Texten für die Filme von Kay Pollack, Ali Samadi Ahadis und Oliver Stoltz und Roberte Benigni zwischen filmischer Erzählung und Erläuterung der relevanten psychoanalytischen Konzepte – manchmal zu Lasten des Schwungs seiner Texte. Ingrid Prassel demonstriert mit ihrer rekonstruierenden Erzählung der traumatischen Erfahrungen des Protagonisten in Steven Spielbergs »Catch me if you can«, wie der Aufweis des psychoanalytischen Subtexts die Rezeption dieses schwungvoll und kunstvoll in den satten Farben der 60er Jahre inszenierten Films bereichern und organisieren kann – ich sah den Film erst nach der Lektüre ihres Textes. So präsentieren die psychoanalytischen Erkundungen der sieben Autorinnen und Autoren den Reichtum des Kinos und des psychoanalytischen Verfahrens und machen neugierig auf ihren dritten Lektüre-Durchgang.

LITERATUR
Kael, Pauline (1980): When the Lights Go Down. Marion Boyers: Boston.
Knellessen, Olaf & Reiche, Reimut: Kreuzungen. Eine Analyse von 21 Grams anhand formaler Elemente. In: Psyche 12/2007, 1222.

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