Rezension zu Neue Grundlagen für die Psychoanalyse

Radio Darmstadt, 27.02.2012

Rezension von Walter Kuhl

»Alltag und Geschichte«

Besprechung von: Jean Laplanche – Neue Grundlagen für die Psychoanalyse

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Nun hat sich die Psychoanalyse seit den Zeiten Sigmund Freuds derart weitgefächert entwickelt, so daß man und frau geradezu von einem wahren Wildwuchs sprechen kann. Viele Begrifflichkeiten werden mal mehr, mal weniger scharf benutzt, überhaupt läßt sich eine Tendenz feststellen, in der die empirische Praxis dominiert, die sich nur selten reflektiert und theoretisch abzusichern sucht. Einer derjenigen, die diesem Wildwuchs Einhalt zu gebieten versuchen, indem sie die klinische Arbeit mit einer angemessenen theoretischen Durchdringung verknüpfen, ist der französische Psychoanalytiker Jean Laplanche, dessen Werk im deutschen Sprachgebiet nur unzureichend bekannt ist. Insofern ist es eine verdienstvolle Arbeit des Psychosozial-Verlags, einige seiner grundlegenden Schriften auch in deutscher Übersetzung vorzulegen, wie etwa die im vergangenen Jahr erschienenen »Neuen Grundlagen für die Psychoanalyse«, die im französischen Original schon vor einem Vierteljahrhundert verfügbar waren.

Während in der jahrzehntelang etablierten Praxis Psychologie und Psychoanalyse munter durcheinander wirken und beide für sich beanspruchen, den gesamten psychischen Apparat eines Menschen (oder auch von Menschengruppen) erklären und heilen zu können, so legt Jean Laplanche Wert darauf, die Psychoanalyse auf das Feld zurückzuführen, für das sie Sigmund Freud einst konzipiert hatte, nämlich das Feld des Sexuellen. Indes ist sein in diesem Buch vorliegender Vorschlag für eine Neubegründung der Psychoanalyse wohlbegründet. In Kenntnis der Irrwege wie der Anerkennung wichtiger Erkenntnisse insbesondere der psychoanalytischen Arbeiten im Anschluß an Sigmund Freuds Werk handelt es sich gleichermaßen um ein anstrengend zu lesendes wie fundamentales Vorhaben, das seinen Leserinnen und Lesern das eigenständige Denken nicht abnehmen will.

Ich will nun nicht behaupten, daß ich seine Ausführungen wirklich verstanden habe; zu wenig Ahnung habe ich wirklich vom Werk Sigmund Freuds und erst recht seiner Nachfolgerinnen und Nachfolger. Und doch erschließt sich hier eine Gedankenwelt, die erst einmal angenommen und verarbeitet werden will, zumal sie einige wichtige Erkenntnisse vermittelt. Der 1924 in Paris geborene und somit fast 90-jährige Jean Laplanche ist insbesondere im französischen Sprachgebiet einer der führenden psychoanalytischen Theoretiker. Zusammen mit Jean-Bertrand Portalis verfaßte er in den 60er Jahren das Standardwerk »Das Vokabular der Psychoanalyse« und seit Ende der 80er Jahre entsteht unter seiner Leitung die Übersetzung der Gesammelten Werke Sigmund Freuds ins Französische, eine Arbeit, die aufgrund einiger sperriger Eigenarten des Deutschen gar nicht so einfach ist; und man oder frau kann in seinem hier vorgestellten Buch durchaus den Ärger einer mitunter schlampigen Übersetzung ins Englische finden.

Sein ureigenstes Forschungsgebiet ist nicht nur die Auseinandersetzung mit dem Werk des Begründers der Psychoanalyse, sondern eine kritische Lesart, bei der Laplanche durchaus bereit ist zuzugeben, daß auch er selbst keinesfalls davor gefeit ist, einen der schon genannten Irrwege zu beschreiten. Wer auf diese Weise eine fundamentale Revision psychoanalytischen Denkens versucht, braucht sich nicht dem Vorwurf des Dogmatismus auszusetzen; vielmehr betrachtet er kritisches Denken als fundamental nicht nur für die psychoanalytische Theorie und Praxis. – Und so überrascht es wenig, daß er einen Gedanken Sigmund Freuds aufgreift, den dieser 1897 verworfen hatte, um ihn als »Verführungstheorie« gedanklich weiterzuentwickeln.
Jean Laplanche entfaltet in mühseliger, aber wohl auch notwendiger gedanklicher Kleinarbeit eine Vorstellung von menschlicher Subjektivität, bei der nicht das sexuelle Verlangen, sondern das nackte Überleben den Anfang bildet. Der Mensch, frisch auf die Welt gekommen, ist hilflos und um den Preis des Überlebens auf die Interaktion mit einer vollkommen unverständlichen Erwachsenenwelt angewiesen. Weder natürliche, also angeborene Verhaltensweisen, noch Instinkte prägen sein Handeln oder gar seine psychische Konstitution. Das Kind ist erst einmal da und es bedarf von Anfang an des bzw. der Anderen. Zu diesem recht frühen Zeitpunkt liegen weder Entfremdung noch Verdrängung vor, nicht einmal ein Unbewußtes mag vorhanden sein, denn Gehirn und Bewußtsein müssen erst mit dem konfrontiert werden, was Entfremdung und Verdrängung auslösen kann. Jean Laplanche legt hier großen Wert auf die Unterscheidung zwischen der Ebene der Selbsterhaltung und derjenigen des Sexuellen. Die Verarbeitung des einen sei das Feld der Psychologie, das Verarbeiten des anderen das Feld der Psychoanalyse.

