Rezension zu Sequentielle Traumatisierung bei Kindern

gilde soziale arbeit. gilde rundbrief. 1/2012. 66. Jahrgang

Rezension von Jost-Wilhelm Vogt

Hans Keilson: Sequentielle Traumatisierung bei Kindern. Untersuchung zum Schicksal jüdischer Kriegswaisen

Dieses Buch ist der unveränderte Neudruck der Ausgabe von 1979. Der Verfasser, Deutscher, später auch holländischer Staatsbürger, Jude, als Arzt und Lehrer ausgebildet, flüchtete 1936 nach Holland und überlebte mit gefälschten Papieren in Amsterdam. Seine Eltern dagegen konnten sich nicht retten, sie sind im Holocaust umgekommen.

Von ungefähr 140.000 niederländischen Juden überlebten 25–29.000 die Verfolgung, davon 3.500 Kinder. Von diesen fanden 1.417 Kinder wieder ihre Eltern oder überlebende Elternteile, sodass 2041 jüdische Kriegswaisen zu versorgen waren (Angaben des Verfassers).

Im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit hatte er viele dieser Kriegswaisen in ihrer Not persönlich erlebt und begleitet. Somit kristallisierte sich für ihn die Aufgabe heraus, »das Verfolgungsgeschehen in seinen Sequenzen und Konsequenzen, in den individuell- und sozial-psychologischen Faktoren zu erfassen, zu gliedern und die Effekte der kumulativ-massiven Traumatisierung und der Bemühungen um eine soziale Rehabilitation zu beschreiben.«

Der Untersuchung wurden 204 Fälle als repräsentative Stichprobe dieser verfolgten Kinder zugrunde gelegt. Sie wurden 6 Altersgruppen zugeordnet, ausgehend von dem traumatischen Punkt der »Trennung von ihrer Mutter«. Keilson hat das persönliche Erleben der Kinder in drei verschiedenen Phasen beschrieben, nämlich
1. Der Beginnphase der Verfolgung,
2. dem Aufenthalt im Konzentrationslager oder im Versteck und
3. der Nachkriegszeit mit allen Schwierigkeiten der Wiedereingliederung.

Im ersten Teil der Untersuchung »werden klinisch-psychiatrische Diagnosen und psychosoziale Defizienzerscheinungen beschrieben und sowohl innerhalb der Altersgruppen als auch für die verschiedenen Altersgruppen untereinander verglichen.« Nach ca. 25 Jahren wurden alle 204 Fälle im Rahmen einer Nachuntersuchung zur mehr oder minder gelungenen Wiedereingliederung befragt. Die Ergebnisse der Untersuchung werden als Text und außerdem in tabellarischer Form dargestellt. Zusätzlich werden 40 Fälle sozusagen beispielhaft für die verschiedenen Ausprägungen der erlebten Traumatisierungsphasen ausführlich vorgestellt. Abgerundet und wissenschaftlich untermauert wird diese Untersuchung durch einen umfassenden statistischen Teil, in dem die »Wirklichkeit« der o.g. Belastungsfaktoren und ihre z.T. verheerende Auswirkung auf die Menschen auf ihre statistische Stimmigkeit überprüft werden (mit positivem Ergebnis!). Ein hervorragendes Buch, das einen bei aller Wissenschaftlichkeit sehr berühren kann und deutlich macht, dass Überleben der Verfolgungsereignisse mehr bedeutet, als Essen und Trinken und ein Dach über dem Kopf gehabt zu haben.

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