Und so schreibt er über einen Säugling, der weder geschlossen noch eine Tabula rasa, aber dennoch zutiefst fehlangepasst ist. Man gebraucht zurecht weiterhin den Ausdruck »Frühreife«, den wir wie folgt definieren könnten: Konfrontation mit Aufgaben von zu hohem Niveau, gemessen am Grad psychologischer Reife. Doch im Fall des Menschenjungen muss man insofern genau zwei Arten von Vorzeitigkeit unterscheiden, als man gewillt ist, die Ebene der Selbsterhaltung von der des Sexuellen zu unterscheiden. Die Frühreife im Bereich der Anpassung ist an das Problem des Überlebens gebunden; die Frühreife im Bereich der Sexualität ist die Konfrontation mit einer Sexualität, der gegenüber das Kind nicht die adäquate Reaktion besitzt, um diesen aus der Feder von Margaret Mead stammenden Ausdruck aufzugreifen. [127]

Die Verführung im sexuellen Bereich entsteht im Anschluß daran nicht durch unangemessenen Umgang eines Erwachsenen mit diesem Kleinkind, obwohl auch dies möglich ist, aber nicht die Regel. Wenn wir uns hier von einer genitalen Fixierung lösen und einen umfassenderen Begriff erogener Zonen und Stimulation benutzen, dann ist klar, daß das Kleinkind mit dieser so verstandenen Sexualität nicht nur auf verschiedenste Weise konfrontiert werden kann, sondern zunächst einmal auch gar keine Möglichkeit besitzt, diese damit einhergehende gefühlsmäßige Überflutung zu verarbeiten. Es geht also nicht um Perversion oder Urszenen, sondern um ganz normalen Körperkontakt, der schon deshalb stattfinden muß, weil das Kleinkind im Normalfall die Mutterbrust zur Ernährung nutzen wird. Damit geht jedoch nicht nur eine Stimulans einher, sondern auch das unbewußte Ausagieren der die Brust gebenden Mutter. Und so kommt Laplanche zu folgender Aussage:
Mit dem Ausdruck Urverführung bezeichnen wir also jene Grundsituation, in der der Erwachsene dem Kind sowohl nicht-verbale, verbale als auch verhaltensvermittelnde Signifikanten unterbreitet, die von unbewussten sexuellen Bedeutungen durchdrungen sind. Für das, was ich rätselhafte Signifikanten nenne, braucht man nicht lange nach konkreten Beispielen zu suchen. Kann man denn weiterhin in der analytischen Theorie vernachlässigen, dass die Brust selbst, dieses scheinbar natürliche Stillorgan, von der Frau in hohem Maße sexuell und unbewusst besetzt wird? Kann man glauben, dass diese sexuelle Besetzung […] vom Säugling nicht als Quelle undurchschaubarer Fragen wahrgenommen, erahnt wird: Was will sie von mir über das Stillen hinaus und überhaupt, warum will sie mich stillen? [158f] Es handelt sich also um ein Rätsel, das mit der Etablierung eines kindlichen Ichs zur Abwehr und letztlich auch zur Verdrängung führt. Natürlich ist dieser Vorgang ungleich komplizierter zu erfassen, aber er verweist darauf, daß hier keine anthropologische Konstante vorherrscht, sondern es das Soziale selbst ist, das auf den psychischen Apparat eines zunächst vollkommen überforderten Kindes trifft. Hieraus sind weder Vorhaltungen noch bestimmte Verhaltensweisen abzuleiten, sondern nur die Erkenntnis, wie wichtig es ist zu begreifen, auf welch fundamentale Weise das eigene Unbewußte auch auf Andere wirken kann. Umgekehrt bedeutet dies jedoch auch für die psychoanalytische Praxis, daß es zwar möglich ist, das Verdrängte nach und nach dem Unbewußten zu entreißen, aber es nie möglich sein wird, den Punkt zu fassen zu bekommen, an und mit dem alles begann.

Spannend wäre es nun herauszuarbeiten, wie dieses Rätsel sich mit Entfremdung und Anpassungszwang so verbindet, daß dabei Menschen herauskommen, die sich zwar nicht gänzlich unterordnen, aber doch insoweit funktionieren, daß sie die bestehende Gesellschaft und ihre Muster reproduzieren. Wobei anzumerken ist, daß die frühkindliche Prägung keinesfalls als Ausrede für Verhaltensweisen und Handlungen herhalten darf, die ein Erwachsener oder erwachsen Werdender durchaus zu reflektieren und zu ändern in der Lage ist; allein, dies ist eine Anstrengung, die grundsätzlich von dem Willen getrieben wird, sich und die Welt emanzipatorisch zu verändern. (...)

Jean Laplanches Buch »Neue Grundlagen für die Psychoanalyse« ist allerdings nicht nur durch seine theoretische Herleitung nicht ganz einfach zu lesen, sondern zudem durch seine vielfältigen Verweise auf Passagen, in der er einzelne Gedanken näher dargestellt hat, oder auf Fundstellen im Werk von Sigmund Freud. Hinzu kommt eine Fülle von Anspielungen, die der Übersetzer nach Möglichkeit versucht hat, erklärend in den Text zu integrieren. Die deutsche Fassung der »Neuen Grundlagen für die Psychoanalyse« ist im vergangenen Frühjahr im Psychosozial-Verlag herausgebracht worden; sie umfaßt 200 Seiten und kostet 24 Euro 90.

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